Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1892)
- Date
- 1892-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Orgel verleiht nicht nur dem einstimmigen Gemeindegesange den wohlthuenden, veredelnden, harmonischen Schmuck, sondern sie gewährt. ihm auch melodischen und rhythmischen Halt und erleichtert dadurch die Ausführung desselben. Der Gemeindegesang ist ein doppelter, entweder Chorgesang oder Responsoriengesang. Unsere Chorgesänge gleichen durchaus nicht dem kirchlichen Gemeindegesange — das liegt in der Eigenthümlichkeit des jüdischen Gottesdienstes — und das Erbe wollen wir auch treu bewahren und aufrecht erhalten — aber den Gemeinden eine größere und allgemeine Betheiligung empfehlen. Bei dem unverkennbaren Streben der Gegenwart, unseren jüdischen ' Gottesdienst wieder musikalisch reicher zu - gestalten, tritt entschieden der Gemeindegesang in den Vordergrund. Und das steht unbedingt fest, wenn der Cantor oder Regenschori nur den.Willen zeigt, die Gemeinde wird nicht lange auf sich warten lassen. Der Anfang jedoch muß in der Schule gemacht werden, hier ist die Pflanzstätte für den Gemeindegesang. Der recitative Gesang, die älteste Gesangsform unseres Cultus, - entstammt verschiedenen Zeitepochen. Der ehrenwerthe Altmeister Ober-Cantor Deutsch in Breslau sagt in der Vorrede zu seinen Synagogengesängen Nachstehendes: ״Dass ich vielfach an unserer traditionellen Weise festgehalten habe, wird wohl allseitige Billigung finden. Zur bessern Orientirung mögen folgende Bemerkungen beitragen. Die Intonationen, welche uns in festen Formen, rhythmisch gegliedert, fast liedartig überliefert wurden, gehören offenbar weit auseinander liegenden Zeitepochen an und sind theils dem alten, theils dem modernen Tonsystem entsprossen. Neben der möglichst treuen Wiedergabe derselben habe ich mich bestrebt, sie mit einer dem Charakter ihres Tonsystemes entsprechenden Harmonie zu versehen und Wendungen zu vermeiden, die ihr traditionelles Gepräge zu verdunkeln geeignet sein könnten ..... der traditionelle Ritualgesang verlangte ferner auch bei den Gebetstücken,, welche den Improvisationen des Vorbeters anheim gestellt blieben, bei aller-Freiheit der Recitation, doch einen dem alten Tonsyftem eigenthümlichen Styl und die charakteristische Darstellungsweise, welche den allgemeinen modernen Anschauungen fremd geworden, vielen Synagogen jedoch lieb und theuer geblieben ist." Wechselgesänge zwischen Gemeindechor und Cantor sind bei guter Ausführung gleich Stimmen aus einer fremden Welt von wunderbar ergreifender Wirkung. Die Gemeinde setzt sich aus allen Stimmgattungen zusammen. Am Gesänge betheiligen sich tiefe Baßwie hohe Sopranstimmen. Diesem Umstande muß nach Möglichkeit Rechnung getragen werden, denn die hohe Tonlage erschwert und vermindert die Theilnahme am Gesänge, ja macht einen schönen Unisono-Gesang unmöglich. Als Regel gelte aber: ״Die Orgel darf den Gesang nicht übertönen, sondern eine sanfte harmonische Begleitung gewähren. Die alten recitativischen und parlirenden Weisen mögen am besten ohne Begleitung der Orgel von dem Cantor vorgetragen werden. In diesem Sinne spricht sich auch der verdienstvolle Herr Professor. und Musikdirektor Lewandowski aus: ״Einzelne Recitative habe ich mit Begleitungen versehen nicht in der Absicht, dass sie überall in dieser Form beim Gottesdienst verwendet werden, denn, nicht überall ist dies für jetzt möglich und zulässig." Das Vorspiel zum Gesänge-, oder Recitativ hat nur die Aufgabe die bequeme Tonart des Gesanges zu bezeichnen. Das Präludium muß immer der Festzeit entsprechend gehalten sein und' nichts darf an Haus- oder Salonmusik erinnern. Zum Abschluss der Gesänge genügt die verlängerte Cadenz oder der verlängerte Schluss. Auch das Postludium muß würdig gehalten sein, möglichst aber nach den Melodien, welche im Gottesdienste besonders hervortreten. Zur Theorie des ktavierspiels *). Von H. Nürnberg. (Schluss.) III. Jas rhythmische Klemerrl. Wie in der Sprache lange und kurze Silben miteinander abwechseln, so wechseln auch in der Tonkunst schwere und leichte Töne miteinander ab, und wie dies in dem Raum eines einzelnen Taktes bemerklich ist, so findet es auch in den Abschnitten mehrtaktiger Perioden statt, so dass man also ebenso wohl von schweren oder guten und leichten Takten, wie von schweren und leichten Takttheilen reden kann. Dies Gebiet behandelt die Lehre von der Rhythmik. Betrachten wir die einzelnen Theile eines Taktes unter sich, so finden wir, und zwar bei jedweder Taktart, dass das erste Zeittheilchen 'jedes einzelnen Taktes den schwersten Ton hat, in Folge dessen dasselbe auch von sämmtliHen diesem Takte ungehörigen Theilen den größten Druck, zu beanspruchen hat; es fällt also hier, was übrigens nicht immer der Fall ist (Synkopen), Schwere und Accent (Druck) zusammen. Bilden zwei aufeinanderfolgende Takte einen periodischen Abschnitt, d. istehen sie in einem inneren Zusammenhänge, was meist der Fall ist, so müssen sie sich ebenfalls im Vortrage (Deklamation), in richtiger Spielweise durch correcte Vertheilung der schweren und leichten Töne dem Gehör bemerklich machen; es wird nämlich das erste Zeittheilchen des einen Taktes bedeutender oder weniger bedeutend hervortreten müssen, als das des anderen, je nachdem ihr innerer Zusammenhang dies erfordert. Von den Vierteln des ^-Taktes ist das erste das absolut schwerste, während das dritte Viertel, wenn zwar auch schwer, dies doch nicht in demselben Grade ist; zweites und viertes Viertel sind aber vollständig leichte Takttheile. Dasselbe gilt von den Achteln des ^-Taktes. Zählt man jedoch bei diesem statt Achtel Viertel, so sind die je ersten Viertel jedes Taktes gleich schwer zu achten. Aus diesem Grunde ist der 4/4-Takt keineswegs ein doppelter 2/^-Takt. Ebensowenig ist der "/4-Takt dem 4/4 gleich, da bei jenem nur 2, also halbe Notenwerte zu zählen sind, wovon 1 schwer und 2 leicht ist, während beim 4/4-Takt, wie schon oben bemerkt, das dritte Viertel eine halbe Schwere hat. Ebenso wie die Viertel des 3/^-Taktes deklamieren auch die Achtel des 3/g-Taktes; daher haben beide nahe Verwandtschaft, und man bedient sich der verschiedenen Schreibweise meist nur in Rücksicht auf das Tempo der in diesem Rhythmus gelchriebenen Tonstücke. Der b/g-Takt darf niemals als ein doppelter 3/8־£a!t betrachtet werden. Zählt man bei dem ersteren halbe Takte, also je 3/8, so unterscheidet er sich in nichts vom 3/^-Takt. Außer den bisher genannten Taktarten werden noch folgende, jedoch weniger gebräuchliche angewendet: Der 3/2-Takt ._־_ t *) Indem wir obigen Artikel aus der ״Musikalischen Jugendpost" (Verlag von Carl Grüninger, Stuttgart, wiedergeben, erlauben wir uns auf diese. gediegene Jugendzeitschrift aufmerksam zu machen und selbe den Eltern musikalischer Kinder besonders zu empfehlen. / . Die Redaction.