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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-12-11 · Heft 32 (11.12.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 32 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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welt, der selbst in untergeordneter Stellung es verstanden hat, seinen Mann zu stellen und seine Pflicht voll und ganz zu erfüllen. Diese Anerkennung soll heute dem -Quartettsänger im Seitenstetten-Tempel, Herrn Leopold Liebesny.. anlässlich der Feier seiner silbernen Hochzeit, mit der eine vierzigjährige Dienstzeit bei der Wiener Cultusgemeinde zusammenfällt, gebührend zutheil werden. Nicht was Liebesny im Chore des Tempels in der Seitenstettengasse bis heute gewesen, soll hier betont werden, sondern wie er es gewesen, und wie er seinen Beruf äufgefasst hat, verdient Anerkennung und Nachahmung. Er sah und sieht sich heute noch mit als Träger des Gottesdienstes an, und sein ganzes Leben bis heute gibt Zeugnis, dass, er auch seiner Stellung würdig war und ist. Denn der Dienst eines sogenannten Quartettsängers ist aus kleinen Anfängen zu einem gar nicht unbedeutenden emporgewachsen. Stimmmittel, musikalisches Wissen und nicht zuletzt liturgische Kenntniße muß der Quartettsänger von heute besitzen, um seinem Posten gewachsen zu sein. Und Liebesnh besaß und besitzt mehr als dieses: Pflichtgetreu und mit einer rührenden Hingebung für seinen Beruf, hat er das Seine dazu beigetragen, den guten Ruf des Chores im Seitenstetten-Tempel zu rechtfertigen, und möge es ihm darum noch lange gegönnt, sein, eine feste und verlässliche Stütze desselben zu bleiben! Möge er schließlich im Vereine mit seiner treuen Gattin an seinen Kindern jene Freuden erleben, die sein gutes Herz verdient. Wien. Der Vorstand des ״T h e r e s i e n - Kr e u z e r- Vereines" veranstaltete Dienstag, den 8. December, 2 Uhr Nachmittags im großen Saale der Börse für landwirthschaftliche Producte die alljährlich zur Chanukazeit stattfindende Vertheilung von Winterkleidern an arme jüdische Schulkinder. 354 Knaben und 335 Mädchen wurden mit warmen Kleidern und außerdem noch mit Obst und Backwerk beschenkt. Möge das segensreiche Wirken dieses Vereins allseits Unterstützung und Förderung finden. Wien. Samstag, den 5. d. M. Abends kam ein armer polnischer Jude in das Gemeinde-Wirtshaus in Kagran und bat — natürlich gegen Bezahlung — um ein Nachtlager. Der arme Teufel wollte sich im Gastzimmer ein wenig ansruhen, aber das sollte ihm schlecht bekommen. Die Bierabträger fiengen an, ihn in, der abscheulichsten Weise zu verhöhnen, und nicht genug damit, fielen sie über ihn her und schoren ihm gewaltsam Las Haupthaar ab — zum großen Gaudium des biederen Wirthes und der anwesenden Gäste, unter denen sich auch der Bürgermeister von Kagran befand. Keiner hatte ein abmahnendes, abwehrendes Wort für die rohen Bursche, alle sahen vielmehr vergnügt zu, wie ein Mensch, der Niemandem etwas zu Leide gethan, in der brutalsten, nichtswürdigsten Weise misshandelt wurde. Ist es da ein Wunder, dass die rüden Bierjungen sich ihrer Heldenthat noch rühmen und dieselbe selbst erzählen? — Diese antisemitische Rohheit wird jedoch, wie uns aus sicherer Quelle gemeldet wird, ein gerichtliches Nachspiel haben. Der so arg misshandelte Jude klagte aiß nächsten Tage sein Leid dem Vorsteher des Tempelvereines in Aspern, Herrn Fabian G a l l i a, und dieser machte sofort persönlich die Anzeige beim Kreisgerichte in Korneuburg, das bereits die Untersuchung eingeleitet hat. Zum Vertreter des Privatklägers wurde Dr. Ellbogen in Wien bestellt. Wien. Dienstag, den 8. d. M. fand unter zahlreicher Theilnahme das Leichenbegängnis des Herrn Josef I. E s k enasy, gewesenen Vorstehers der türk. Jsraeliten-Gemeinde in Wien, statt. Der Verblichene genoss durch sein vielseitiges humanes Wirken, besonders als Begründer und langjähriger Vorsteher des Vereines ^Likur cholim“, wohlverdiente Achtung nnd Anerkennung. Die Armen verlieren an ihm einen treuen Freund und warmen Fürsorger. Der Heimgegangene erreichte ein Alter von 74 Jahren. Sein Andenken wird in der Gemeinde fortleben. ,תנצב״ד Wien. (Ein neues Blutmärchen.) Vor 14 Tagen Montag gegen 6 Uhr Abend trat in das im Parterre gelegene Wohnzimmer des Trödlers I. Kohn in Simmering Dorfgasse Nr. 45 ein junger Bursche, der bei der Milchwirthschaftsbesitzerin Anderl bedienstets Hausknecht Johann, um seine Pelzjacke gegen einen Geschäftsrock umzutauschen. Da eben der Arzr Dr. E. bei der kranken Frau Kohn weilte, sagte der Trödler zu dem Burschen, er möge ein wenig in der Küche, welche an das Wohnzimmer stößt, warten. Dieser gieng dahin und blieb so lange dort, so lange Dr. E. im Zimmer verweilie, und zwar in Gesellschaft des kleinen Sohnes des Trödlers, der Magd Josefa Horwath und des Marktbediensteten Anton Schwingenschlögl, die beiden Letzteren Christen. Johann verließ, nachdem er handelseins geworden, die Wohnung des Trödlers mit den lächelnd gesprochenen Worten: ״Sie, wenn der Rock zerrissen ist, müssen Sie ihn zurücknehmen!" Es waren kaum zwanzig Minuten, nachdem der Hausknecht die Wohnung Kohn's verlassen, verflossen, als ein Wachmann erschien und den Trödler aufforderte, ihm zur Polizei-Expositur zu folgen. Kohn gieng sofort mit dem Wachmann, nachdem er noch seiner Frau gegenüber bemerkt hatte, dass man bei der Polizei vielleicht wisse, dass irgend ein Kleidungsstück, dass man ihm verkauft, gestohlen sei. Der Polizeicommissär hatte aber den Trödler wegen einer ganz anderen Sache vorrufen lassen. Der Hausknecht Johann war nämlich schnurstracks zur Polizei gegangen und hatte dort die Anzeige gemacht, er wäre im Hause Kohn's von zwei schwarzgekleideten Männern mit aufgeschürzten Aermeln gefasst worden, die ihn mit den Worten: ״Komm nur, es geschieht Dir nichts!" in den Keller schleppen wollten. Der Trödler war im ersten Momente ganz starr über diese Mittheilung, erklärte aber alsdann, der Bursche müsse verrückt sein, denn er sei ja keinen Augenblick allein gewesen und es befände sich im Hause, das er bewohne, überhaupt kein Keller. Als der Trödler dies auch dem Hausknecht in's Gesicht sagte, wurde dieser ganz kleinlaut und sagte, er sei, indem er als Kind einmal gefallen, so schrecklich ängstlich, fürchte sich ganz unbändig, wenn er allein im Finstern sei rc. Der Trödler wurde nunmehr nach Hause geschickt. Dies geschah Montag Nachts. Dienstag Morgens konnte Herr Kohn, als er auf die Straße trat, bereits aus dem Munde von Schulbuben hören: ״Juden, braucht's Christenblut?" und ein!?jähriges Mädchen, die Tochter einer Nachbarin, Schneider-Fanny genannt, rief ihm gleichfalls ganz keck diese Worte in's Gesicht. Die gleichfalls in der Nachbarschaft wohnende Frau eines Friseurs Benisch — derselbe ist einer der fanatischesten Agitatoren des Mechanikers Schneider — ließ ihm durch Kohn's Sohn die freundliche Post zuftellen: ״Der Vater wird jetzt in's Landesgericht kommen." Herr Kohn hat bereits gegen Beide die Anzeige bei der Polizei erstattet. In Simmering, wo diese Affaire begreiflicher Weise lebhaft die Gemüther bewegt und allgemein besprochen wird, erinnert man sich bei dieser Gelegenheit an die mysteriöse Koffer- Affaire, welche sich vor acht Monaten, gleichfalls in Simmering abgespielt. Damals — es war dies kurz vor den jüdischen Ostern — war ein kleiner christlicher Knabe, Dank einem glücklichen Zufalle, rechtzeitig in dem engen, mit Nägeln und Eisenstücken versehenen Verschlag unter dem Kutschbock des einem Juden gehörigen Wagens gefunden worden. Beide Affairen werden merkwürdiger Weise von der gesummten antisemitischen Presse todtgeschwiegen. Gull«. Herr Emanuel Fleischmann, ein Sohn des Vorstehers der hiesigen Cultusgemeinde, hat sich mir Fräulein Betti Cohn aus Wien verlobt. Wiener-Neustadt. Letzten Samstag fand im hiesigen Stadttheater ein Gastspiel der Opernschule Löwen stamm statt, welche den ״Troubadour" zur Aufführung brachte. Unter den Debütanten ragte durch glänzende Stimmittel, edles Spiel und imposante Bühnenerscheinung Herr Simon Szengery (Luna) besonders hervor. Derselbe dürfte die Leser unseres Blattes um so mehr interessiren, als er ein Sohn des O.berkantors Singer in Wien ist. Der junge Künstler, der nebst den genannten Eigenschaften auch über gediegene musikalische Bildung verfügt, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Lemberg. Letzthin erkrankte ein!?jähriges israelitisches Mädchen, das im Dienste eines hiesigen Schneidermeisters stand, welcher dasselbe — da im israelitischen Spitale Fremde nicht ausgenommen werden, können, in's christliche allgemeine Kranken- Haus überführte, von wo aus es, weil die Krankheit (Typhus)

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