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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-01-11 · Heft 2 (11.1.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 2 (11.1.1892)
Date
1892-01-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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י ׳ג- 2 — Die Orgel in der Synagoge. . Von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau (Preüßisch-Schlesien). Der Geist, welcher eine Gemeinde vereinen soll, mit welchem sie hinströmt zum Gotteshause, der soll, der muß, wenn er sie wahrhaft durchdringt, in ihr ganzes Leben eingreisen, sie überall hingeleiten, ihr Trost und Hoffnung gewähren in den mannigfachen ' Drangsalen des Lebens,. Demuth und würdevolle Haltung im wandelbaren- Glücke geben, wenn sie ' vorzüglich mit jenem edlen Stolze ganz erfüllt, dem niedrige Menschengunst, so wie kriechende Heuchler gleich fern bleibt; dann erst ist die Erbauung in dem Tempel auch nach Außen hin von Segen begleitet und gekrönt. Den falschen Eiferern bleibt aber ein solcher Gottesdienst ewig ״Reform", trotzdem gezeigt wird,, dass nur das ehrwürdige Alte in seinem Glanze und in seiner Kraft zu erhalten gesucht wird, wie es der bessere Geist. der Zeit fordert, damit nicht mehr Gleichgiltigkeit und Kleinmuth das schönste Gebäude der Vorzeit ganz zertrümmern. Ähnlich verhält es sich mit der Einführung.der Orgel in den Synagogen. Es liegt mir jedoch ferne, für die Orgel Propaganda zu machen, noch mich ineine Polemik einzulassen, ob die Orgel ׳im israelitischen Cultus gestattet ist oder nicht, da über diese Streitfrage xro und ooutra gelehrte Abhandlungen in Fülle geschrieben wurden, zumal ich das Heil des Juden- . thums in der Einführung dieses Instrumentes durchaus nicht suche noch finde. Da sich aber die Zeitströmung nicht hemmen lässt und mit den obwaltenden Umständen gerechnet werden muß, so will ich es versuchen, anzudeuten, wie die Orgel unserer Liturgie angepasst werden kann. Das Gotteshaus 'ist für die Orgel der geeignetste Ort. In dem Netten Raume desselben bringt sie die Macht ihres Tones am vortheilhaftesten zur Geltung; unter dem. Einflüsse der weihevollen Stimmung, in welcher wir das Gotteshaus betreten, lässt sie ihre herrlichen Mittel am eindringlichsten auf uns wirken. Sie gibt dem einstimmigen Gemeindegesang eine würdige Basis und' vermag mit der Kraft, Fülle und Tiefe ihres Tones ihn. wirksamer zu unterstützen, als dies durch andere Musikinstrumente möglich wäre. Sie stimmt die Herzen andächttg und 'macht die Gemüther empfänglich, sie erhebt und tröstet und gibt der gottesdienstlichen Feier einen würdigen Anfang und Schluss. Wer einmaleinen solchen Gottesdienst regelmäßig längere Zeit besuchte, der mag ihn auch nicht so leicht entbehren. Das menschliche Gemüth wird durch die Wunder der Tonkunst dem Höchsten nähergeführt, denn Einfachheit, Ernst und Würde ist . das Gepräge der Orgel. Aber es dürfen, nicht üppige Verzierungen den Sinnen schmeicheln und die Gedanken ablenken, der Toncharakter der zu benutzenden Register will sorgfältig berücksichtigt sein. Die Principale sind von männlicher Würde und jugendlicher Frische, sie verbinden den Ausdruck gläubiger Zuversicht mit ernster Eindringlichkeit und eignen sich aufs beste zu Führern des Gemeindegesanges. Gambe, Salicional u. a. Stimmen dieser Art betreffen den Ton inniger Sehnsucht und rührender Bitte und Klage. Die offenen Flöten werden zum Vortrag ernster Melodien benutzt .Beim Uebergang von Piano zum Forte müssen die Stimmen sich regelmäßig aufbauen. Außer diesen Grundregeln hat der Organist noch Mancherlei zu beachten. Er muß z. B. Lecho dodi anders als Wajechulu registriren, bei einer Trauung artders als bei einer Seelenfeier u. s. w., das bedenke man in erster Reihe. Das Spiel verbinde auch die einzelnen Cültusacte ° in der Liturgie auf eine erhebende, edle Weise. Der einstimmige Gemeindegesang, so. gewaltig upd mächtig unter günstigen Umständen er auch zu wirken im Stande ist, gewinnt erst durch das von der Orgel zugebrachte harmonische Gewand, weil der Gemeindegesang durch die Orgel veredelt wird. Der'Orgelton verdeckt die unvermeidlichen Härten und Unebenheiten des Gesanges einer Gemeinde. Die letztere hört diesen veredelten Gesang, gewöhnt sich daran und findet Ge- . schmack und Freude an demselben. Der zu begleitende Gesang darf aber durch die Regi׳ strierung nicht ermüden, Einzelnes muß durch die Klangmischnng hervortreten. Jeder musikalisch durchgebildete Cantor wird entsprechend dem Texte die Registrierung dem Organisten vorschreiben; denn das volle Werk darf nicht zu häufig gebraucht werden, es betäubt die Gemeinde und verleidet ihr das Mitsingen — oder Verl e it e t zum Mitschreien. Gewisse Modulationen, Manieren und Tonphrasen, die sich der Organist in der Praxis angeeignet, darf er nicht der Gemeinde ״Jahr aus Jahr ein" auftischen; denn die Orgel ist kein Leierkasten ־, mit feststehenden Stückchen, die endlich der Gemeinde überdrüssig werden. Um dieses zu vermeiden, wird der^gewissenhafte Or- ' ganist sich für den nächsten Gottesdienst vorbereiten, nach dem Sinne des Textes die Vor-, Zwischen- und Nachspiele wählen, ihren Charatter feststellen und die Registrierung sich überlegen. Das Spiel muß immer die Heiligkeit des Ortes zu wahren suchen und nicht Effecthascherei zum Zweck haben. Schon das erste Vorspiel muß gleichsam die Feier, das Fest ankündigen und eben nur das sein, was der betreffende Gottesdienst erheischt. ־ Die Orgel ermöglicht auch die Verwendung des Kinderchores im Gottesdienste. Ein zweistimmiger Kinderchor klingt stets recht dünn und entbehrt der würdigen Fülle. Unter Hinzu-, tritt der Orgel, welche dem Kindergesange die tieferen Stimmen zubringt, gewinnt er an Rundung und Kraft, so dass er wohl im Stande ist, den gemischten Chor zu ersetzen, aber nicht z u verdrängen. Ein guter a oaxolla-Gesang erfordert tüchtige Kräfte und sorgfältige Schulung. In kleinen Gemeinden sind diese beiden Erforderniße selten erfüllbar und dennoch muss die Orgel helfend hinzutreten. Die Einführung des Chorgesanges ist schon ein wesentlicher Fortschritt, doch stört das Misslingen eines Gesanges die ganze Andacht; nicht minder reizlos ist der Wechselgesang zwischen Vorbeter und Gemeinde ohne Orgel. Die gegenwärtige Aufgabe des Orgelspiels ist eine doppelte, eine helfende, unterstützende und eine selbstständige, freie. Bei der ersten Art dient die Orgel dem Gesänge, bei der zweiten geht sieihre eigenen Wege. Beide Aufgaben sind von gleicher Wichtigkeit, denn sie stehen beide im Dienste des Herrn, ״low l’hodos ladonoj uFsamer l’schimcho eljon.“ Schön ist's, dem Ewigen zu danken, und zu spielen deinen Namen, Höchster, Im jüdischen Gottesdienste ist ein - dreifacher Gesang-zu unterscheiden: Das Recitativ des Vorbeters, dieRespons o r i e n und der Ehorgesang (nicht Choralgesang). D er Gemeindegesang ist so alt wie das Judenthum und durch, S. Sulzer, Naumbourg, Lewandowski, Deutsch entwickelte er sich erst im Laufe der Zeit immer allmählich zu seinem-jetzigen Stande. Dem Gottesdienste unserer Zeit fehlt noch in vielen Gemeinden der Gemeindegesang. Dass:darin Wandel geschafft werde, ist wünschenswerth. Die wichtigste Seite des begleitenden Orgelspiels ist die Begleitung und Leitung des Gemeindegesänges f: i? t;' ‘f

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