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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-12-21 · Heft 33 (21.12.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 33 (21.12.1891)
Date
1891-12-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — darum ist der singende Vorb et e r, so lange die Juden ihre Synagogen nicht allein der Erbauung, sondern auch des Gebetes wegen besuchen, unentbehrlich; besonders der Vorbeter, welcher weniger die Notenköpfe als den Geist des Textes und-der Melodien zum Ausdruck bringt. Ein weiteres wichtiges Argument sür die Nothwendigkeit des singenden Vorbeters, des Cantors, liegt in der Gebetsprache. So lange das Hebräische als Gebetsprache in der Synagoge vorherrscht, würde die Abschaffung des Vorsängers einer Vernichtung des Gottesdienstes gleichkommen. Denn das declamirte hebräische Gebet würde bei der wachsenden Unkenntnis der hebrätschen Sprache — einer Unkenntnis, die es mit sich bringt, dass der Text mancher Gebete von vielen Andächtigen erst durch die charakteristische Melodie erfasst und verstanden wird — auch den letzten Rest der Getreuen, welche in größeren oder geringeren Zwischenräumen das Gotteshaus besuchen, aus demselben drängen. Zu diesen praktischen Erwägungen fügt der Autor noch ein ideales Moment hinzu, das ist die specifisch-jüdische Empffndüng. Während im gesellschaftlichen Verkehr unsere Ambition Lahin geht, in allen Dingen unseren andersgläubigen Mitbürgern gleichzuthun, sollen wir in der Synagoge wenigstens Juden sein und uns als solche fühlen! Und darum behalten wir unsere Gebete, unsere hebräische Sprache und unseren Vorlänger, nicht blos trotzdem, sondern weil sie den Bekennern anderer Religionen fremd und weil sie neben unserer LiLteratur die einzigen Ueberreste sind aus einer glor- und ereignisreichen Vergangenheit! ... Nachdem mit solch beredten Worten die hohe Bedeutung und die Nothwendigkeit des jüdischen Cultusbeamtenstandes dargechan wird, wendet sich College Levin der Frage zu, wieso es kam, dass trotzdem die Achtung vor dem Cultusbeamtenstande und die sociale Stellung seiner Träger so vieles zu wünschen übrig lässt. Verschiedene Umstände, äußere wie innere, waren hiebei maßgebend. Die ersteren Hier eingehend zu besprechen, überschreitet den Rahmen des vorliegenden Aufsatzes, so verlockend es auch wäre, unsere Leser mit der geistreichen psychologischen Erklärung, wie sich der Druck des Ghetto allmälig auf die jüdischen Gemeindebeamten fortgepsianzt hat, näher bekannt zu machen. Umso mehr müssen wir aber unsere Aufmercksamkeit den inneren Umständen zuwenden, d. h. jenen Schäden, die an einem Theile der Berufsgenossenschaft selbst und an den Beziehungen jedes Einzelnen zur Gesammtheit zu Tage getreten sind. Wir müssen die Thatsache vollauf bestätigen und haben auch in diesen Blättern schon zu wiederholten Malen darauf hingewiesen, wie sehr unser Stand durch unwürdige und unwiffende Elemente, die sich an denselben herandrängen, geschädigt wird. Ganz richtig bemerkt der Autor: ״Diese Elemente schaden uns nach verschiedenen Richtungen; erstlich erniedrigen sie unseren Beruf durch ihre Unwissenheit und Leistungsunfähigkeit, sodann entwürdigen sie unseren Stand durch ihre Servilität, ihre Liebedienerei, um sich in der Gunst ihrer Gemeinde, in ihrer Stellung zu halten." Die menschliche Natur ist leider nur zu leicht geneigt, zu generalisiren, namentlich dort, wo sie Schattenseiten entdeckt hat. Wir Juden sollten dies wohl nicht thun, denn wir haben diesbezüglich bittere Erfahrungen am Antisemitismus gemacht; aber trotzdem wird gerne jede Gelegenheit ergriffen, um die Fehler, die am Einzelnen beobachtet werden, der Gesammtheit unseres Standes zur Last zu legen. Manche College» in Deutschland haben es sich hiebei sehr bequem gemacht, indem sie alle Schuld und Verantwortung für die zu Tage getretenen Missstände auf die ausländischen, sogenannten slavischen Amtsgenossen, als eine inferiore Rasse, abwälzten. Mit vollem Rechte werden diese Bestrebungen in der Broschüre gegeißelt und ihre Unwahrheit durch die Thatfache erwiesen, dass fast sämmtliche Cantorstellen in den Großgemeinden von nicht in Deutschland geborenen, also ausländischen Amtsgenossen besetzt sind. Nicht durch gegenseitige Anfeindung und Herabsetzung, sondern durch einmüthiges, zielbewusstes Handeln werden wir das Ansehen unseres Standes heben; Pflege der . Collegialität, gegenseitige Förderung und Belehrung sei unser Aller Streben.. Wir anerkennen diese beherzigenswerthen Worte des geschätzten Autors, aber um so weniger können wir das abfällige Urtheil begreifen, welches er über das in Bromberg erscheinende Fachblatt an jener Stelle fällt, wo er über die Mitwirkung der jüdischen Fachpresse zur Erreichung der angedeuteten Ziele spricht. ״Es ist bedauerlich", heißt es daselbst, ״dass ein Blatt, welches ausschließlich unseren Interessen dienen will — der ״jüdische Cantor" in Bromberg — trotz seines fast zwölfjährigeu Bestandes sich nicht einmal in den Kreisen der Interessenten einzubürgern verstanden hat, und dass keinerlei Aussicht vorhanden ist, die Verbreitung des Blattes zu fördern, weil es in Folge der geringen Theilnahme, die man dem Blatte entgegenbringt, nichts leisten kann und im Großen und Ganzen eine publicistische Null ist. Es wäre sonst unsere vornehmste Pflicht, dem Blatte zur Seite zu stehen; man kann uns aber nicht znmuthen, einem Unternehmen unser Interesse dauernd zuzuwenden, das unserem Stande, wenn auch keine Unehre, so doch auch keine Ehre macht noch je gemacht hat." Wir hätten wohl keinen Anlass, für den ״jüdischen Cantor" in Bromberg einzutreten, da auch ^er uns gegenüber^ collegiales Entgegenkommen niemals bewiesen hat, aber immerhin müssen wir bedenken, dass dieses Blatt als erstes die publicistische Vertretung unserer Standesinteressen sich zur Aufgäbe gemacht hat, und darum sei uns die Frage gestattet: war es nicht die Schuld der Collegen in Deutschland, dass der ״jüdische Cantor" zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist? Ihre Pflicht ist es gewesen, dieses Organ zu pflegen und zu stützen, nicht aber ihre geistigen Fähigkeiten einem anderen Blatte zur Verfügung zu stellen, das niemals Herz und Sinn für das Wohl des Cantorenstandes gezeigt hat. Ja wohl, der Mangel an Collegialität im Kreise unserer Berufsgenossen hat schon viel Schaden angerichtet, und selbst wir, die wir eine solche Kritik, wie sie am ״jüdischen Cantor" geübt wurde, nicht zu fürchten und, Gott sei Dank, auch noch nicht hervorgerufen haben, wissen über dies Capitel manch trauriges Lied zu singen. Mit Stolz können wir auf die in den letzten Jahren eingetretene Besserung der Verhältniße in Oesterreich Hinweisen und mit freudiger Genugthuung aussprechen, dass die ״österreich. - ungar. Cantoren- Zeitung" hieran hervorragenden Antheil genommen hat, indem alle jene Schritte, die von berufenen Personen zur Förderung der Standesinteressen bei der hohen Regierung und den löblichen Gemeinden eingeleitet wurden, in unserem Blatte Anregung und publicistische Erörterung gefunden haben. Trotz dieser greifbaren Erfolge aber müssen wir bekennen, dass die materielle und geistige Unterstützung von Seite unserer Collegen eine verhältnismäßig geringe und unzureichende ist.

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