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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-12-11 · Heft 32 (11.12.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 32 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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!ja&en, denn er hatte als solcher Beziehungen zu Handelsfirmen in den meisten Städten Böhmens, und seine Popularität wuchs in dem Maße, als er eben nicht nur fahrender Kaufmann, sondern auch fahrender Sänger geworden war. In dieser Doppelstelluug wusste er stets sein Geschäft zn machen. Man kannte nicht nur sein Geld, sondern auch sein Lied, und beides fiel schwer in die Waage. Die Geschäftsitockung eines Berliner Hanfes, mit dem er verbunden war, führte ihn mit einem seiner Freunde nach der deutschen Metropole. Als sie ihre Angelegenheit daselbst geordnet hatten, machte Pereles den Vorschlag, nach der neuen Synagoge zu gehen, von deren Pracht er so viel gehört. Sie ließen sich vom Custos in alle Räume führen, und Pereles erbat sich von diesem die Erlaubnis, die Akustik probiren zu dürfen. Mit Vollkraft schmetterte er einige seiner schönsten Töne in die luftige Halle, dieselbe ganz mit mächtigen Tonwellen erfüllend. Der Custos, halb erschrocken und halb verwundert, rief den Namen des Höchsten an und fragte stotternd: ״Mein Herr! Ich bin erstaunt . . . Wer sind Sie?Ohne Zweifel ein Sänger!" ״Za, so was! Auch ein Stücke! Chasen!" antwortete Pereles. Auch von der humoristischen Seite hat er sich oft gezeigt. Ein Verehrer seines Gesanges, der ihm nach jeder schönen Kedusche einen klingenden Beweis seiner Zufriedenheit in Form eines Species-Thaler in die Hand drückte, ließ sich längere Zeit in dieser Eigenschaft nicht sehen. Als er seinen Gönner eines Tages jedoch auf der Gasse bemerkte, rief er ihm zu: ״Verehrter Freund, versiegte Quelle meiner harten Thaler wo weilst Du so lange?!" Moritz Pereles war auch einige Zeit Dirigent eines Gesangsvereines, der das weltliche und religiöse Lied zu psiegen sich zur Aufgabe machte; aber sein allzustrenges Regime bei einer aus freiem Willen zusammengetretenen Körperschaft löste das Unternehmen bald auf, denn es fehlte ihm die wichtigste .Eigenschaft eines Lehrers: Die Geduld. Ja auch die armen Chorknaben wussten neben dem religiösen, auch ein anderes Lied von der Unduldsamkeit und Strenge ihres Cantors zu singen, der nicht nur zum taktirem sondern auch zum traktiren seine Rechte schwang. Wenn etwas nicht nach seinem Willen gieng, wandte sich sein Unmuth, namentlich beim Gottesdienst, nicht nur gegen die kleine Sängerschaar, sondern auch gegen das große Publikum, und sein gewöhnlich den Damen auf der Gallerte geltendes ״Pst" sagte Jedem, dass er mit der Ruhe im Gotteshause nicht zuftieden sei. Und rümpften auch die Herren Vorstände die Nasen über einen solchen von einem Angestellten ausgeübten Absolutismus, der eine Einschränkung und ein Eingreifen in ihren Wirkungskreis bedeutet, was war dem unersetzbaren, daher unabsetzbaren und gleichzeitig reichen, unabhängigen Manne daran gelegen?-Beim Schulchan da fühlte er sich heimisch, das Gotteshaus schien sein Haus zu sein, so frei und doch so hoheitsvoll war sein Auftreten. Dieses Hochgefühl der Unumschränktheit schien ein Ersatz für das fehlende Glück am eigenen Herde. — Er war kinderlos!-- Seine aufrichtigen Freunde waren die Fachgenossen, welche sich bei jeder Gelegenheit liebend um ihn schaarten. Hatte ja jeder Einzelne von ihm etwas gelernt, und auch für den Funktionär der kleinsten Landgemeinde war er ein wohlwollender Rathgeber. Und so kam es, dass sie alle herbeieilten, den 25. Zkovember 1867 als Jubiläumstag seiner 25jährigen Wirkfamkeit festlich zu begehen und dem ersten Cantor des Landes ihre Huldigung darzubringen. Die Prager Cantoren veröffentlichten zu diesem Zwecke eine Festbrochure. Eine Festfeier im Tempel konnte nur in geringem Umfange stattfinden, weil der Neubau noch nicht beendet war; um so weitläufiger waren die Veranstaltungen in der Wohnung des Jubilars. Als erste Deputation erschienen die Cantoren Böhmens mit einer Adresse, welche Cantor Körner vorlas. Cantor Fröhlich aus Jungbunzlau überbrachte alsdann einen mit Silberguirlanden und Lyra geschmückten Taktirstock und setzte dem Jubilar einen silbernen Lorbeerkranz aufs Haupt. Dann erschienen als Deputationen: Der Vorstand der israelitischen Weisenmädchen, der Vorstand der Tempelgemeinde, der Vorstand der Neusynagoge u. A. alle reiche Geschenke darbringend. Adresien und Zuschriften sandten : Die Gemeinde-Repräsentanz Prag und Essegg Dr. Jellinek und Sulzer aus Wien, Moritz Friedmann Pest, L. Lewandowski Berlin, Alois Kaiser Baltimore rc. War der Tag für den Jubilar ein ehren- und ruhmvoller, so war es noch mehr der Abend. In den festlich geschmückten Sälen des ״Hotel Katz" fand das Banket statt, welchem die Elite der Gelehrten- und Künstlerwelt, Notabilitäten der Stadt und der Gemeinde anwohnten. Ein hundertftimmiges ״Boruch haW' der sämmtlichen Prager Chorsänger, componirt von David Rubin, empfieng den gefeierten Jubilar, und nachdem sich diese wogende Gesellschaft an den gedeckten Tischen niedergelassen, eröffnete Professor Dr. Kämpf den Reigen der Toaste mit folgenden Worten:Vom Weine heißt es in der heiligen Schrift, er erfreue Gott und Menschen. Auch ein schöner Gesang i m D i e n st e d e r N e l i g i o n ange - wendet, erfreuet Gott und Menschen, indem er die Herzen zur Andacht stimmt, — ein Leb ehoch!" Es toastirten weiters in schöner und sinniger Weise die Herren Rabbiner Dr. Stein und Dr. Sonnenschein. Dem Schwiegervater des Jubilars, Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Samuel Freund, dem großen Gelehrten, der mit seiner An- Wesenheit die Gesellschaft zierte, brachte Herr Dr. Kohn, Rabbiner der Klausfynagoge, die Gesundheit aus. — Ein geistreiches Widmungsgedicht sprach Schauspieler Pittmann, welches von Richard Genes, Kapellmeister des deutschen Landestheaters, verfasst, sämmtliche Tonarten in Dur und Noll aufzählte, in welchen der Sänger, ihrem Charakteristikon gemäß, seine Lieder erklingen ließ. — Zwei hebräische Gedichte von seinen Pragex Freunden G. Spitz und Rabbiner Troller wurden an die Gäste vertheilt. Unzählig liefen jedoch die Telegramme, Wunschgedichte und Huldigungsschreiben der auswärtigen Freunde ein. — Schlag auf Schlag tönten die Toaste durch die mit Gläferklang und Helles Lachen der rauschenden Menge erfüllten Räume, bis ein Strom von Harmonien eine überraschende Wendung brachte; es war die Serenade der Prager Synagogen-Cböre. Die musikalische Produktion wurde fortgesetzt durch Lieder- Vorträge der' Herren׳. Cantoren Popper und Bayer und des Opernsängers Kassio, durch Klaviervorträge der Herren Wallerstein und Rosenthal. Ein Sturm der Begeisterung aber gieng durch die Reihen der illustren Gäste, als der Jubilar, von Richard Genes am Klavier begleitet, selbst ein Lied zum Besten gab. Herr Fabrikant I. Hübsch ließ zur dauernden Erinnerung dieses seltenen Festes eine Denkmünze prägen und an die Gäste vertheilen, welche auf der Aversseite die Inschrift trug: Moritz Pereles, Oberkantor, und auf der Reversseite: Zur 25. Jubelfeier, Prag, 16. November 1867. — Der Kapellmeister G. N. Skraup'widmete eine Cantate, und viele Andere giengen in dem Bestreben auf, dem genialen Manne in vielfacher und verschiedener Art ihre Verehrung zu bezeugen. Und in der That war Moritz Pereles eine viel zu eigenartig begabte Natur, als dass man in seinen Betrachtungen über diese interessante Persönlichkeit nicht lange zu verweilen für nöthig hielte, und wie sie alle heißen und rühmlichst wirken mögen, die Fachgenossen — jene Ursprünglichkeit des Talentes, gepaart mit offenem und freimüthigem Wesen, wird nicht sobald die Zeit uns wieder bringen. Aber mit dem Strahl seiner göttlichen Signatur wird Pereles dem ganzen Stande ein imverrückbarer Lichtpunkt sein. Die materiellen Verluste, welche er im.Schwindeljahr 1873 erlitten, trieben den reichbegabten Mann in die Nacht des Wahnsinns, weggefegt aus den Armen liebender Freunde und der treuen Kunst! Benedikt Singer, erster Cantor in Jungbunzlau. Klkint Chronik. Wien. (V i erzi g I ahre im D ienst e derCultusgemeinde. — Zum 19. De cemb er 1891.) Nicht jedem Sterblichen ist es vergönnt, eine hervorragende Stelle im socialen Leben zu erklimmen. Es muß auch bescheidene Existenzen geben, und gewiss gebührt auch dem die Anerkennung der Mit-

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