Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 31 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453238--3317-3457660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 ohneffich zu vertheidigen, ist soviel, als gestehe er es ein; er hat selbst bas Urtheil über sich gefällt. 25. ״Die Frevler sind in der Gewalt ihres Herzens, die Frommen hingegen, sind Herr ihres Herzens, das Herz ist in ihrer Gewalt." (Lad. 4. M. 13.) Die Gottlosen stehen unter dem Einstusse ihrer Neigungen, ihrer Leidenschaften, die Frommen verstehen es, sich zu beherrschen. In diesem Spruche ist die Quelle alles Guten und Bösen gekennzeichnet. 26. Man sagt zur Wespe: ״Ich mag deinen Honig und deinen Stachel nicht." (Lad. zu Balak.) Angewendet wird dieser Spruch aus Bileam, er möge die Israeliten weder stuchen, noch segnen. Uedrigens findet dieser auch weitere Anwendung. Es gibt Menschen, die Wohlrhaten ausüben, aber in verletzender Weise, sich erheben, Andere erniedrigen. Und dergleichen Fälle gibt es Mehrere. 27. ,.Ist der Fuchs zur Herrschaft gelangt, so beuge dich vor ihm." (NsZilla 15.) Der Macht auch des Unwürdigen muß man sich unterwerfen, das gebietet die Vernunft. So bückte sich Jakob vor seinem Bruder Esau. 28. ״Je satter, desto hungriger; je hungrigerdesto satter." (Lukka 52.) Das ist kein Räthsel, sondern ein vernünftiger Spruch in Bezug auf den bösen Trieb. Jemehr man die Leidenschaft zu befriedigen sucht, destomehr verlangt sie, sie ist unersättlich; je mehr man sie hingegen unterdrückt, desto befriedigter wird sie. 29. ״Größer ist das Verdienst, dessen, der Andere zu Liebeswerken veranlasst, als was er selbst Gutes übt." (B. B. 9.) Die Mittel der Einzelnen sind immer beschränkt, sie reichen beim besten Willen nicht aus. Wer daher auch Andere zu edlen Thaten aneisert durch gemeinsames Wirken, kann Großes erzielt werden, das ist gewiss ein glorreiches Verdienst. 30. ״Der Lügner verliert allen Werth — selbst wenn er die reine Wahrheit schwört." (Lauhsär. 89.) Du magst so oft, so viel als möglich lügen — mich sollst du dennoch nicht betrügen. Ein Einzigmal Haft du mich betrogen — das kam daher, du hattest nicht gelogen. (Göthe.) W.r. Wim.(Verein zur Förderung der Handwerke unte r d en inländischen I sra eliten.) In Folge großen Andranges der aus allen Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie um Aufnahme ansuchenden Knaben und der großen, mit der Versorgung und Bekleidung des dermaligen Standes der Vereinszöglinge von über 1300 Knaben verbundenen Auslagen, welche bereits im Vorjahre ein namhaftes Desteit zur Folge hatten, hat der Vereinsvorstand beschließen müssen, die Aufnahme von Knaben während der Monate December und Jänner zu sistiren.. Wim. (״Oesterreichisch-israelitische Union".) Samstag am 21. o. M. fand im Saale der Nestauration Kühner am Schottenring eine zahlreich besuchte Vereinsversammlung statt. Unterden Anwesenden bemerkte man die Gemeinderäthe Gustav Simon und Baurath Stiaßny und zahlreiche andere Honoratioren. Herr Dr. Sonnenschein aus St. Louis hielt seinen angekündigten Vortrag über ״Juden und Judenthum in Amerika."jDer Redner, einer der bekanntesten und populärsten Prediger in den Vereinigten Staaten, verstand es, in seinem formvollendeten Bortrage seine Hörer zu fesseln, stellenweise sogar zu enthusiasmiren. Dr. Sonnenschein sagte in der? Hauptsache Folgendes: ״Die Juden in Amerika bilden eines der interessantesten Bindeglieder zwischen der ältesten und jüngsten Weltcultur. Schon der Umstand, dass sich bei dem Bildungsproceß des amerikanischen Judenthums vom Anbeginne die beiden Hauptströmungen der europäischen Cultur-Elemente, der romanischen und germanischen, in der spanischen, holländischen, englischen und deutschen Ein- Wanderung geltend machten, legt Zeugnis dafür ab, dass Juden und Judenthum in Amerika mit dazu berufen sind, an dem Emporkommen der Neuen Welt auch ihre eigene Theilnahme zu bewähren. Schon lange vor und während, wie unmittelbar nach den Unabhängigkeilskämpfen zeichneten sich amerikanische Juden und Jüdinnen durch ihren opferwilligen Patriotismus aus. Redner nannte die alten Familien, deren Nachkommen heute noch leben und wirken. Er sagte unter Anderem: ״Die Juden in Amerika sind wohl keine Pionniere, aber sie sind treue, ausdauernde Nachzügler, sie sind keine Pfadfinder, aber ehrliche und kluge Helfer in der Noth. Sie machen den Boden für den großen Handel und Wandel der neuen Welt nicht urbar, aber auch sie streuen in reichlicher Saat und in der vordersten Reihe die fruchtbringenden Körner des unermesslichen junge Brausekopf Pereles überwarf sich daher mit seinen Vorständen, und da der Cantorposten in Straßburg ausgeschrieben war, so säumte er nicht lange und bewarb sich um denselben. Er wurde berufen. Es war für ihn ein denkwürdiger Abend dieser Freitag, an welchem Pereles in Straßburg gesungen. Das Publikum war von seiner Stimme und seiner Vortragsweise entzückt, und als er erst einen Schlußkadisch zum Besten gab, da wollte der lautgewordene Beifall schier kein Ende nehmen, sie riefen ihm von allen Seiten ein enthusiastisches Zaschor Ko ach zu, umringten ihn und erwiesen ihm alle erdenklichen Ehren. Das Resultat eines solchen Sieges war eine, definitive Aufnahme. Während seines Straßburger Aufenthalies ergieng an ihn der Ruf von der Pariser Cultusgemeinde. den erkrankten Naumburg bei einer Feierlichkeit im großen Tempel zu Paris zu vertreten. Seine Leistung fand solchen Anklang, dass ihm dafür ein wundervoller Ehrenpokal überreicht wurde. Ein Zeitraum von mehr als einem Jahr war feit seinem Abgänge von Prag verflossen, aber in den Ohren der Prager tönte die Stimme von Pereles immer fort. Fröhlich obwohl wegen seiner Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit im Amte sehr beliebt, konnte doch als einzelner in allen Zweigen nicht das leisten, was ein hauptstädtischer Gottesdienst forderte. Es wurden daher Stimmen laut, unter jeder Bedingung Pereles von Straßbürg zurückzuberusen, und es wurde projektirt Pereles als ersten und Fröhlich als zweiten Cantor einzusetzen. Dass es Pereles nicht leicht wurde, sich von seinem Straßburger Posten loszumachen, ließ sich denken. Die Fühler wurden nach ihm ausgestreckt, und es gieng. Um so beliebter war er jetzt in Prag. Ein förmlicher Cultus war mit ihm getrieben worden und jede Neuerung), sobald sie nicht gegen den Ritus verstieß, oder jede neue ׳Piece, mit Begeisterung ausgenommen. Drastisch hört es sich heute beispielsweise an, wenn man erfährt, dass, als es bekannt wurde, Pereles werde Freitag Abends einen neuen ״Haporestt bringen, der Tempel sich total füllte. Noch bis in die letzte Zeit seines Wirkens fesselte er mächtig durch die Art seines bezaubernden Vortrages, und man kann ganz offen sagen, dass die Compositionen David Rubins durch die mustergiltige Interpretation Pereles nicht zum geringen Theil dadurch ihre große Popularität erlangt haben. Wer z. B. nur einmal die Recitative zu Rubins L'chododr (6-Bur) von ihm gehört, dem bleibt diese markante Vortragsweise unvergessen. Er war Gesühlsänger in des Wortes mächtigster Bedeutung und eine kurze Episode gibt Beweis dafür. Ein Gewährsmann erzähl!: Pereles bereitete mit uns ein gemischtes Soloquintet, für eine Trauerseierlichkeit vor. Er selbst sang die Oberstimme und hatte mehrere Takte ohne Begleitung. Solo, worauf dann die übrigen Stimmen einzufallen haben. Schon bei der Probe waren wir von seiner Vortragsweise wie gebannt, bei der Aufführung selbst jedoch vollends aus der Rolle gebracht, wir konnten nicht weiter singen, und bei der Stelle wo wir einzufallen hatten, erstickten Thränen unsere Stimme, denn wir waren von seinem Solo überwältigt worden. Pereles außer sich vor Erregung, stellte uns mit derben Worten wegen unserer Unverlässlichkeit zur Rede; als wir ihm jedoch den wahren Grund bekannten, beruhigte er sich und sagte lächelnd : ״Nun, ich sehe, dass Ihr mich versteht!'׳ (Schluss folgt.)