Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 33 (21.12.1891)
- Date
- 1891-12-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Und darum richten wir am Schlüsse dieses Jahrganges den neuerlichen Appell ,an sie, sich um unsere Fahne zu schaaren und mit uns gemeinsam für das Wohl unseres Standes zu wirken. Jeder trage sein Scherflein bei, jeder lege mit Hand an an dem Werke, das wir schaffen, dann können wir getrost einer besseren Zukunft emgegenseheü. Einzelne Worte über Mischen Gesang von Dr. JeUinek. Gesammelt vom Bezirksrabbiner Roth in Siklos. Als im Anfänge dieses Jahrhunderts der große Eroberer auch einem Theile der deutschen Inden Befreiung brachte 1 2 3 *), da erhob sich der Choral, der Gesang nach Gesetz, Maß und Regel in einzelnen Gotteshäusern 2), denn Israel singt, — wenn es sich frei fühlt!2) Wenn nun auch nach dem Sturze jenes weltgeschichtlichen Helden das Los der deutschen Juden ein anderes ward und ihnen auch wie den übrigen Stämmen in Deutschland die gemachten Zusagen nicht gehalten wurden; so lebte doch in den Bessern und Edlern unseres Volkes das tiefsittliche, nicht mehr abzuweisende Bedürfnis, dem allgemeinen Gesetze der Gleichheit unterworfen zu werden, und der alte israelitische Choralgesang zog allmälig in zahlreiche Gotteshäuser ein. Woher aber, fragt Herr Dr. Jellinek, kam es, dass der Choralgesang einen solchen Kampf hervorrief und so heftigen Widerstand weckte? Klangen etwa die älteren Weisen und Melodien der Synagogen lieblicher, angenehmer und schöner? Kaum möglich, da ihnen die Hauptbedingung alles Schönen fehlte: Maas;, Verhältnis und Einheit! Oder hatten sie vielleicht einen echt jüdischen Ursprung? Mit Nichten! Ein Blick in das Gebetbuch der spanischen Juden überzeugt uns, dass die Melodien von arabischen, türkischen und spanischen Liedern als Singweisen für hebräische Dichtungen angegeben sind; daher der fromme und berühmte Dichter R. Israel Nadschera bitter darüber klagte, dass die Klänge weltlicher Liebeslieder in Israels Gotteshäusern ertönen. Auch in der deutschen und polnischen Synagoge waren es nicht selten fremdartige, der Schaubühne entnommene Melodien, die von geschmacklosen Vorbetern auf die heiligen Gebetstücke übertragen wurden. Allein nicht der Choralgesang stieß auf solch hartnäckigen Widerstand, sondern das durch denselben bedingte Schweigen der Gemeinden, die, allerdings gegen den Willen des jüdischen Gesetzes, gewöhnt waren, thätigen, schrei¬ 1) Wie herrlich sind die Worte des unvergesslichen Dr. Grätz: Die gerechte Vergeltung verfuhr noch viel herber mit deutschen Fürsten und Völkern, welche hartnäckig wie Pharao und die Egypter die Juden von der Kette der Knechtschaft nicht zu lösen, mochten. Sie wurden bald selbst zu Kammerknechten der sranzösichen Republik — Helden in erstaunlicher Zahl und Größen giengen aus dem dunkeln Schooß des französischen Volksthums hervor, welche Gottes Strafgerechtigkeit an den europäischen Machthabern ausüben sollten. (Geschichte II. Band. S, 234.) 2) Der deutschen Judenheit waren, sagt wieder Dr. Grätz, weil Mendelssohn aus ihrem Schooße hervorgegangen war, dieselben Aufgaben zugefallen, welche früher. die alexandrinischen und spanischen, zum Theil auch die provenzalischen Juden gelöst hatten, die Versöhnung des Judenthums mit der Kultur zu vermitteln. (Geschichte II. Band S. 411.) 3) Israel Jakobson war der erste, welcher eine Reform für das Judenthum einführte. Aus der Synagoge, welche mit der für die Jugend in Kassel eingerichteten Schule verbunden war, ließ er alles Häßliche, Anstößige, Lännende, besonders den Sinsang aus dem Gotteshause entfernen. Prediger Klay in Hamburg war der erste, welcher ein religiöses Gesangbuch lieferte. enden und lärmenden Antheil an dem Vortrag der Gebete zu nehmen. Und doch muß Jeder bei ruhiger und besonnener Ueberlegung einräumen, dass die des Gesanges unkundigen Gemeinden schweigen mussten. Bedürfen wir heute noch der Wächter und. Aufseher, um Ruhe und Ordnung im Gotteshause aufrecht zu erhalten, viele zu ermahnen, dass sie nicht stehen, wenn sie sitzen, nicht sitzen wenn sie stehen, dass sie nicht neugierig und nachlässig den Rücken der Bundeslade zukehren, nicht Gespräche anknüpfen 5), während der Predigt sich nicht vordrängen sollen; möchte man doch heute in die Klage einstimmen in welche der fromme Radbi Salomo Alarei vor mehr denn vierhundert Jahren ausbrach, dass Israels Tempel sich schämen müssen vor andern nichtjüdischen Gotteshäusern, wo die weihevollste Andacht und die feierlichste Ruhe herrscht; wie hätte man Choräle mitten im Schreien und Lärmen der Gemeinde singen lassen können? Nur Eines hatte man in der Hitze des Augenblickes vergessen : die Heranwachsende Jugend in den religiösen Gesängen unterrichten zu lassen! Wohl ward der Gesang in den jüdischen Familien gepflegt 4), es gehörte ja zum guten Ton, ein UrtheiL über Sänger und Sängerinnen fällen, oder ein Lied in Abendgesellschaften vortragen, oder bei nichtjüdischen Oratorien mit- Wirker! zu können; die Gesänge Zions aber blieben fremd den Söhnen und Töchtern in Israel. An den Gemeindemitgliedern ist es, sagt Dr. Jellinek, anstatt mit stets redefertiger Zunge und mit dem Maße des Besserwissens und Besserkönnens die Führung der Gemeinde zu bekritteln, ihre Kinder anzuspornen, dass sie am Gesangsunterricht fleißig theilnehmen, wodurch wir ein Doppeltes zum Heile des Judenthums erreichen. (Fortsetzung folgt.> Zur Schschtfrage in -er Schweiz. Bern, 12. December 18A1. Nach dreitägiger Berathung im Nationalrathe ist nunmehr die Schächtfrage in der Schweiz für immer erledigt. Bekanntlich haben die Kantone Bern und Aargau das Schächten verboten, wogegen die Israeliten einen Recurs an den Bundesrach ergriffen, dem auch Folge gegeben wurde. Nachstehend ein ausführlicher Bericht über die ebenso interessante als hochwichtige Debatte.: Die Kommissionsmehrheit (Grieshaber, Cavat, Ming, Theraulaz, Stoppani) beantragt Zustimmung zum Ständerathsbeschluß, d. h. Aufhebung des Verbotes der Berner und Aargauer Regierungen; die Minderheit, bestehend aus Schindler 4) Die hebräische Sprache besitzt, schreibt der unvergessliche Löw. eine überraschende Fülle von Ausdrücken für Singen und Spielen. Für die in die Liturgie ausgenommenen Psalmen ist keine ererbte Melodie vorhanden. Ein Vorbeter des 12. Jahrhunderts, Elieser b. Zemach iw Bagdad, pochte wohl auf seine Kenntnis der alten Tempelmelodien, und und es scheint auch bei dem vielgereisten Benjamin aus Tudela Glaube« gefunden zu haben. (Die Lebensalter S. 301.) Ob nach der Zerstörung des heiligen Tempels jeder Gesang verboten war, oder nur solcher fang, welcher die Herzen zum fremden Gottesdienste verleitet, siehe Chagiga 15 b, Raschi und Sam. Eideles. 5) In der geistreichen Predigt: ״Soll mit der Zustimmung der Wiener Gemeinde dem ungeregelten Gottesdienste in der Hauptstadt des Reiches eine Stätte erbaut werden?" sagt Dr. Jellinek: In dev Synagoge plauderte man gemüthlich, und ward das Geräusch zu groß, da stellte ein kräftiger Schlag die schönste Ordnung; her. ohne Diener in Uniform.