Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 31 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453238--3318-3457661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— e Volkswohlstandes״". Die Inden in Amerika stehen unangetastet, weil hochgeachtet da. Der dortige Antisemitismus ist ein todtgeborenes Kind des Unsinnes und der Raserei. Die Antisemiten Europas möchten allerdings den Juden gerne wieder inuseine frühere Feigheit, Zaghaftigkeit und Bettelhaftigkeit zurückdrückenr In Amerika aber enthalt und genießt der Jude allenthalben seine Bürgerrechte. Der Amerikaner achtet am Juden, was er. an .sich selbst achtet: Muth, Unternehmungsgeist, und redlich verdienten Wohlstand!" Zum Schluss berührte der Rednerauch die Eigenthümlichkeiten des religiösen Neubildungs- ' processes innerhalb des überseeischen Judenthums .in.Dogma- und Cultus. Dr. Sonnenschein, der sich aus Gesundheitsrücksichten, in Wien aufhalt, erfreut sich eines wohlbegründeten Rufes. Wien. (״Gebt uns die Juden zurück!") Eine interessante Mittheilung geht der ״Kölnischen Zeitung" aus Petersburg zu. Erst sind die russischen Juden so schnell wie: möglich in besondere Bezirke zurückgedrängt und aufs schwerste.. gMadigt worden; jetzt aberfühlen sich die Gegenden, aus welchen die Juden vertrieben worden sind, zum Theil seihst noch viel schwerer durch diese Maßregel geschädigt und in einzelnen Bezirken bitten sie die Regierung himmelhoch: ״Gebt uns die Juden zurück, ohne die wir nicht fertig werden können,.. die uns überall als Aufkäufer und Zwischenhändler fehlen". Am lautesten erscholl diese Klage aus den Reihen der bessarabischen Weinbauer, die in den vertriebenen Juden ihre besten Makler, verloren Haben. Die Preise sanken, weil die Nachfrage so. abmchm, von 35 bis 50 und sogar 60 Kopeken fstr den Eimer auf 9 bis 13 Kopeken herab. Das Kischenew'sche Landrathsamt wendete sich dieserhalb an die höchste örtliche Verwaltungsstelle und die Folge davon war, dass mehr als hundert zeitweilige Aufenthaltsscheine den Juden ausgefertigt wurden. Gleich llegannen auch die Preise zu steigen und haben stellenweise scholl ihre frühere Höhe wieder erreicht. Was sich in Bessarabien im Kleinen vollzogen hat, dürfte sich in anderen ״gesäuberten^ , russischen Gegenden vielleicht in noch viel größerem Umfange, wiederholen, denn auch für viele russische Fabriksbezirke wärest, gerade die jüdischen Abnehmer der oft nicht ganz vollwichtig^ ' Fabrikate hochgschätzt uud gern gesehen. ' נ i Wien. Die ״Sonn- und Montags-Zeitung schreibtDas ’ ״Deutsche Volksblatt" cultivirt bekanntlich die Lüge 'jeder-/ Art und in jeder Form. Da ist es denn wohl nur begreiflich, wems manche dieser Lügen so plump ausfällt, dass sie auch in antisemitischen Kreisen ein bedenkliches Kopsschütteln erregt. Ga vermag beispielsweise selbst das gläubigste Antisemitengemüth sich den eelatanten Widerspruch nicht zu erklären, wenn das Organ Vergani's jubelnd verkündet, dass der Antisemitismus in ganz Deutschland riesige Fortschritte macht, während zur selben Zeit der Telegraph die Thatsache meldet, dass Lei den Stadtverordnetenwahlen in Berlin die antisemitische Partei vollständig geschlagen wurde. Glaubt Herr Vergani durch eine derartige alberne Lüge an dem Resultate dieser Wahlen etwas ändern zu Wnnen? Oder ist es nur die gewohnheitsmäßige Sucht, die Wahrheit zu entstellen und zu verhüllen, welche den Herausgeber des ״Deutschen Volksblattes" dazu bestimmte, seinen Lesern die Niederlage, welche die Berliner Gesinnnungsgenossen aitf allen Linien erlitten haben, in dieser läppischen Weise zu verbergen? Aber Herr Vergani hat von seinem Standpunkte ganz Recht, wenn er den Niedergang des Antisemitismus in Deutschland zu vertuschen sucht. Wir verdanken ja diese Bewegung dem Deutschen Reiche, von wo sic bei uns importirt wurde. Da nun der Antisemitismus draußen im Absterben begriffen ist, dürfte —- so.fürchtet Herr Vergani — ihm ein gleiches Schicksal auch bei uns bald beschieden. sein. Wir wünschen, dass sich Herr Vergani nicht irre. Wrtdapest, 22. November 1891. Der Pefter israelitische Frauenverein feierte heute in der Mittagsstunde ein erhebendes Fest. Dasselbe hatte den Zweck, das für den großen Saal der Anstalt in Oel gemalte lebensgroße Porträt der verdienstvollen Vicepräsidenttn Frau Anton Herzl in feierlicher Weise zu enthüllen. Die Feierlichkeit fand im Prachtsaale des israelitischen Mädchen- Waisenhauses statt. Der geräumige Saal war von einem distiuguirteu Publikum dicht gefüllt. Wir bemerkten unter den Anwesenden: den Vorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde, den Präsidenten der israelitischen Lündeskanzlei Martin Schweiger, den Präsidenten des israelitischen Knaben-Waisenhauses, Jakob Deutsch, den Reichstags-Abgeordneten, AlexaNder.v. Ullmann, Prof. Dr.. Baron, den Bankdireckor Armin Schwarz, die Großhändler Jakob Fürst, B. Goldberger de Buda, Friedrich v. Neumann und B.-v. Rust, Direktor Samuel Ehrlich, Moriz Bloch, Paul Tencer; ferner die Damen Dr. Kayserling, Dr. Kohn, Renoe Kraus- Wahrmann, Deputationen von beinahe sämmtlichen hiesigen Frauen- Vereinen und anderen Corporationen, Frau Charlotte Nosenzweig- Saphir u. A. An der Stirnseite des Saales, oberhalb der Estrade, war das noch verhüllte, in eben so geschackvoller/ als reicher Deco ratton prangende Bild angebracht. Zur Rechten und zur Linken desselben nahmen die Waisenmädchen mit ihren Erzieherinnen Aufstellung.' Nachdem die Jnstitutszöglinge einen passenden ’ Choralgesang executirt hatten, betrat der Secretär des Vereins, Gabriet Forrai, die Estrade und hielt die Festrede, in welcher er in anerkennender Weite der vielen Verdienste gedachte, die Frau Marie, Herzl ein Vierteljahrhundert hindurch, zuerst als Ausschußdame dann aber als Vicepräsidenttn sich um den Verein erworben hat; dem Danke hiefür verleiht jetzt der Verein durch die Anfertigung ihres Bildes sür den Vereinssaal bleibenden Ausdruck.. An einer passenden Stelle der Rede fiel die Hülle und das wohlgetroffene Conterfei der Gefeierten ward sichtbar. Forrais Rede erweckte einen mächtigen Wiederhall bei den Anwesenden, welche zu wiederholten Malen in lebhafte Eljenrufe ausbrachen. Ein Zögling des israelitischen Mädchenwaisen-Asyls, die kleine Ilona Schloß, sprach sodann einige herzliche Dankesworte und überreichte der ebenfalls anwesenden gefeierten Vicepräsiden tinein prachtvolles Blumen-Bouquet. Auch die Präsidentin desVereins, Frau David ' Bischitz, richtete an dieFreundin und Cöllegin Worte der Anerkennung und beglückwünschte die edle Frau zu dieser wohlverdienten Auszeichnung. Mit dem Absingen des ״Hymus" endete die schöne Feier. Das sprechend ähnliche, gelungene Bild wurde, von der Meisterhand unseres heimischen Malers Anton Zilzer, angefertigt. Mit Befriedigung wollen wir constatiren, dass dasselbe eine hervorragende Leistung auf dem Gebiete der vaterländischen Porträt-Malerei ist. Zilzer, welcher wirklich Großes geleistet, istein Jude und ein Ungar, der sich als akademischer Maler bereits einen klangvollen Namen erworben hat. -Der Künstler wurde auch nach der Enthüllung des von ihm gemalten Bildes allseitig beglückwünscht und mit Ehrenbezeugungen überhäuft. Noch wollen wir erwähnen, dass der Commercialrath Wilhelm Müller anlässlich dieser Feierlichkeit dem Verein als Ausstattungsstiftung für ein Waisenmädchen fl. 300 spendete. D. H. 8. WaaV, 20. November. Fürstprimas Vaßary ist auf zwei Tage nach Raab gekommen. Beim Empfange der protestantischen, und israelitischen Deputationen betonte der Primas besonders, dass er den Frieden und die Eintracht liebe. Die Vertreter der Raaber Cnltusgemeinde waren unter Führung des Oberrabbiners Dr. Fischer erschienen, dem der hohe Kirchenfürst besonders gewogen ist. Der Fürstprimas wartete gar nicht ab, bis der Redner seine Ansprache hielt, sondern eilte der Abordnung mit den Worten entgegen: ״Es freut mich sehr, dass Sie mich mit Ihrem Erscheinen beehren; ich bitte Sie," sagte der Primas, ״lieben wir uns auch von heute ab weiter." Hierauf betonte Oberrabbiner Fischer, dass unter den vielen glänzenden Deputattonen diese bescheidene Gruppe nicht fehlen wollte. Jung und Alt in der jüdischen Gemeinde spricht mit Stolz und Verehrung von den erhabenen Tugenden des Primas, denn so wie die glänzende und hohe kirchliche Stellung einen mächtigen Lichtstrahl aussendet, so wirft wieder die unvergleichliche Menschenliebe und der weise Gerechtigkeitssinn Vaßary's einen Prachtschimmer auf jenen L-tuhl, den zu besteigen ihn ein gütiger Gott auserkoren, jener Gott, den die ganze civilisirte Menschheit gleichmäßig anbetet. Redner empfiehlt seine Glaubensgenossen dem Wohlwollen des Kirchenfürsten. Der Primas sagte unter Anderm: ״Meines Wohlwollens können Alle sich vergewissert halten. Der Redner Hat das Wort ״Stolz" berührt — sagte Vaßary — wenn mem Herz die Empfindung des Stolzes überhaupt kennt,