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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-01-21 · Heft 3 (21.1.1892) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 3 (21.1.1892)
Date
1892-01-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gerte Desterrnchisch-ungsnsche Csntoren-Zeitung. Nr. 3. Wien; Schorr, Siklos; Schwalb, Lipto-Szt.-Miklos; Silber- Wann, Wien; Singer, Neubidschow; Stern, Wien; Weiß, Tobitschau. Am Abend des Festtages versammelte sich die Familie des Jubilars zu einem fröhlichen Mahle im engsten Familienkreise, und mit einem gelungenen Hausconcert fand das schöne Fest, dessen mannigfache Ovatiouen den verehrten Collegen mit freudrger Genugthuung erfüllen mögen, einen harmonischen Abschluss. Die Persönlichkeit -es Dichters und Künstlers*). Eine psychologische Studie von Carl Spitteler. Die Hochschätzung der .dichterischen und künstlerischen Persönlichkeit, die uns fast selbstverständlich scheint, ist gleichwohl das Produkt einer rafsinirteu Cultur. Der naive Mensch genießt ein Kunstwerk wie einen Kuchen: er lässt sich's schmecken, ohne sich, im mindestens um den Verfertiger zu kümmern, ja ohne nur nach seinem Namen zu fragen. So thut das Kind mit seinen Bilderbüchern, dem es vollständig einerlei ist, ob sie von Meggendorfer oder Flinzer oder wem sonst herrühren. So thut der Lehrjunge, welcher eine Öpernmelodie pfeift, deren Herkunft zu erfahren ihn nicht interessirt. So thun unsere Dienstmädchen, die wir in's Theater schicken, indem sie nachher zwar genau den Hergang des Stückes zu. erzählen, aber gewiss nicht den Namen des Verfassers zu nennen wissen. So that jener Schullehrer, von welchem uns erzählt wird, dass er auf die Frage nach der Bedeutung der Worte Uhland und Schiller in einem Gedichtbuch die Antwort ertheilte, das wären geheime technische Winke für den Setzer. In naiven Zeitaltern'verfährt eine ganze Nation mit der nämlichen Nachlässigkeit, sodass sogar umfangreiche und schön¬ *) Vortrag, gehalten am 19. December im Kaufmännischen Verein in St. Gallen. ' heitsgewaltige Riesenwerke ohne Versassernamen auf uns gekommen sind, so £. B. die homerischen Gedichte und die Nibelungen. Dann nennt man's Volkspoesie; ein Titel, der einen Verhängnisvollen Jrrthum einschließt. Was man Volkspoesie.nennt, ist im Grunde einfach anonyme Poesie. Auf welche Weise aber die Anonymität entstand und noch heute entsteht, das können Sie alltäglich kontroliren, da jetzt wie vor zweitausend Jahren der naive Mensch, mit anderen Worten das Volk, jedes Kunstwerk anonym genießt, anonym weitergibt und hiemit binnen kurzer Zeit anonymisirt. Gehen Sie in die Dörfer und fragen Sie die Leute, die den guten Kameraden öder ״Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" singen nach den Verfassern; sie haben die Namen in der Schule gelernt, aber nachher wieder vergessen; existirte nicht eine Wissenschaft der Litteraturgeschichte, so wären sie bald für die ganze Welt vergessen. Wie denn in. der That populäre Gedichte solcher Männer, welche die Litteraturgeschichte zu erwähnen nicht der Mühe werth hält, in zwei Generationen schon fast gänzlich anonymisirt erscheinen, auch wenn man ursprünglich den Verfasser gar wohl kannte und nannte. So ergieng es dem Verelilied, dem Doctor Eisenbart, dem lieben Augustin und den sämmtlichen patriotischen Nationalhymmen. Die Gelehrten kennen den Verfasser noch, das Volk hat ihn bereits vergessen. Zuweilen gelingt es der Gelehrsamkeit, eine bereits im Verlöschen begriffene Identität in elfter Stunde künstlich wieder aufzufrischen, wie z. B. für die Wacht am Rhein und den Struwelpeter. Wie unbefangen, ich möchte fast sagen, wie dreist sich das Volk alles und jedes, was ursprünglich persönlich war, als sein eigenes nationales Product aneignet, das können Sie am besten beurtheilen, wenn Sie nach der zeitlichen Entfernung auchdie räumliche befragen, indem Sie sich einfach über die Grenze bemühen. Was diesseits noch als das Erzeugnis eines bestimmten Verfassers gilt, heißt jenseits schon Volkspoesie. Heine's Samuel Oppenheimer, kaiserlicher Faktor und Hofjude. Von A. Stein, Taus. (Fortsetzung.) An der Kirche wurde eine goldene Tafel angebracht mit einer Inschrift, die von der Rohheit und Brutalität all derer, die in jener Zeit das maßgebende Wort führten, zeugte. Die Inschrift selbst lautete: Nachdem die Juden von hier völlig ausgetrieben wurden, hat der Kaiser diese ihre Synagoge, eme Mördergrube, zum Hause Gottes aufrichten lassen. — Auch ein talmudisches Lehrhaüs — Beth-ha-Midrasch — welches der fromme und gesinnungstüchtige Zacharia ben Beer Halevi ein Decennium früher gegründet hat und worin 24 Talmudbeflissene sorglos dem Studium der Gotteslehre oblagen — wurde ebenfalls in eine Kivche umgewandelt, zu Ehren der Kaiserin und ihrer Schutzpatronin. Zwei reiche Juden, David Isaak und Israel Frankl — Koppel'sche Erben, deren Nach- Lammen bis auf den. heutigen Tag würdige Erben aller Tugenden ihrer Ahnen sind, übergaben dem Magistrate 4000 fl., wofür dieser urkundlich die Verpflichtung übernahm, dass Gräber und Leichensteine unversehrt und der Friedhof in der Roßau stets mit einer Planke umzäunt bleiben sollte. Inmitten der harten, herzlosen Verfolgungen, von denen die Lebenden betroffen wurden, vergaßen sie der Todten nicht. Anlässlich der Ausweisung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 schenkte die jüdische Gemeinde in Vitoria, um eine Entweihung der Grabstätten zu verhüten, der Stadt den jüdischeu Friedhof sammt dem dazu gehörigen Acker für ewige Zeiten gegen die Verpflichtung, dass der Friedhof nie abgebrochen und bepflügt werde, worüber eine Urkunde ausgestellt wurde. Die Juden von Legovia brachten vor ihrer Aüswauderung drei Taae auf den Gräbern ihrer Väter zu und vermischten ihre Thränen mit dem Staube der Vorfahren. Andere rissen die Leichensteine aus und nahmen sie als trauriges Andenken mit oder schenkten sie den zurückgebliebenen Marannen. Dasselbe thaten die aus Wien 1670 ausgewiesenen Juden. Nachdem sie nun für ihre Todten in Pietät nach Thunlichkeit gesorgt, verließen sämmtliche Juden die Residenz und zerstreuten sich nach allen Richtungen der Windrose: nach Ungarn, Nach Venedig, nach einigen Gegenden Deutschlands u. s. w. Kaiser Leopold I. erkannte aber ׳bald, dass zum Regieren wohl eher Geld als Weiberlaunen nöthig sei. Er gerieth während des Türkenkrieges in große Geldverlegenheit und gestattete einigen reichen Juden gerne die Niederlassung in Wien. In erster Reihe war es der edle und hochsinnige Banguter Samuel Oppenheimer aus Heidelberg, der im Jahre 1684 diese Erlaubnis für sich erwirkte. Ihm folgten als ״Gesinde Oppenheimer's" viele Juden nach. .Wir bringen im Nachstehenden die auf archivalischen Studien beruhende Schilderung aller Dienste, die Samuel Oppenheimer dem Kaiser geleistet, sowie über seine Rangerhöhung aus der Feder des Schriftstellers Alphons Danzer. ״Die Verbindung zwischen den ״Tüchläüben" in Wien und dem Platze am Peter wird durch die schmale, dunkle von vierstöckigen, altersgrauen Häusern eingefasste Milchgasse vermittelt. Noch im Anfänge dieses Jahrhunderts war der Raum, welcher heute nur drei imposante Gebäude trägt, in mehrere Parzellen getheilt. Üeber einer derselben erhob sich ein-stattliches Bürgerhaus, dessen äußerliches Gepräge schon den Wohlstand und Kunstsinn des Erbauers erkennen ließ. Es war dies das ״Oppenheimer'scheHaus", das erste Haus, welches

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