Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 4. Besterreichisch-ungsrische Cantoren-Zeitung. uns Genüsse intimster Art geschenkt, näher zu treten. Außerdem hat die Frage einen psychologischen, ich möchte sagen, naturwissenschaftlichen Reiz. .Ich hoffe nun, Sie werden es mir nicht als mephistophelische Denkungsart auszulegen, wenn ich Ihnen im Folgenden den Satz zu beweisen suche, dass die nähere Bekanntschast mit der Privatpersönlichkeit des Dichters oder Künstlers in den meisten Fällen kein Gewinn heißen darf, sondern dass man sich vielmehr zu seiner räumlichen oder zeitlichen Entfernung Glück wünschen soll. Nicht als ob ich meinte; die Werthschätzung verlöre durch die Bekanntschaft. Gleich Ihnen bin ich davon überzeugt, dass die Vorzüge. die Fehler und Schwächen überwiegen. Allein die Vorzüge liegen nicht für Jeden auf der Hand, während die Fehler der Art sind, dass sie den geselligen Verkehr beeinträchtigen, wenn nicht gar in Verdruß verwandeln. Schon aus einem einzigen flüchtigen Besuch erwächst in vielen Fällen das Gefühl der Enttäuschung, welches nicht immer blos in kindlichen Voraussetzungen des Besuchers seinen Grund hat. Bedenklicher noch wird der vermeintliche Verlust durch häufigeren Umgang. Da pflegt der mitgebrachte Nimbus gänzlich zu verfliegen. Oefterer Verkehr, wenn er oberflächlich bleibt, ist sogar das sicherste Mittel, einen hervorragenden Mann zu unterschätzen. Geistreich sagt das La Bruyere : ״Ceux qui connaissent le möins un grand homme, ce sont 368 coniiaissances.“ Erst die Freundschaft und die Liebe findet den persönlichen Werth des Privatcharakters unter den zahlreichen Schwächen heraus, und selbst dazu bedarf es eines milden und großen Herzens. -Denn auch da handelt es sich nicht sowohl um Genießen und Bewundern als um Ertragen und Entschuldigen. Als der schwedische König Karl XIII. der Witwe des berühmten Dichters Bellmann dazu gratulirte, einen so großen Mann zum Gemahl gehübt zu haben, seufzte sie: ״Ach Gott, Majestät, wenn Sie nur wüssten, wie unausstehlich er war!" Der Grund der Unausstehlichkeit oder sagen wir richtiger und gerechter: der U»ersprießlichkeit des dichterischen Privatcharakters beruht nun nicht etwa in Kleinheit, die den Gegensatz zur künstlerischen Größe bildete, wie der Neid der Mittelmäßigen das Verhältnis darstellen möchte, sondern die Unerqnicklichkeit ist eine unvermeidliche pathologische Folge seines Schaffens, also eine Berufskrankheit. Während aber andere Berussarten nur den Körper krankhaft beeinflussen, zieht die fortdauernde produktive Phantasiearbeit auch noch das Temperament und mitunter sogar den Charakter in Mitleidenschaft. .. Von den enormen Anforderungen, welche der Künstlerberuf, wenn er mit Ernst und Größe aufgefasst wird, an den Menschen stellt, von den peinlichen Gewissenssorgen und Seelenängsten, welche׳ der eigentlichen Arbeit vorangehen, macht man sich nämlich kaum eine ahnende Vorstellung. Es ist nichs weniger als das^Opfer eines ganzen Lebens täglich von Neuem dargebracht. Die Muse ״besucht" nicht ihren Auserwählten, sondern sie tyrannisirt ihn schonungslos von frühester Jugend bis zum letzten Athemzuge. Wenn Sie die Biographien ausgezeichneter Dichter lesen, so werden Sie finden, dass meistens schon das Kindesalter einen fortwährenden Krieg bildete, indem diejenige Eigenschaft, -welche ich den.Keim alles Talentes nennen möchte, nämlich die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, in Konflikt mit der Autorität, das heißt mit der Kpnvention gerieth. Zwietracht mit Eltern oder* Lehrern sind da das Allergewöhnlichste. Die sogenannte Entwicklungsperiode geht meist unter entsetzlichen Seelen-Stürmen vor sich, welche hart am Grabe vorbeiführen, während ebendieselben Gewitter das Herz mit denjenigen Blitzfunken laden, aus welchen später bei reifem Können die großen Werke gemacht werden. Anläßlich dieser Jugendstürme bemerken wir folgende auffällige und beherzigenswerthe Thatsache. Anstatt dass die Spiegelung der Außenwelt dann am reinsten geschähe, wenn die Seele am ruhigsten ist, wie es das Gleichnis vom Wasser wünscht und die landläufige Meinung behauptet, geben gerade diejenigen Dichter, welche die tiefsten Seelenstürme erlebten, die besten Beobachter. Die berühmte Beobachtungsgabe großer Dichter besteht nämlich nicht in einer bewussten Aufmerksamkeit aus das was außer ihnen vorgeht; vollends das Studiensammeln und Dokumentenstöbern ist ein untrüglicher Heimatschein der Stümperei. Vielmehr verhält sich die Sache so: Die Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet; während dessen läuft aber allerei Aeußerliches, Unerwünschtes dem Künstler vor das Beobachtungsglas, wie die Fliege über das Teleskop. Dieses Aeußerliche wird mit dem Willen beseitigt, bleibt aber, wie überhaupt alles und jedes, unbewusst im Gedächtnis haften und findet sich dort vor, falls der Dichter es später zu irgend einem Zwecke braucht. Nun besteht eben das Merkwürdige darin, dass die. Fähigkeit zu solcher unbewusster Gedächtnisaufnahme um so größer ist, je bewegter, je erfüllter die Seele sich in dem betreffenden Moment befindet, ein Gesetz, dessen Wahrheit Sie im Leben an sich selbst erproben können. Welche Menschen, welche Naturscenen, welche Oertlichkeiten hasten am lebhaftesten in Ihrer Erinnerung? Etwa jene, die Sie absichtlich beobachten? z. B. die Städte, die Menschen, die Gegenden, die Sie als müßige Touristen in Augenschein nahmen? Gewiss nicht, sondern im Gegentheil, jene, an welchen Sie mit theilnahmslosem Willen Vorbeigiengen, während ihr Gemüth von einem wichtigen Ereignis aufgerührt war. Was wir z. B. auf einem durchgehenden Pferde, den Tod vor Augen, oder im Sturze von einem Gerüste zufällig wahrnehmen, das wird vom Gedächtnis bis in die unbedeutendste Einzelheit ausgeschrieben. Aehnlich bei einem großen Leide, also bei einem Leidgange, oder bei einer großen Freude. Und immer lautet das Gesetz so: je vollständiger die' Seele aufgerüttelt und der Geist absorbirt ist, desto schärfer wird das Zufällige unwillkürlich beobachtet. Die Beobachtungsgäbe des Dichters beruht also gerade in seiner Abkehr von der Wirklichkeit, verbunden mit seinem starken Innenleben. Jetzt werden Sie wohl anch begreifen, warum den prinzipiellen Realisten die Schilderung der Wirklichkeit so unendlich schwer wird, und warum gerade den Idealisten die gewaltigsten realistischen Werke gelingen, wovon Ihnen unter Anderm der Däne Paludan Müller ein Beispiel gibt. Um ein großer Realist zu werden, muß man tief nach innen geblickt haben. Mit dem lieblichen Bilde unserer Musenalmanache, das uns den Dichter darstellt, wie er aus olympischen Krystallaugen die Natur mit überlegener objektiver Ruhe aussaugt, ist es also nichts. Die erste Liebe des Künstlers ist regelmäßig eine unglückliche. Eine Erscheinung, für welche Sie die Erklärung nicht weit suchen dürfen. Denn nur wo er unglücklich liebt, liebt er mit aller Inbrunst des Herzens oder vielmehr mit allem Eigensinn seiner Phantasie. Im Uebrigen ist er ein fabelhast weitherziger Patron, der ohne jede Schwierigkeit ein' ganzes Museum weiblicher Schönheiten nach einander und oft sogar mit einander liebt. Und damit fängt er früh an und