Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Gntirn - Ziiioii Pr«nun,erkitions Preis. Kür ßanloreu und Huttusöecmle in Hekerreich-Iingarn Ganzjährig.sl. 4 — Halbjährig . ׳. . . . fl. 2.— Kür Kantoren und tzuttusöeamte im Ausland Ganzjährig.S. Mark j oder 4 Rubel. Aar private und Anstilute Ganzjährig.. fl. 6.— Central-Organ für die Interessen der Cnntoren und Cultusbeamken. Erscheint!edeir zehnten Tag. ———- Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Wedaction und Administration Wien II. Novaragaffe Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Abonnements׳- und Jnsertionsbe» trüge stad in Wien zahlbar. Nr. 4 Wien, l. Februar 1892. 12. Jahrgang. Gelang und Mufik zur Zeit des Talmud '). Ein Beitrag zur Geschichte dieser beiden Künste. Von Dr. M. Grünwald, Rabbiner in Jungbunzlau. Die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem hatte nicht nur den Nationalboden den Israeliten entfremdet, sondern unter vielen Anderem auch die Entwicklung des Nationalgesanges, wenn auch nicht völlig zerstört, so doch in sehr enge, fast möchten wir sagen, allzuengc Grenzen gebannt. Denn fortan war es mit den geselligen Gesängen vorüber und nur religiöse Gesänge, wehmuthgetränkt, durften an heiliger Stätte ertönen. Wen, der noch nicht ganz jedes Heimatsgefühl verloren hat, rührt es nicht bis ins tiesinnerste Herz hinein, wenn er den 127. Psalm, der seit Jahrhunderten zum Tischlied für Israel an den Wochentagen geworden ist, liest und die durch ihre schlichten Worte umso ergreifender wirkenden Sätze sich zu Gemüthe führt: ״Auf Bachweiden hängten wir unsere Harfen, .,wie könnten wir das Lied Gottes singen auf fremdem Boden?" Nur eine Ausnahme war vorhanden, und dies war, um mit dem Talmud zu spreche«, um משמח חתן וכלה B räutigam und Braut zu erfreuen. Da war der Gesang mit Musikbegleitung nicht nur gestattet sondern sogar geboten. Wenn schon überall, nach Zerstörung des Tempels und des jüdischen Staates, eine Erinnerung an das ehemalige Glück des jüdischen Staatslebens sollte gemacht werden, und dies bei der Trauungsfunetion durch Zerbrechen eines Glases — denn Glück und Glas, wie leicht bricht das — festgehalten werden sollte, so sollte andererseits, und dies zeugt nicht nur für den tief-psychologischen Blick des.Talmud, sondern auch für die hohe ethische Bedeutung, die das Judenthum, Bibel und Talmud in gleicher Weise der Eh e zuschreiben, das bewegte Gemüth der Brautleute erheitert und befreit werden durch erhebenden Gesang von der bangen Sorge um die dunkle Zukunft. Zwar hatte der Nationalgesang schon, nachdem das Synhedrion zu wirken aüfgehört hatte, sein Ende erreicht, wie dies aus׳ dem Tractate Sotah (Fol. 68.) zu ersehen ist : משבטלה סנהדרין בטל שיר בבית המשתאות שנאמר בשיר לא ישתו יין■ ומר שכרי ״ לשותיוSeitdem das Synhedrion zu Jerusalem seine Amts׳ .*) Vergleiche Hamburger's Real-Encyclopädie II. s. v. Tempelmusik. thätigkeit über Leben, und Tod**) eingestellt hatte, hatte das Lied in dem Hause der Trinkgelage völlig aufgehört, denn so wird (J68afa Capitel 24. Yers 9.) gesagt: Beim Liede werden sie keinen Wein mehr trinken, bitter wird das berauschende Getränk den es Trinkenden sein" ***); aber in der Synagoge und bei den erhebenden Nationalfesten, am Pessach-, Schabuoth- und Sukkoth - Feste und dem allwöchentlichen Ruhetag wurden die uralten, durch die Erinnerung an Jerusalem geheiligten Mevodien aufgefrischt, und dadurch erhalten, und der Vergessenheit entrissen. Denn nicht nur Singen, sondern auch mit Musikinstrumenten den Gesang begleiten, war beim Hochzeitsmahle gestattet. Uebrigens war sowohl bei Griechen als Römern der Gesang von Musik begleitet. (Man vergleiche Westphal's ״Harmonik und Melopöie der Griechen" und L. Friedländer's ״Darstellungen aus der Sittengeschichte Rom's in der Zeit von August bis zum Ausgang der Autonomie" in sämmlichen drei Bänden dieses klassischen Werkes). Juvenal nennt sogar (VII 18) denjenigen einen Dichter, welcher tönende Beredtsamkeit mit melodischen Weisen zu verknüpfen im Stande ist. Dass jedoch diese Art des Gesanges ursprünglich jüdisch, zum mindesten unter den Culturvölkern zuerst der jüdischen Nation zu eigen ist, ersehen wir aus dem herrlichen Liede Mosis und Mirjams am rotheu Meere — wir wollen gelegentlich nicht unerwähnt lassen, dass Professor Ebers in seinem Romane ״Josua" die Autorschaft des Liedes sogar der Mirjam zugeschrieben wissen will — denn da heißt es (II. Buch Mosis Cap. 15, Vers 20. und 21.): Mirjam die Prophetin, Ahrons Schwester, nahm die Pauk e in die Haud, und ihr nach zogen alle Frauen hinaus mit'Pauken und mit Reigen. Da entgegnete ihnen Mirjam: ״Singet Gott, wie hoch, wie hoch er gewesen, Ross und Reiter hat er in's Meer geschleudert." (Fortsetzung folgt.) **) Dass, solange das jüdische Synhedrion dasju8vitas nsvisguo (das Recht über Leben und Tod) hatte, ein Todesurtheil sehr selten gefällt wurde, entsprach ebensosehr der jüdischen Milde, als dem strengen Gerechtigkeitsgefühl und dem im Volke tiefwurzelnden Bewusstsein, dass Urtheilfällen eine göttliche Sache sei. ***) Aehnliche Stellen finden sich im Tractate Gittin Folio 7 a, so die bezeichnende Stelle aus Hosea Cap. S. ״Freue dich nicht Israel bei dem Jubel der übrigen Völker."