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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-01-11 · Heft 2 (11.1.1892) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 2 (11.1.1892)
Date
1892-01-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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liches Almosen dem Armen gründlich aufzuhelfen, damit er Etwas unternehmen kann, und sich eine Existenz gründen, das ist mehr als gewöhnliche Mildthätigkeit. 42. ״Heucheln ist arger als betrügen" (B. Mez. 58). Der Betrüger vergreift sich bloß an den materiellen Gütern seines Nebenmenschen, der Heuchler hingegen betrügt auch materiell, um einen Vorth eil für sich zu erzielen, richtet aber auch seinen Angriff auf Herz und Seele, die er gewinnen und missbrauchen will. 43. ״Geh hinaus und schau, was das Volk spricht" (Beraob. 45). Verlass Dich nicht eigensinnig auf Dein Urtheil allein, sondern beachte auch die Stimme Anderer, die Stimme des Volkes, gleichlautend mit dem Spruche: ״Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes". Es meint nun der angeführte Talmüdspruch, dass eine unter den Menschen zur allgemeinen Annahme gelangte Idee in zweifelhaften Fällen maßgebend ist. Obwohl auch die Menge von einem Jrrthum befangen sein kann, so tragt das allgemein zum Durchbruch Gekommene das Gepräge der Wahrheit an sich, ^6br6 Rabim L’hataus“, lautet ein biblisches Gebot. 44. ״Sei immer biegsam wie ein Schilfrohr, und nicht hart wie eine Zeder" (Taanis, 20). Es gibt Menschen," die den starrsten Eigensinn einer bessern Ueberzeugung entgegensetzen, die sich allweise dünken und keinerlei Belehrung Gehör geben. Solche sind hart in ihrer Einbildung, hart in ihren gefassten Vorurtheilen, hart in ihrer ganzen Natur, hart und ünbiegsam wie eine Zeder und bilden einen schädlichen Auswuchs in der menschlichen Gesellschaft. Weich, sanft und biegsam sei der Mensch, wie das Schilf, und gebe jeder bessern Ueberzeugung nach. 45. ״Ist das Wort einen Dukaten werth, so gilts zwei, wenn's noch dir gehört" (Megilla 18). Das Sprachvermögen, womit Gott den Menschen vor allen andern Geschöpfen ausgezeichnet hat, ist wohl ein kostbares Gut, weil der Mensch durch dasselbe seine Gesinnungen und Gefühle auch Andern mitzutheilen vermag, und darauf beruhet ja die ganze Erziehung und Bildung der Menschheit. Aber es darf der Mensch diesen Vorzug, diese Gottesgabe nicht missbrauchen, durch die Sprache seine Gedanken zu verhüllen, zu täuschen, zu verleumden. Auch kann ein unvorsichtig gesprochenes Wort oft Schaden herbeiführen. Darum sei sparsam mit den Worten, überlege, überdenke erst, was du sprichst. 46. ״Sei lieber ein Verfolgter, als ein Verfolger" (B. Kama 93). Besser ist Unrecht dulden, als Unrecht thun- Der fromme Dulder hat das süße Bewusstsein der Unschuld, . das Vertrauen auf Gottes Schutz und Beistand und erfreut sich auch, trotz großer Leiden, Gewissens- und Seelenruhe. Der Verfolger hingegen leidet an Seelen- und Herzeusqual, durch die Gewisfensbisie, die seine Ruhe stören, und er genießt auch höchst selten die Frucht seiner üblen That. Er entgeht höchst selten der gerechten Strafe der Menschen und niemals der Strafe Gottes. Der Spruch scheint Bezug zu haben auf die Verfolgungen des jüdischen Volkes, auf den Antisemitismus aller Zeiten. W.r. (Fortsetzung folgt.) Klkinr Chronik. Men. Sr. Majestät der- Kaiser hat mit allerhöchster Entschließung den Obmann der Schulsection im Vorstande der Wiener Cultusgemeinde, Herrn Dr. Gustav Kohn, als Bertreter der jüdischen Confession im niederösterreichischen Landesschulrathe, zum Mttgliede dieser Körperschaft für die nächste , drei- : jährige Functionsdauer ernannt. ..Wien. Frau Dr. Antonie Passauer, Arztensgattm in Wien, hat ans Anlass des Ablebens ihres Onkels, des Herrn * Ignaz Leidesdorf, und zur Ehre seines Andenkens den Betrag von 50.000 fl. zu wohlthätigen Zwecken gewidmet, der ׳ wie folgt vertheilt wurde: Dem isralitischen Armenhause in Wien 30.000 fl., zur Gründung eines israelitischen Waisenhauses in Preßburg (dem Geburtsorte des Verblichenen) 10.000 fl., den Armen der Stadt Wien 1000 fl., an verschämte Hausarme in Wien 1000 fl., der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft‘ 500 fl., dem Wiener Jsraeliten-Spital 500 fl. und. 70 verschiedenen Wiener Wohlthätigkeitsvereinen und -Institutionen je 100 fl. Die Spenderin ist die Tochter des verstorbenen berühmten Wiener Optikers Jacob Waldstein, Besitzers der ersten österreichischen Flintglasfabrik, und Stiefschwester des Ministerial- Beamten und Schriftstellers Herrn Waldstein, sowie des Hof-- optikers Simon Waldstein. Die Mutter der Frau Passauer, eine geborene Betty Leidesdorf, war die Cousine des verstorbenen tapferen Rittmeisters Franz v. Leidesdors, welcher in der Schlacht von Kapolna beide Augen verlor und vom Kaiser geadelt wurde. Leidesdorf hatte bis zu seinem Ableben auf Befehl des Monärchen einen Sitz sowol in der Hofoper als im Burgtheater. Die Familie Leidesdorf stammt aus Preßburg; auch der verstorbene Geheime Commifsionsrath und Theater-Director Wallner gehörte׳ derselben an; derselbe hieß eigentlich Franz Leidesdorf. Men. Sonntag den 3. d. M. fand im türk. isr. Tempel die Trauung des Herrn Isidor Danon mit Fräulein Jenni Russo, Tochter des Herrn Licco M. Russo, Großhändler und Vorsteher der Chewra Kadischa, statt, welcher ein zahlreiches sehr distinguirtes Publikum beiwohnte. Unter den Festgästen bemerkte man Herrn Pollak Ritter von Borkenau, den Präsidenten der Frachtbörse von Naschauer, Professor Baron Rokitansky, Chormeister Kremser u. m. A. Die Trauungsfunktion versah Chacham M. Papo und Obercantor I. Bauer. Die beiden Vorsteher Marcus-M. Russo und Licco I. Adütt wachten mit.kundigem Auge über die getroffenen Arrangements, die dem feierlichen Acte einen prächtigen Hintergrund boten. Wien. Mittwoch den 6. Jänner wurde im Seitenstettentempel die Trauung des Herrn Serebrenik (Silbermann), Cäntor der Währinger Cultusgemeinde, mit Frl. Wilhelmine Beck vollzogen. Als Beistand fungirte der Onkel der Braut, Architekt Fleischer, Vorsteher der Wiener Cultusgemeinde. Den Trauringsakt, welchem viele Collegen des Bräutigams beiwohnten, vollzogen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor I. Singer. Wien, 6. Jänner. (Antisemitische Redefreiheit.) In Kubaczek's Gasthaus in Attmannsdorf fand Heute Nachmittag eine Wählerversammlung statt, in welcher, nachdem die Gemeinderäthe Dobesch, Busch, sowie Dr. Lueger die. gewöhn-. lichen Phrasen gegen die Schaffung von Groß-Wien zum Besten gegeben hatten, der Abgeordnete Schneider wieder einmal in leidenschaftlicher Wuth gegen den deutsch-österreichischen Handelsvertrag und gegen die Juden hetzte. Er führte aus, dass die. Handelsverträge nur ein Werk , der Juden seien, um sowohl den Bauernstand wie das Gewerbe zu ruiniren. Er sagte unter Anderem: ״Das deutsche Nationalvermögen beträgt nach Ahlwarth 43 Milliarden- Mark; davon haben die Juden schon jetzt 27 Milliarden in Besitz, die Menschen — denn Juden sind keine Menschen — den Rest." Zum Schluffe erzählte Herr Schneider: ״Einer der Vorfahren unseres Kaisers ließ. einmal in einer Stadt alle Juden auf den Platz zusammenkommen, mit dem Befehls ihr gesummtes Eigenthum mitzubringen. ״Sind das alle eure Habseligkeiten?" fragte er, nachdem sie in Bündeln Alles herbeigeschafft hatten. ״Ja wohl!" antworteten sie. ״Was habt ihr gehabt, als ihr hieher kämet?" ״Nichts!" war die Antwort. ״Dann, marsch, fort mit euch, die Habseligketten aber lasset ihr hier!" (Beifall.) ״Zu dieser:Ausgleichsseene zwischen Aussaugern und Unterdrückten, zu diesem meinem politischen Ideal muß es auch bei uns kommen." Unter Hochrufen auf Schneid er-wurde die Versammlung geschlossen. (Es ist im höchsten Grade bedauerlich, dass der Regierungsvertreter,

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