Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. BesterreichisH.ungsrische Csntsren-Zeitung. Zur Biographie Rabbi Jakob Möln Halewi. Von Dr.. M. H. Fried lande r, Pisek. Wenn die deutschen Rabbinen des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts auf litterärischem Gebiete sich nicht durch epochemachende Leistungen besonders ausgezeichnet haben, so darf man sich hierüber nicht im entferntesten wundern. Wie hätten auch diese frommen, gottbegeisterten Lehrer Zeit, Ruhe und Muße gewinnen können, sich um die Förderung der jüdischen Litteratur große Verdienste zu erwerben, wenn ihre armen Glaubens- und Stammesgenossen unablässig den härtesten Bedrückungen und grausamsten Verfolgungen preisgegeben waren? In jenen trüben, düster», verhängnisvollen Zeiten wurde das Studium der religiösen Wissenschaften so sehr vernachlässigt, dass oft Unberufene, und Halbwisser sich erkühnten, rabbinische Fnnktionen auszuüben und in den wichtigsten religiösen und rituellen Angelegenheiten das große Wort zu führen. Diesem Unsuge zu steuern, war Rabbi Meir ben Baruch ha Lewi aus Fulda, Rabbiner zu Wien von 1360 bis 1380, aus allen Kräften bestrebt und bemüht. Er führte nämlich die Promotion der Rabbiner, wie sie in alter Zeit — die sogenannte Semiclia — üblich war, auf's neue ein, indem er angeordnet hatte, dass kein Talmudjünger es wagen dürfe, rabbinische Funktionen auszuüben, so er nicht zuvor von irgend einer anl erkannten talmudischen Celebrität hiezu die Autorisation erhalten hat. Nur wer sich den Titel ״Morenn" erworben, durfte ein Rabbiner-Amt bekleiden, Trauungen und Scheidungen vornehmen und in allen rituellen Fragen Bescheid ertheilen. Der fromme Rabbi dürfte kaum geahnt haben,, dass eine Zeit kommen wird, wo so manches präparirtes Lehrerchen, das sich nie im Leben mit theologischen Studien befasst, über Nacht von seiner Gemeinde zum Rabbiner ״gemacht" werden wird, ohne eine Hatorot Lauraall erlangt zu haben. Einer der bedeutendsten Schüler dieses gelehrten R. Meir war der als die maßgebendste rabbinische Autorität der deutschen Juden des 15. Jahrhunderts anerkannte R. Jakob b. Mose Möln ha Lewi (geb. 1365 gest. 1427), Rabbiner in Mainz, dersich seiner wahrhaften Frömmigkeit, großen Gelehrsamkeit und Charakterfertigkeit wegen einer ungewöhnlichen Popularität zu erfreuen hatte. Wie seine Lehrer, R. Meir Halewi und R. Schalom aus Oesterreich, Rabbi zu Wiener Neustadt, war auch R. Jakob Möln, ״Maharil" genannt, bestrebt, die religiösen Bräuche und Sitten ״Minhagim" zu sammeln und uiederzuschreiben, um sie der Vergessenheit zu entreißen. Diese Auszeichnungen enthalten schätzbares Material zur innern Geschichte der Juden Deutschlands im Mittelalter; denn in denselben werden uns sowohl die syuagogalen als die häuslichen Bräuche, Ceremouien und Sitten bei freudigen und traurigen Familienereignißen und religiösen Festen der deutschen Juden geschildert. So wollen wir hier beispielsweise die Hochzeitsfeier, wie sie damals nach der Schilderung des Maharil h. Nisuin stattgefunden, beschreiben: Wenn in Mainz im Sommer eine Trauung stattgefunden hat, so Pflegte man Donnerstag gegen 3 Uhr Nachmittags das Minchagebet, bei dem das übliche .״Vajaniner David“ nicht recitiit wurde, zu verrichten. Nach Beendigung desselben wurde das Hochzeilsmahl gehalten und dann erst das Abendgebet ״Tefilat A1*wit“ verrichtet. Im Winter hingegen wurde das. Hochzeitsmahl erst in der Nacht, nachdem mail Mincha- und Arwitgebet ohne Zwischenpause nacheinander verrichtet hatte, ge- Nr, 4. halten. Freitag wurde die ganze Gemeinde früh morgens vom Synagogendiener zum Gottesdienste gerufen und zur Thejlnahme an der Hochzeitsfeier geladen. Der Rabbiner führte den Bräutigam vor sich Her, und die ganze Gemeinde,. unter Vortragung -von Fackeln und Musikbegleitung, folgte ihnen nach. Sobald sie im Synagogenhofe angelangt waren, verfügten sich die'Fackelträger und Musikanten zur Braut, um sie ebenfalls dorthin zu begleiten. Nach ihrem Eintreffen daselbst führten ihr der Rabbiner und die Honorationen der Gemeinde den Bräutigam entgegen, der sie an der Hand fasste, während die Anwesenden das Brautpaar mit Weizenkörnern bestreuten und ihnen dabei die Worte des Psal׳ misten zuriefen: ״Er wahre den Frieden in deinem Gebiete und sättige dich mit dem Mark des Weizens." Hand in Hand gingen die Verlobten bis zur Synagogenthür, wo sie sich niedersetzten, und einige Augenblicke verweilten. Dann wurde die Braut nach Hause geführt, damit sie ihre Toilette vollende, wahrend der Bräutigam im sabbatlichen Anzüge in die Synagoge hineingeführt wurde, wo er neben der heiligen Lade an der nordwestlichen Seite Platz genommen hatte, um dem Morgengottesdienst anzuwohnen. Nach Beendigung des Schacharit-Gebetes gieng nun bie . Trauungsfeierlichkeit in folgender Weise vor sich: Die Braut wurde unter Musikbegleitung bis zur Synagogenpforte geführt und während sie daselbst verweilte, führte der Rabbiner den . Bräutigam zur Emporbühne ״Almemor" in die Mitte der Synagoge und streute ihm zur Erinnerung an die Zerstörung ׳ .Jerusalem's Asche auf's Haupt, und zwar an jene Stelle, wo die Philakterien ״Tefillin" angelegt werden. Dann verfügte sich der Rabbiner in Begleitung der angesehensten Mitglieder der Gemeinde zur Syuagogenpforte, um die Braut abzuholen. Der Rabbiner fasste sie beim Kleide und führte sie zum Bräutigam und stellte sie nach Ps. 45, 10 zur Rechten desselben. Das Brautpaar stand so, dass das Angesicht nach Norden gewendet war. Die Mütter der Brautleute standen während des Trauungsactes auf der Emporbühne ״Almemor", oder es nahmen andere Verwandten diesen Platz ein. Mit dem ״Talit" (Gebetmantel) oder mit dem Zipfel des Bräutigams-Mantel wurde das Brautpaar eingehüllt, und der Trauungsact' gieng vor sich. Es wurden die Benedictionen gesprochen ״Bircliat Erusin.“ worauf der Rabbiner zwei Zeugen befragte, ob der Trauring den Werth einer Pruta habe, was sie bejahten. Nachdem dies geschehen war, steckte der Bräutigam den Trauring an den Zeigefinger der Braut und zwei Zeugen mussten - die Echtheit der Ketuba bestätigen. Dann sprach der Rabbiner ohne die - Ketuba vorzulesen, die zweiten Benedictionen ״Bircsiat Nisuin“ gab den Brautleuten aus einem Kelch den Wein 7des Segens zu trinken und der Bräutigam musste zum Schlüsse ein Glas an die Wand schleudern u. s. w. (Schluss folgt.) Die Persönlichkeit -es Dichters und Künstlers*). Eine psychologische Studie von Carl Spitteler. II. ־ Was sind nun dem gegenüber die wirklichen gemeinsamen Merkmale der dichterischen Privatpersönlichkeit? Es verlangt ja nach ihnen nicht blos die fürwitzige Neugier, sondern auch jenes edle Dankgefühl, das auffordert, demjenigen, dessen Werk *) Vortrag, gehalten am 19. Decemberim Kaufmännischen Verei n in St. Gallen ' . ..