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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-12-11 · Heft 32 (11.12.1891) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 32 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Der erste Friedenskongress. Von Dr. A. Frankl-Grün in Kremsir. Wenn es auf das beständige Reclamieren seitens des Judenthums zurückzuführen ist, dass der uns früher streitig gemachte Besitz des Ausspruches: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" schon heute allgemein als ursprüngliches Eigenthum der jüdischen Lehre anerkannt wird, dann begehen wir eine Unterlassungssünde, wenn wir es ruhig hinnehmen, dass unsere humanen Grundsätze als Errungenschaften der nachjüdischen Civilisation hingestellt und die idealen, veredelnden Bestrebungen unserer Religion aus böswilliger Absicht oder Unwissenheit todt geschwiegen werden. Denn wie die — allerdings von jeder weichlichen Schwärmerei entfernte — Nächstenliebe wird auch die Friedensliebe trotz der Psalmverse 29, 11, 34, 15, 86, 11 dem jüdischen Schristthum abgesprochen. Und hat doch selbst der große Denker Kant (״Zum ewigen Frieden", S. 21, 22) in der figürlichen Bezeichnung ״Gott der Heerschaaren" den kriegerischen Charakter unserer Religion gefunden, obwohl ״alle ihre ' Wege Frieden sind" und sie als letztes Ziel Len Völkerfrieden hinstellt. Daher erachte ich es für angemessen, anlässlich der in Rom tagenden Friedenskonferenz nachdrücklich zu betonen, dass das Ideal vom ״ewigen Frieden" zuerst durch jüdische Propheten in Jerusalem beredten Ausdruck gefunden hat. Ja, uni durchaus keinen Zweifel über die Entstehung und Werthschätzung dieser nicht utopischen, illusorischen, sondern aus realem Boden stehenden Lehre aufkommen zu lassen, findet sich diese Verkündigung fast mit gleichen Worten wiederholt bei zwei Propheten, Jesaias (2, 2—4) und Micha (4, 1—3); sie lauten: j ״Man wird einst zwischen Völkern entscheiden, zwischen Nationen richten; sie schmieden ihre Schwerter um zu Sensen, ihre Schwerter zu Winzermessern; kein Volk zieht gegen das andere sein Schwert, und sie werden nicht mehr Krieg lehren". Ich habe in meiner Vergleichung der biblischen Parallelen sprachlich und sachlich nachgewiesen, dass die Priorität dieser Idee Jesaias, als ihrem Vater und Schöpfer, gebührt, und dass diese Rede ganz seinem Geiste und Gedankengange entspricht (vergl. Jes. Cap. 11). Die Veranlassung zu derselben bot eine in Jerusalem zur Berathung über Kriegs- und Friedensangelegenheiten stattgefundene Versammlung von Delegirten mehrerer Nachbarstaaten, was erwiesenermaßen öfters der Fall war. Und aus diesem Umstande ist auch die rege Theilnahme Jesajah's am Wohl und Wehe fremder Völker, besonders aber die Aufforderung an die Bewohner Moabs, dass sie sich nach Jerusalem, dem Sitze des unpaarteiischen Schiedsrichters wenden, dem Schutze Hiskia's dem Recht und Wahrheit liebenden Nachfolger aus dem Throne Daaids, sich anzuvertrauen, erklärlich. Wie die politischen Verhältniße zur Zeit Jesaias sich gestalteten, ist es wahrscheinlich, dass die Fäden vieler diplomatischer Beziehungen von Zion ausliefen, wohin sich die Gesandten versammelten und die zu führenden Kriege beschlossen, oder etwaige Verträge und Pläne seststellten. Bei einem solchen Congresse iu Jerusalem, welcher selbst durch die schweren Rüstungen zu leiden hatte (Cap. 22, 8), dürfte Jesaia obige, ewig denkwürdige Worte verkündet haben, dass dereinst, — vorausgesetzt, dass ״die Erde von Wissen voll ist", — alle Völker nach dem, von ihm wie von Keinem glorificierten Zion strömen würden, um dort über Streitigkeiten aus friedlichem, gütlichem Wege zu entscheiden, wodurch die Waffen, sogar das Lernen des Krieges, nnnöthig würden. Wir haben hier ein klares, von jeder Ueberschwenglichkeit und Verschwommenheit freies Bild des Weltfriedens, der aber mit Recht und Wahrheit vereint sein soll, von welchem Grundgedanken ja auch jüngst die Friedenskonferenz in Rom beseelt war und die die Verwirklichung der erhabenen, prophetischen Verheißung unbewusst fördern. Uns aber genügt der Hinweis, dass diese Theorie von Zion ausgieng und dass, wie'dieses prophetische Ideal, noch so manche Voraussage ihrer Betätigung entgegenfieht. Gewiss ist der erhabene Gedanke des verträglichen Nebeneinandergehens der Völker verschiedenen Glaubens nie mit erhabeneren Worten dargestellt worden, welche es wahrlich verdienten, Kants dasselbe Thema behandelnder Schrift als Motto vorangesetzt zu werden. Msrih Prrelks. (Schluss.) Pereles selbst war als Tonkünstler von bedeutender Inspiration geleitet. Wie edel sein 1ss'36koruru (C-Dur), wie großartig angelegt die Todtenfeier ״Was ist der Mensch" l Uweschofor godol, Gesehem rc, alle diese Stücke tragen den Stempel gottbegnadeten Genies. Wohl gefiel er sich oft in musikalischen Spielereien, und wenn ihn seine originellen Gedanken im Stiche ließen, so machte er gern ein Anlehen bei Meistern der Theatermusik. Dies können wir bei einer Kedusche sehen, welche aus der Melodie ״Die volle Börse" (Nachtlager von Granada) und einem Kidduseh, der aus ״Lucretia" entlehnt ist. Die ernst Denkenden in der Musik konnten ihm das nicht verzeihen; seine Schwärmer hingegen erblickten hierin eine neue Seite seiner Genialität. Als ich vor mehreren Jahren den altersschwachen Meister Sulzer besuchte, war eine der ersten Fragen, welche er an mich richtete: Was macht Pereles mein Liebling? Ich musste ihm die betrübende Nachricht bringen, dass Pereles schon vor längerer Zeit gestorben sei. Daran möchte ich etwas über den Aufenthalt Sulzer's in Prag anknüpsen *). Im Frühjahr 1863 dirigierte Kapellmeister Julius Sulzer seine erste Oper ״Johanna von Neapel" in Prag. Mit ihm kam auch sein berühmter Vater. Diesen beiden illustren Gästen erwies man besonders in jüdischen Kreisen eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit. Man hatte erfahren, dass sie längere Zeit zu verbleiben gedenken, und so trat der Vorstand der Tempelgemeinde an Vater Sulzer heran, mit der Bitte, kommenden Freitag Abend das Naarirr-Gebet sreundlichst celebriren zu wollen. Sulzer sagte zu. Der Andrang zum Tempel war enorm. Fenstergitter wurden daselbst erklettert, um den großen Meister zu hören. Aber der Glücklichste war unser Pereles. Er hatte damals die Genugtuung, seinen ersten Lehrer auf dem Platze seiner eigenen Wirksamkeit fungiren zu hören. Vor allem Andern wollte Sulzer die Schöpfungen seines Lieblings kennen lernen und erwählte sich selbst zum Vortrage den ״W’schomru in C-Dur", ließ sich aber vom Componisten in der Probe Vorsingen. Pereles, ein hoher Bariton von seltener Sympathie, sang das zweigestrichene ״G" mir vollem Brustton, Sulzer der Vollbariton gab ihm einen Wink, die oberen Töne mit Falsett zu nehmen, machte es ihm vor und erzielte eine ganz andere Wirkung. Pereles, ergriffen von der hohen Kunst seines Lehrers, beugte sich vor und küsste ihm dankerfüllt die Hand. Nicht immer sollte es jedoch Pereles beschieden sein, aus dem Pfade seiner Kunst sortzuschreiten; der Geschäftstrieb, wie er ihm in der Zeit seiner Jugend eigen war, trat leider auch später in den Vordergrund. Er blieb nicht allein Cantor, er wurde nebenbei auch Geschäftsmann. War es materielle Gewinnsucht, oder Vorliebe zur ursprünglichen Bestimmung? — Jedenfalls musste er auch als Geschäftsmann Tüchtiges geleistet *) Feuilleton in der Cantoren-Zeitung vom 22. Juni 1887 ״Sulzer in Prag" von B. Singer.

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