Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— -2 - — geistig und materiell zu fördern und für ihre Verbreitung nach Kräften zu ׳wirken. * ' Unser Bestreben soll es aber auch fernerhin feiny alles .aufzubieten, um-das Ansehen zu erhalten, welches die öfterreichisch-uugarische Cantoren-Zeitung im Laufe der langen Reihe von Jahren sich in׳ allen jüdischen Kreisen errungen hat und mit unserem ganzen Vermögen für das Wohl und das Ansehen unseres Standes einzutreten. ' Singende und sagende Sprechweise. Von Carl Spitteler, Zürich. Vor Allem ist es ein Punkt, besonders hinsichtlich der Vocalisation, welcher für die lebenden Sprachen -die.denkbar größte Wichtigkeit besitzt und auf welchem uns sämmtliche Grammatiken vollständig im Stich lassen, das ist der Tonfall. Kein Volk, ja keine Provinz benützt für den Satz dieselben Tonstufen wie der Nachbars So wenig, dass Jedermann schon aus dem Tonfall die Heimat des Sprechenden erkennt. Ich erinnere an das gemüthliche Brummen des Berners, an den geärgerten, gereizten Protest des Baslers, an die höhere Sphärenmusik des Appenzellers. Was man aber bei uns im Kleinen constatirt, das findet im Großen bei den europäischen Cultursprachen statt. Namentlich zwei Hauptunterschiede sind es, die hier in Betracht kommen: der Unterschied zwischen singender und sagender oder rufender Sprechweise. Es gibt singende und rufende Völker. Ueberall jedoch wird das Singen als ein Fehler empfunden, weshalb denn auch jedes Volk seinem Nachbarn Singen vorwirft, keines dagegen sich selbst dazu be- - kennt. Ich will nun versuchen, die geehrten Leser darüber aufzüklären, was in den Hauptstädten Europas gemeinschaftlich unter Singen verstanden wird. Singen ,heißt ja nicht etwa die Musik des Tones, also die mathematisch genaue Beobachtung einer gewissen Tonhöhe;, auch nicht: der jähe Wechsel zwischen hohen und tiefen Tönen; auch nicht die Tonfolge im Dreiklang. Das alles ist nicht Singen; es ist sogar das Gegentheil ^es Singens. Der Slave, der bald in den höchsten Fisteltönen, bald im tiefen Brummbaß redet und ganze Sätze auf eine einzige Note stimmt, singt nicht. Der Schweizer dagegen, wenn er sich auch, noch so monoton zwischen zwei naheliegenden Intervallen bewegt, singt. Nämlich unter Singen versteht man das Schwanken der Tonhöhe innerhalb einer Silbe und wäre die Schwankung noch , so gering. Solch eine Schwankung entsteht aber, wenn der Sprechende einen Gefühlsausdruck in das Wort legen will, in der Weise, dass er durch verschiedene Tonstufen das Gefühl malerisch versinnbildlicht. Ein freudiges Ja, ein ärgerliches Nein durchläuft bei uns eine ganze Tonscala; was ein Romane, ein Slave niemals thut. Was thun denn diese in vorliegendem Fall? Sie ver: wenden das Tempo, die Tonstärke und die Tonhöhe, sie fügen Adjektivs hinzu, aber unter keinen Umständen werden sie von ,der einmal angeschlagenen Tonhöhe innerhalb des nämlichen Vocals höher Hinaufgleiten. Nie wird man aus. italienischem Munde ein No in so ausdrucksvoller Weise vernehmen, ' wie unser Nein;, es bleibt bei einem festen No, und ob ihm ein Messer zwischen den Rippen steckte. Ja, daun erst recht. Man ann den Unterschied innerhalb des Deutschest selbst am besten ׳ wachrnehmen: Schildert Einer seine überstandenen furchtbaren Zahnschmerzen derart, dass er durch die Töne, die er in das' a und u des Wortes ״furchtbar" 1־ , Eindruck zu machen versucht, dann singt er. Der Ander, nicht Singende, transportirt zu .'demselben Zweck das ganze Wort ״furchtbar".in die höchste Fkstelregion. ' ׳'־ '•־' Dem Singenden wird die entgegengesetzte rufende Rede-, weise stets eisig-kalt erscheinen. Und sie ist es auch in der That. Nichtsdestoweniger bedeutet das rufende Sagen eine höhere Stufe, weil es' neben Zungenfestigkeit größere Selbstbeherrschung und Objectivität woraussetzt, weil es ferner dem .Zweck der Sprache, das heißt. der Logik, angemessener ist. Wir haben ja die Sprache, nicht um Gefühle, sondern um Gedanken auszudrücken. Sprachmalereien sind alle primitive, naive Unternehmungen. Dazu kommt noch, dass der letzte Grund des Singens aus einer gewissen Schwerfälligkeit der Gedanken oder der Zunge stammt; man wirkt durch den Ton, weil das bequemer scheint, als das Gefühl mittelst ergänzender Worte auszudrücken. Demgemäß eignet das Singen den gemüthlichen, etwas maulfaulen Provinzbewohnern, während die redegewandten - -Hauptstädte und die uralten Culturspracheu das kühlere, aber vornehmere Rufen Pflegen. Der Gipfel der Vornehmheit ist es, das Sagen oder Rufenzum gänzlich neutralen, monotonen Flüstern zu dämpfen, wie die Engländer und Dänen es thun. In Hauptstädten wird der Singende unfehlbar ausge-' lacht, oder, was schlimmer ist, bemitleidet. Es bleibt also nichts anderes übrig, als sich diese liebenswürdige Untugend abzugewöhnen. Ein fast unfehlbares Mittel dagegen sind scharfe Wortaccente; diese möchte ich als den Gegensatz des Singens bezeichnen. Ein vortreffliches Muster des Rufens . haben JE>te. in unseren lombardischen Tschinggelamore vor Augen, mit ihrem hackend accentuirten Milanese. Diese singen nicht. . Was nun dtzn Accent betrifft, so ist über ihn mancherlei zu sagen. Doch kommen wir im Ganzen mit unseren deutschen Accenten leidlich aus. Deshalb, weil der Stärkegrad der Accente nicht bedeutend variirt, die meisten Sprachen aber, wie wir einen bestimmten Wortaccent besitzen. (Enclitischet Tonverbindüngen kommen zwar, fast überall vor, bilden aber auch überall verschwindende. Ausnahmen.) Die Wortstelle, welche der Accent bevorzugt, lehrt jeweilen die Grammatik. Die letzte Silbe wird regelmäßig betont-: in den semitischen Sprachen, also im Hebräischen und Arabischen , ferner im Spanischen. Die genannten Völker verlegen den Accent nur ausnahmsweise auf die vorletzte. Diese Betonung verleiht der Sprache etwas männliches. Umgekehrt betonen die altaischen Völker, also z. B, Ungarn und Finnen .regelmäßig die: erste Silbe'der Wörter, ohne Rücksicht auf den logischen Werth der Silbe. Der Ungar betont ovangoliuw, genommon, wie Sie Alle aus dem Theater wissen. Daher das alte ° Sprichwort: Nos Ungari non cü1־amus quantitatem syllabarum. So weit nach vorn als es nur angeht. Ebenso der Finne: Helsinki statt Helsingförs. In schöner wohlklingender Mitte stehen die meisten übrigen Völker, mit einem Accent, der zwischen , den. drei letzten Silben wechseln kann, thatsächlich jedoch vorwiegend tr'ochäisch lautet. Trochäische Betonung auf der vorletzten Silbe mit volltönendem' Vocal auf der unbetonten, letzten ist eine Hauptursache der Schönheit des Italienischen. »׳■׳׳׳-