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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-01-21 · Heft 3 (21.1.1892) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 3 (21.1.1892)
Date
1892-01-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Bksterrtichisch-ungsrische Cantoren-Zeitung. .Nr. 3. lichkeit des Dichters und Künstlers ihre hohe Berechtigung; ja auf sie reduzirt sich schließlich die wahre Kunstkritik. , Allein diese Frage kann auch ausarten und sie ist ausgeartet. Das geschieht aber, sobald litterarhistorische Ueberbildung das Kunstwerk Ln die zweite Linie, die Persönlichkeit des Künstlers dagegen in die erste rückt. Verschiedene Beweggründe haben unsere Generation hiezu verführt; Byzantinisches Klimbin, ich meine den Götzendienst .und die Heiligenlegenden um unsere . Klassiker herum, ferner andächtige romanhafte Klatschsucht, welche nicht in Frieden sterben kann, ehe ste jedem Künstler ein Liebschäftchen angekuppelt hat (denn all unsere Kunstweisheit mündet ja schließlich in Frauengestalten), ferner allere! ethischer Aberwitz, wie und wasmaßen des Künstlers höchstes Kunstwerk sein Leben sein solle (eine Forderung, welche Shakespeare zu einem bedenklichen Pfuscher erniedrigen würde) und endlich die Hauptfache: nachsehende Unfähigkeit, das Kunstwerk aufrichtig zu genießen. Deshalb gibt man seine Visitenkarte beim Künstler ab. So ist ein Dichterkultus und eine Geniesucht endemisch geworden, deren schädliche Wirkungen aus die Litteratur ich Ihnen hier in der Kürze natürlich nicht entwickeln kann. Wenn Sie jedoch etwa vielleicht glauben, dass dergleichen den Patienten angenehm sei, so bitte ich um die Erlaubnis, das Gegentheil behaupten zu dürfen. Nicht etwa, als ob es den Geschmack der hohen Herren beleidigte, dass man ein gar so übertriebenes Wesen von ihnen machte! Denn der Künstler oder Litterat, welcher in seinem Herzen zugäbe, dass man ihn überschätze, muß erst noch geboren werden. Sondern einfach, weil die Sucht nach der Persönlichkeit des Künstlers naturgemäß von fertigen Vorstellungen, also von Forderungen begleitet ist, welche der Berufene unmöglich erfüllen kannwährend der gehalt- und haltlose Nachahmer sich ihnen mit Leichtigkeit anpasst. Dann geht es mit den zugedachten Ehren, wie wenn Sie den Amseln Brot streuen: Die Sperlinge werden davon fett; die Amseln aber frisst die Katze! Nämlich die Forderungen eines Zeitalters an des Dichters und Künstlers Persönlichkeit sind unfehlbar ungereimt. Erstens weil sie ihm zumuthen, dem retoUchirten Bild zu gleichen, das von einem Vorhergegangenen abstrahirt wurde; zweitens weil die Forderungen alle fünfzehn Jahre wechseln und überdies mit Vorliebe einander widersprechen, sodass der arme Musenwurm, um den populären Wünschen zu genügen, wenigstens vier verschiedene Charaktere besitzen müsste; drittens, weil die Forderungen meistens einen kleinen Stich ins Kindische haben. Die Geschichte steht mir zum Zeugen, dass ich nicht übertreibe. Ein Jahrzehnt lang wird als unerlässliche Bedingung der Anerkennung vom Dichter verlangt, dass er beständig gueine und seufze. Ein anderes Mal soll er als verrückter Pudel mit offenem. Hemdkragen und zerrissenem Gemüthe einherstürmen und zwischen zwei Reimen drei Herzen knicken. Wieder ein ander Mal soll er harmonisch ausgeglichen auf der linken Zehenspitze balanciren, den kleinen Finger zierlich an den Mund gedrückt wie eine TerpsichorH Dann plötzlich wieder lautet die Parole: Ruppigkeit und Struppigkeit. Wer keine Borsten aufweist, wer kein in der Wolle gefärbter Philister, kein Erzpedant ist, dem wird jetzt die Dichterqualität abgesprochen. Und kaum dass man sich etwas von dem Schrecken erholt hat, siehe da: nun soll er wieder vom Scheitel bis zur Sohle psychopathisch sein wie eine stigmatisirte Nonne. Bemerken Sie wohl, dass -für alle diese Forderungen Beispiele aus Geschichte und Gegenwart vorliegen und dass jedesmal die Forderung als unerlässlich gehandhabt wird. Der Dichter^ und׳ Künstler kann also., nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seines Geburtsjahres und im Auslesen seiner angeborenen Eigenthümlichkeiten! : '7 . (Fortsetzung folgt.) Kleine Ehrmik. Men Die großherzoglich hessische Kammersängerin, Frl. Jettka Finkenstein, Tochter des . Cantörs Finkenstein in Posen,., gab letzten Samstag im Bösendorser Saale ein Concert, in welchem die Künstlerin vielen Beifall, erntete. . Sämmtliche Wiener Journale äußerten sich in -anerkennender Weise. So z. B. schreibt das' ״Fremdenblatt" : Das Concert erscheint-uns insofernebedeutsam, als wieder einmal eine ausgesprochene künstlerische Individualität das eingelebte und altgewohnte Einerlei der Liederabende durchbrochen hat. Fräulein Finkenstein war uns bisher nicht einmal dem Namen nach bekannt; umsomehr waren wir überrascht, in ihr einer vollgereiften und abgeklärten Künstlerin zu begegnen, welche ihre glänzenden und umfangreichen Stimmmittel mit erlesenem Geschmack und erstaunlicher Kunstfertigkeit in den Dienst der jeweiligen Auf- .gäbe stellt. Wir hörten Gesänge verschiedenster Style von Pergolese bis zu den Neufranzosen: Fräulein Finkenstein wurde! jeder Richtung vollauf gerecht. Sie war vornehm und edel mit dem Classiker, romantisch sinnig mit unseren deutschen Liedermeistern und voll übermüthiger Laune in Massä's Piece, welch' letztere sie mit hinreißendem. Temperamente und verbluffender Kehlenfertigkeit sang. Dem Gebiete der Oper gehörten die ״Segen-Arie" aus dem ״Propheten" und Mignon's ״Kennst Du das Land?" an; die Concertgeberin entnahm diesen Stücken alle pflichtschuldigen Effecte und that -noch, ein klebriges nach der geistigen Seite. Die Wirkung war mächtig; . und wir glauben, sie würde auch auf der Bühne nicht ausbleiben. Fräulein Finkenstein wurde nach jedem Vortrage mit großem Beifall überschüttet; seit Hermine Spieß ist keine Altistin von solcher künstlerischer Vollendung auf dem Concert- Podium erschienen. - 7 Wien. Von der Commission der internationalen. Musik- Ausstellung erhalten wir folgende Mittheilungen: Die geradezu unschätzbare Sammlung von Codices und Musikwerken des 16. und 17. Jahrhunderts aus dem Besitze des Hauses Modena wird Dank dem Entgegenkommen des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand von Oesterreich-Este zum erstenmale ׳der Oeffentlichkeit und der freien wissenschaftlichen Benützung übergeben und ausgestellt werden. Der Herzog von Cumberland stellt eine Reihe von Compositionen seines Vaters, des Königs Georg von Hannover, zur Verfügung, desgleichen zwei Bände über musikalische Aesthetik von der Hand des verstorbenen Königs. Graf Albert Amadei exponirt eine reiche -Fülle werthvoller Autographe,. Partituren, Briefe und Musikwerke. Besonders hervorgehoben sei ein Skizzenbuch Beethoven's aus den Jahren 1801 bis ׳ 1802. Ein Clavier, das Beethoven häufig benützte, wurde der Ausstellung von Fürst Lichnowsky überlassen. Fürst Nikolaus Esterhazy meldete eine größere Anzahl von Haydn-Reliquien, darunter die Schildkrot-Violine des Tondichters, sowie eine Reihe erster Ausgaben, Original-Partituren und Handschriften an. Die Sammlung Baron Nathaniel Rothschild's wird durch Instrumente und Musikwerke aus. dem 16., 17. und 18. Jahrhundert vertreten sein. Eine Autographen׳-Collection polnischer Künstler, sowie auch Originalwerke berühmter Musiker überhauvt verspricht der Capellmerster Adam Münchheimer aus Warschau zur Ansicht zu bringen. Eine ungedruckte Polonaise Chopin's, sowie eine ebenfalls ungedruckte Partitur Mozart's sollen sich darunter befinden. Herr Meinert aus Dessau meldet eine reichhaltige Sammlung von Beethöven-Reliquien an, die seinerzeit bei der Bonner .Beethoven-Ausstellung den Mittel- Punkt des Interesses bildete. Außerdem noch -die Original- Partituren von Beethoven's ״Egmont"-Musik, Mozart'Z ״Schauspieldirectox", Schübert's ״Winterreise"'und Wagner's ״Rienzi". - Ferner exponiren: das ungarische Landesmuseum für . Musik und darstellende Kunst, das Landesmuseum -in Krakauder Musikverein ebendaselbst, weiters der Steiermärkische, der Brünner und Laihacher Mustkverein. ׳ י ׳

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