Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1892)
- Date
- 1892-01-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Desterrerchifch-ungarifche Cantoren-Zeilung. Seite7 ׳. Nr. t l Wien. Mil Bezugnahme auf die in vorletzter Nummer in! unserem Blatte veröffentlichte Correspondenz aus Bisenz geht uns von Herrn Cantor Grünwald in Döbling die Berichtigung zu, dass nicht Rabbi P. Toff, sondern der selige Vater des Herrn Grünwald Gründer der Chewra-Kcidischa in Bisen; gewesen sei. Rabbi Toff war bei Gründung des Vereines nicht mehr unter den Lebenden. Wrag. (Die L a n d e s j u d e n s ch a s t - R e p r L s e ntanz als w e i t e r e s Objekt der Zweitheilung.) Anknüpfend an die Rede des Stadtverordneten Dr. Freund, in welcher der letztere der Hoffnung Raum gab, dass die böhmischen Juden in Bälde der Germanisation werden entrissen werden, erhebt die ״D. Leipaer Ztg." resolut den Ruf nach Zweitheilung der Landesjudenschaft-Repräsentanz. Interessant ist der Hinweis dieses. Blattes auf die Theilung des Landeskulturrathes. Es sagt nämlich: ״So gut die deutschen ׳Bauern die großen Vortheile, des Landeskulturraths heroisch ausgaben, so gut die Deutschen die'Gemeinschaft in allen Schulsuchen kündigten, so freiwillig müssen die deutschen Juden endlich die Trennung vollziehen von jenem Volkstheile, der nicht ihrer Gesinnung ist. " Die ״D. Leipaer Ztg." verlangt eine Repräsentanz der deutschen Landes-Judenschaft in Prag oder ״Töplitz" und versichert die deutschen Juden, dass damit dem Antisemitismus die gefährlichste Waffe aus der Hand gewunden werden würde. Welchen Werth diese Behauptung hat, erhellt aus der ganzen Welt bekannten Thatsache, dass der deutsche Antisemitismus eben nur die Folge des Umstandes ist, dass die Israeliten sich in Massen dem Deutschthum angeschlossen. Der deutsche Antisemitismus hasst ja gerade die — deutschen Juden. Kaschair, 18. Jänner. Anlässlich einer Wählerversammlung kam es gestern hier zu argen Exzessen zwischen Anhängern der liberalen und Nationalpartei, die auf eine bisher unaufgeklärte Weise schließlich zu einer antisemitischen Hetze ausarteten. Unter feindseligen Rufen gegen die Juden zogen die Excedenlen gegen das jüdische Schulhaus und schlugen daselbst sämmtliche Fenster ein. Von hier vertrieben, erschienen sie vor der Synagoge, deren' Fenster sie gleichfalls zertrümmerten. Da die Localpolizei zu schwach war, um der Tumultuanten Herr zu werden, wurde Militär requirirt. Als die Menge der Soldaten ansichtig wurde, stob sie auseinander, die Wenigen aber, welche Widerstand leisteten, wurden verhaftet.. Nach einem vorliegenden Berichte wäre in dem kurzen Handgemenge auch eine Person verwundet worden. Wuttek. Vorgestern wurde im hiesigen Gemeinde-Sitzungssaale ein seltener Fall verhandelt. Ein Fräulein Steinberger behob nämlich vor drei Monaten in einer hiesigen Collectur, da das Glücksrad ihre drei geträumten Nummern auf die Lottotafel zur Schau brachte, eine bedeutende Summe Geldes. Aus Anrathen ihrer Freundinnen ließ sie eine vollständige Garnitur, nämlich einen Vorhang für die Bundeslade, ein Mäntelchen für die Thorarolle und ein Wickelband, mit passender Inschrift und ihrem Namen in goldgestickten Buchstaben ansertigen und dieselbe als Spende für den Tempel dem Vorstand zustellen. Wochenlang zeigten die Andächtigen mit Stolz auf das Geschenk dieser frommen und glücklichsvielenden Tochter des Ortes. Allein der Grundsatz »nosoliira daaton kalaus" bewies sich auch bei diesem Fräulein; denn als sie kurz daraus im Freudenräusche den hiesigen Beamtenball besuchte, äußerte sie ihrem christlichen Tänzer gegenüber witzweise: die hiesigen Juden müssen sich im Tempel vor meinem Namen bücken, ja sogar denselben küssen. Als der Vorstand von dieser Aeußerung hörte, wurve ihr das Geschenk sofort zurückgestellt. Bald darauf erkrankte Fräulein Steinberger, wohl nach Aussage des Doctors in Folge einer auf diesem Balle sich zugezogenen Influenza, währenddem sie selbst behauptete, sie müsse wegen ihrer gethanen Aeußerung sterben. Diese Einbildung artete in eine bedenkliche Gemüthskrankheit aus, so dass׳ der Arzt den Vorsteher ersuchte, die Garnitur zur Gemüthsberuhigungder Patientin abzuholen, umhiedurch gefährliche Dimensionen hintanzuhalten. Der Vorsteher folgte, sofort dem ärztlichen Aufträge. Die Meinung, dass, wie sie selbst sagte, .-das ״Zehntel" ihres.Glückes wieder der heiligen Bestimmung übergeben wurde,- stärkte die Kranke und führte nach und nach ihre Genesung herbei. Als aber die Ausschuss- Mitglieder in der letzteZ Sitzung, über die nochmalige Annahme oder Nichtannahme sich nicht einigen konnte, rieth Herr Cantor Grünblatt folgendes: Fräulein Steinberger sei zu verpflichten, Namen und Inschrift auf eigene Kosten zu entfernen und statt dieser eine andere passende Inschrift anzubringen. Der Vorstand gab sich hiermit zufrieden und Fräulein Steinberger folgte schön. — ״hämowes wehachajim bejad haloschaun!“ JLapos. Die hiesige Gemeinde beschloß, ein Badhaus zu bauen, und auf Fürsprache des Güterdirectors bewilligte die Herrschaft hiezu das nöthige Baumaterial. Als der Vorstand hiefür seinen persönlichen Dank abstattete, gestand der Herrschastsbesitzer, dass ihm sein g. s. Vater gar oft eingescharst habe: ״Wenn ich nicht mehr bin, erhalte Du meine Gewogenheit meinen hiesigen Israeliten". Werkin. Ueber den Unfall in der neuen Synagoge wird gemeldet: Während des Abendgottesdienstes stürzte gegen 4 Uhr plötzlich ein Gas-Sonnenbrenner von der Decke herab und zerschmetterte bei seinem Aufprall den Sitz Nr. 59 des rechten Mittelschiffes. Glüklicherweiie war gerade dieser Sitz freigeblieben. Einem Herrn dagegen fiel ein glühendes Stück Eisen auf den linken Arm, wodurch der Arm so zu schwellen begann, dass ärztliche Hilfe hinzugezogen werden musste. — Das Gottes- Haus war dicht besetzt, und der Prediger Herr Dr. Rosenzweig hatte soeben die Kanzel betreten, als die Katastrophe eintrat. Die Andächtigen flüchteten zum Theil, da man eine Gasexplosion befürchtete. Nachdem jedoch der Kastellan Herr Littauer auch die übrigen Sonnenbrenner abstellte, trat wieder etwas Ruhe ein. — Der anwesende Vorsteher, Herr Aaron, Ließ sofort das Mittelschiff räumen. Bemerkenswerth ist dabei, dass erst vor kurzer Zeit eine Revidirung dieser Sonnenbrenner vorgenommen wurde. Das Unglück ist durch Schmelzen des Eisens hervorgerufen worden. Werkin. In der rheinischen Stadt kanten ist vor einiger Zeit ein Knabenmord verübt worden. Der preußische Justizminister hat, wie officiell gemeldet wird, behufs seiner Jnformation über den Verlaus der Untersuchung vor einigen Tagen einen Rath seines Ministeriums an Ort und Stelle entsendet. Hiemit hat es folgende Bewandtnis: In einem Straßendurchgange der Stadt Xanten wurde die Leiche eines ermordeten Knaben gefunden. Der Verdacht der Thäterschaft fiel auf einen jüdischen Schlächter, der in Untersuchung gezogen, aber, da Staatsanwaltschaft und Strafkammer ihn nicht ausreichend belastet fanden, wieder außer Verfolgung gesetzt wurde. Der Thäter ist bisher nicht ermittelt, obgleich ein Berliner Criminal- Beamter zur Mithilfe bei den Nachforschungen an Ort und Stelle entsendet war. In der antisemitischen Presse conservativer und clericaler Abart ist nun seit einiger Zeit mit großem Lärm die Behauptung colportirt worden, nicht nur, dass der jüdische Schlächter der Mörder sei, sondern auch dass ein ״Ritualmord" vorliege. An die Version von dem ״Ritualmord" aber wird die schmähliche Verdächtigung gegen die preußische Rechtspflege geknüpft, es sei auf unlautere Einflüsse znrückzuführen, dass der Schlächter nicht vor die Geschwornen gestellt worden. Es ist nun zwar, wie die National-Zeitung bemerkt, kein erhebendes Zeichen der Zeit, dass derartige Ausstreuungen eine besondere Untersuchung seitens des Juftizministers nothwendig erscheinen lassen, aber unter den. obwaltenden Umständen wird sie nützlich sein, indem der Werth jener Insinuationen seftgestellt wird. London. ״Dartest Russia" veröffentlicht über die Juden- Verfolgungen in Rußland Meinungsäußerungen hervorragender Persönlichkeiten, welche von Interesse sind. Das interessanteste Schriftstück ist zweifellos ein Brief des unlängst dahingegangenen Emilie de Laveleye, worin dieser vorschlägt, die ganze Frage der Verfolgung Andersgläubiger im heiligen Rußland einem Riesentribunal, bestehend aus ״tous les hommes connus des pays eivilises“, zur Begutachtung überweisen. Das Blatt scheint sich: diesen guten Rath zu Herzen genommen zu haben, da es in derselben Nummer außer dem Briese Laveley's ein charakteristisches Schreiben des berühmten Kanzelprediger Spurgeon, sowie die Zusage eines namhaften Beitrages zum Hilfsfonds durch den Bischof von Liverpool bringt.