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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-12-01 · Heft 31 (1.12.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 31 (1.12.1891)
Date
1891-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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12 9״htr, wenn -er Tiger wird das zarte Lämmchen schonen — werden Tochter und Schwiegermutter friedlich zusammen wohnen." (B. Batra. 95.) Einen ähnlichen Spruch finden wir in Bezug auf die Messiaszeit, wo alle Menschen zur Erkenntnis und Einsicht gelangen werden, Verträglichkeit und allgemeiner Friede herrschen wird. Es ist das eine geistreiche Anspielung. 13. ״Die Erhaltung des Menschen ist so wunderbar, wie die Theilung des Schilfmeeres " (Pessach. 118.) Das Meer hat seine Ebbe und seine Fluth, ebenso ist das menschliche Schicksal im Steigen und Sinken begriffen. Gar oft ist das Emporkommen des Einen vom Untergange des Anderen abhängig. 14. ״Man sieht gewöhnlich den Fehler Anderer und lässt die Seinigen unbeachtet." (Negoim 2. Perek.) ״Können wir nicht alle dichten — so wollen wir doch Alle richten" — Parallel zu diesem Spruche ist auch folgender: ״Man sieht den Splitter in den Augen Anderer und den Balken in seinen Augen nicht." (B. Batra. 15.) 15. ״Wer dich zurechtweiset, ist dein Freund, wer dir heuchelt, ist dein Feind." (D. Erez. 9. Per.) Ein Freund, der mir den Spiegel zeiget — den kleinsten Fehler nicht verschweiget — mich freundlich warnt, mich herzlich schilt — wenn ich nicht meine Pflicht erfüllt — der ist mein Freund — so wenig er's auch scheint — doch wenn mich einer schmeichelnd preiset — mich immer lobt und mir verweiset — zu Fehlern gar die beut' — der ist mein Feind — so freundlich er auch scheint. 15. ״Wer eine Pflicht durch eine Pflichtverletzung ausübt, der hat seine Pflicht nicht erfüllt." (B. Kama 64.) Das ist eine Lehre gegen den jesuitischen Grundsatz: ״Der Zweck heiligt die Mittel," den das Judenthum verwirft. Der Talmud nennt eine solche Handlung: Mizwoh hat0011 b’aweroh. 17. ״Wüthet in deiner Umgebung eine Seuche — eile, fliehe, weiche." (B. Kama 60.) Man setze sich nie und nimmer eine Gefahr aus, in der Erwartung, wenn es Gottes Wille ist, unversehrt zu bleiben, das hieße, Gott versuchen. Erst hüte dich' selbst, dann wird dich Gott beschützen. 18. ״Nur wenig Frauen haben eigen י— ein Geheimnis zu verschweigen." (Sab. 33.) Es liegt das in der Frauennatur, mittheilsam zu sein, das gehört zu den weiblichen Schwächen. Bildlich drückt sich der Talmud darüber aus: Zehn Maß Reden hat Gott in die Welt gegeben, neun davon haben sich die Frauen genommen. (Sab. 49.) 19. ״Nicht die Maus, sondern der Schlupfwinkel ist der Dieb." (Kid. 56.) Der Hehler ist ärger als der Stehler. Gelegenheit macht Diebe. Die Lücke ruft den Dieb herbei. Alle diese Sprüche deuten dasselbe. 20. ״Die Weintrauben müssen für das Gedeihen der ' Blätter beten, indem die Trauben ohne die Schutzblätter nicht gedeihen können". (Chulin 92.) Die Wissenschaft gleicht den : Trauben, und jene könnte auch nicht gedeihen ohne die materielle^ Unterstützung der Laien. 21. ״Das Geld verschafft Ruhm und Ehr', ist dem Menschen Schutz und Wehr'. (B. Mez. 66.) ׳Geld ist nicht blos die Seele des Geschäftes, des materiellen Wohlstandes, sondern gut und nützlich angewendet, hat es einen höheren Zweck; es dient zur׳ Förderung der Wissenschast, des Fortschrittes, der Bildung und Erziehung, zur Ausübung guter Werke. 22. ״Wirf keinen Stein in den Brunnen, aus dem du einmal Waffer getrunken." (B. Kama 92.) Sei nicht undankbar gegen deine Wohlihäter, und hätte er dich nnr einmal mit einem Labetrunk erquickt. Die heilige Schrift, -ie Bibel, ist die Quelle, woraus andere Glaubensbekenner ihre Lehren geschöpft, sie sollen also keinen Stein aus das Judenthum werfen und dasselbe nicht mit Koth beschmutzen. 23. ״Das Schwert und das Gesetzbuch, beide kommen vom Himmel als unabweislich nothwendig." (Kiäusob, 22.) Die Gerechtigkeit führt in der einen Hand die Wagschale, mit der sie das Recht abwiegt, in der andern das Schwert, mit dem sie es behauptet. Das Schwert ohne die Wage ist die nackte Gewalt, die Wage ohne das Schwert die Ohnmacht des Rechtes, beide gehören zusammen und vervollständigen sich. 24. ״Stillschweigen ist soviel, als zugestehen." (B. Mez. 37.) Wer einer Beschuldigung unterzogen wird und schweigt dazu, Moritz Pereies. Zu den musikalischen Zierden des Prager israelitischen Tempels gehört nach Meister Franz Skraup der Obercantor Moritz Pereles, der mit 2jährigerUnterbrechung beinahe 28 Jahre rühmlichsr an dieser Stätte gewirkt hat. Pereles, ein geborener Prager, mar der Sohn achtbarer, aber mittelloser Eltern, welche ihm eine gute Erziehung gaben, jedoch in Folge ihrer Mittellosigkeit nicht in der Lage waren, ihn studiren zu lassen. Der Junge wurde ins Geschäft gegeben, aber schon im Hause seines Chefs machte er sich durch ein auffallen-es Gesangstalent und seine schöne Stimme angenehm bemerkbar. Seine Vorliebe fürs Theater brach alle Schranken und seine paar Kreuzer verwendete er stets dazu, um sich an freien Abenden aus der letzten Gallerie des städtischen Theaters einen guten Platz zu erobern, damit er in den Melodien seiner Lieblingsopern nach Lust schwelgen könne. Sein reger Geist, der sich auch im Geschäft bekundete, ließ ihn nicht lange in Prag verweilen. Sein Wunsch und seine Sehnsucht, Wien kennen zu lernen, trieb ihn nach der Residenz. Er suchte hier Stellung und fand sie auch in einem Produktenurü» Ledergeschäft. Da er in Prag dem Tempelchore als Sopranist angehörte, war es ihm ein Leichtes, eine derartige Neben- Leschäftigung zu erhalten^ und in der That nahm ihn Sulzer, der sich von den Fähigkeiten und Anlagen dieses jungen Menschen überzeugt hatte, in den Chor des Stadttempels auf. Die Mutation hatte er bald vorüber und durch die nöthige Ruhe, welche er seinem Organe angedeihen ließ, bildete sich eine schöne Tenor- Laritonstimme aus. Sulzer drang in ihn, sich mit solchen Mitteln ganz dem Cantorfache zu widmen, und bildete ihn zum Chasan aus. Nun wollte aber Pereles die rechte Schule durchmachen, das heißt, er wollte die höchste Ausbildung in der Musik sich aneigru'n. Paris war damals das Mekka aller jungen Musiker und Sänger. Cherubim schwang als Direktor des Conservatoriums das musikalische Scepter und Manuel Garcia war der maßgebendste Meister im Gesang; dahin zog es ihn und dahin war sein Wallen. Eines schönen Tages sehen wir auch unfern jungen Sänger, den Weg nach Paris antreten. Hier fand er bei Naumburg liebevolle Aufnahme und Unterstützung in seinen Bestrebungen. Mit reichem Wissen und Erfahrung ausgestattet, verließ er nach 2jährigem Aufenthalt die Seinestadt und traf in Prag 1847 ein. Daselbst waren Löwenstamm und Fröhlich als Cantoren im Tempel angestellt. Löwenstamm konnte sich einer dauernden Beliebtheit nicht erfreuen und vertauschte seine Prager Stellung mit München. Sofort richteten sich die Blicke nach dem 22jährigen Pereles. Er sang Probe, und mit einem Schlage gewann er alle Herzen. Dass er hier Gelegenheit fand, eine reiche Thätigkeit zu entfalten, war ja natürlich, denn es standen ihm alle musikalischen Hilfsmittel zu Gebote, aber er gieng in seinen Reformbestrebungen zu weit. Er wollte für Prag das sein, was Sulzer für Wien, und in einem später» Schreiben dankt ihm Sulzer: ״D u b i st ja mein wackerster Jünger und hast meine zarten Pflanzungen sorgfältig gewahrt und zur Reife bringen helfen." Auch sein Gesang war Vielen zu theateralisch, seine Composttionen zu weltlich, zudem war sein Antipode Reb Anschel Popper in seiner Art noch viel zu mächtig, als dass man dieses" ganze Prager Chasonus so leicht hätte vermissen können. Der

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