Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1892)
- Date
- 1892-01-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453241-3453244--3363-3457710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3. Bestkn-eichlsch-ungsristhe Csntoren-Zeituny. Sinte 5. allbekanntes, hundertmal gedrucktes Lied von den schönsten Augen wurde mir in Rußland ganz fröhlich als russisches Volkslied angeboten. Was würden Sie aber vollends dazu sagen,, wenn ich Ihnen als möglich hinstellte, dass Beethoven'sche Sonaren einmal als Volkslieder aufmarschirten? Nun, ich habe es mit eigenen Ohren und Augen erlebt. Eine Zigeunerbande kündigte eine alte zigeunerische Volksweise an und sang unter diesem Titel: den ersten Satz der 80nats patlistigus, sammt der Jntroduction und ohne die Läuferpassagen zu vergessen! Solche Erfahrungen und Beobachtungen sind geeignet, um bei Denkenden den landläufigen Begriff von Volkspoesie zu korrigiren. Nämlich Volkspoesie ist nicht unpersönliche Poesie, nicht Product irgend einer collectiven Volksseele, sondern einfach eine nachträglich anonymistrte Anthologie von verschiedenen Verfassern und zwar meistens von gebildeten Dilettanten, denen ausnahmsweise zum Unglück etwas Gelungenes passirte. Von den großen individuellen Künstlern zu der Volkspoesie flüchten, heißt einfach die Meister der Kunst gegen Schullehrer, Pfarrer und Advokaten vertauschen. Wenn nun dergestalt das Volk, also der naive Mensch, ein eingefleischter Anonymisator ist, so sehen Sie leicht ein, dass von hier bis zum modernen Persönlichkeitskultus ein ungeheurer Weg zurückgelegt werden musste. Vor allem musste gelernt werden, dass das Kunstwerk einen idealen Werth von unermesslicher Höhe repräsentirt; was bekanntlich dem naiven Menschen nichts weniger als leicht eingeht. Dichterproducte, welche der moderne Bildungsstaat mit Gold aufwägt und derer Auffindung dem glücklichen Gelehrten Ruhm, Ehren, Orden und Pensionen einbringt, gibt das Volk als werthlose Schnurrpfeifereien verächtlich von Mund zu Mund und-von Großmutter zu Enkel. Was für eine Mühe hatten die Sammler die herrlichen Volksepen der Serben vorgetragen zu erhalten t Denn die Sänger schämten sich des ״kindischen Zeuges". Aehnlich ergieng es Grimm bei der Sammlung der deutschen Volksmärchen. Ueberall und immer gilt dem naiven Menschen die Kunst für Tand unb der Künstler für einen Tändler. Wer seine Kindheit im Volke zugebracht hat, weiß davon zu erzählen. Dann musste man darauf aufmerksam werden, dass das Gediegene in den Künsten seltener gefunden wird als im Handwerk, dass mehreres Tüchtige aus der nämlichen Quelle zu fließen pflegt, dass Tausende nichts, Einer unermesslich viel Schönes zu leisten vermag. Das Erstaunen hierüber begründet den populären Ruhm, welcher nicht sowohl demjenigen zu Theil wird, der Großes als demjenigen, der wiederholt Auffälliges leistet. Dann Pflegt das Volk auch, nachdem es sich einmal mühsam einen imponirenden Namen gemerkt, ihm alles Herren- und namenlose Kunstgut zuzufchreiben, wovon die Literaturgeschichte der alten Völker viele Beispiele aufweist. Denken Sie an die Psalmen David's und an die Sprüche Salomons, von welchen neun Zehntheile ״unecht" sind, das heißt von anonymisirten Verfassern stammen. Also statt ״Jedem das Seine" urtheilt das Volk in Kunftsachen: ״Wer da hat, dem wird gegeben." Ein weiterer, und sehr schwieriger Schritt war die Beobachtung, dass Vollkommenes im Kleinen oder Großen nur von persönlich Großen geschaffen werden kann. Wie ungemein schwierig diese Erkenntnis ist, zeigt Ihnen die Schar der lyrischen Dilettanten, welche in ihrem harmlosen Gemüth keine Ahnung davon haben, dass auch das kleinste Lied eine hervor׳ ragende Originalität des Dichters voraussetzt, sondern alles Ernstes von irgend welcher Begeisterung Gelingen hoffen. ״Die Gunst der Stunde!" ״Der Kuss der Muse!" Schön und gut. Leider genießt diese Gunst nur derjenige, der ohnehin Günstling ist, und die Muse küsst nur Gesichter mit scharf ausgeprägtem Profil. So ausschlaggebend ist in aller Kunst die Persönlichkeit, dass selbstschaffende Künstler aus der geringfügigsten Probe sofort zu entscheiden vermögen, ob derjenige, der diese einzige Seite geschrieben, überhaupt ein Berufener oder ein Schwächling ist. Es hat also die Frage nach der litterarischen Persönein Judein der inneren Stadt Wien überhaupt erbauen, besitzen und mit seiner Familie bewohnen durfte. Der Gründer dieses Hauses war der kaiserliche Oberfaktor und Hofjude Samuel Oppenheimer, seiner Geburt nach ein Frankfurter: Die Gunst und Gnade aber, so hohes Privilegium von römisch-kaiserlicher Majestät Leopold. I. verwilligt zu erhalten, verdankte er niemand Anderem als dem größten und siegreichsten Heerführer Oesterreichs, dem Feldmarschall Prinzen Eugen von Savoyen. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen. Von M. Rosenfeld, Cantor in Pisek. (Fortsetzung). IV. Die früher» Exegeten liebten es, schwer verständliche Stellen der Thora al pi moschol auszulegen. So kommt mir anlässlich der dieswochigen Sidra ein Gleichnis in Erinnerung, welches ich von meinem unvergesslichen Lehrer, dem Hebraisten I. H. Kohn hörte. Wir lesen. 2. B. M., Kap. 2, V. 13. ״Und er gieng hinaus am folgenden Tage, und siehe, zwei ibrische Männer zankten sich, und er sprach zum Schuldigen: Warum schlägst du deinen Nächsten?" Fragt sich nun, wie konnte Moses, der während des Streites ankam, wissen, welcher von beiden eigentlich der Schuldige sei? Hiezu folgendes Gleichnis: Ein Kaufmann fuhr mit seinem Kutscher auf den Markt. In der Nacht, als der Kaufmann, fest schlief, nahm der Kutscher die Kleider des Herrn an sich und kleidete den Herrn als Kutscher. Morgens, als der Herr erwachte, befahl er dem Kutscher anzuspannen und weiter zu fahren; dieser aber wehrte sich steif gegen diese Zumuthung und behauptete, er selbst sei der Herr und habe da zu befehlen. Sie stritten lange hin und her und giengen schließlich zum Richter. Hier war der Kutscher eben so frech zu behaupten,, er sei der Herr; der wirkliche Herr aber verfocht nur sein gutes Recht. Dem Richter war es schwer zu entscheiden, auf wessen Seite das Recht sei, da er keine der Partheien kannte. Hier war guter Rath theuer. Der Richter war jedoch ein weiser Mann und hieß beide sich entfernen. Als sie schon an der Thüre waren, rief der Richter mit lauter Stimme: ״Kutscher!" Dieser seine Rolle vergessend, sah sich um und war dadurch entlarvt. Moses, welcher auch nicht gleich wissen konnte, wer der Schuldige sei, rief: Roscho! Als dieser sich umblicke, fragte Moses: lomo sake reecho? Von dem Obgenannten habe ich auch folgende sinnreiche Auslegung der Schlussworte des V. 13. Kap. 29 des 1. D. M. Der habgierige Laban eilt Jakob entgegen, umarmt und küsst ihn, dies alles in der Hoffnung, hier ebenfalls Gold und Kleinodien zu finden, wie einst bei Elieser. Da erzählt ihm aber Jakob את בל הדברים האלה. Welche Begebenheiten aber er erzählte, ist hier nicht angegeben. Diesen Mangel vervollständigte der selige K. durch Auslegung der 1*08611« tewos in den obigen vier Worten folgend: אל תתמה כי לא הבאתי דבר בממון רב יצאתי משם הלך אליפז לפח הבל Wundere dich nicht, dass ich nichts mitgebracht, mit vielem Gelde gieng ich von dannen, da kam Elifas und nahm alles. Dies stimmt auch mit dem Commentar Raschi's überein.