Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 31 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453238--3315-3457658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 3 — Entfernen müssen die Eltern zuvörderst alles, was das heilige, unschuldige Gemüth des Kindes verletzen könnte. Der fröhliche, kindliche Sinn muß wie eine heilige Flamme genährt und angefacht werden, weder allzugroße Anstrengung des Verstandes und - der Vernunft, noch die Einimpfung . des Wohllebens und des Müssigganges dürfen das Wachsen der Wurzel des jungen Stäfnmchens hemmend entgegenwirken. Dadurch werden nur DUnschenfragmente erzogen, die später im,Strudel der Unsittlfchkeit und des Unglaubens ihr trauriges Ende finden. Wir mWn daher bei dem jungen aufblühendem Menschengeschlecht bog-jMen, bei der reinen, noch unverdorbenen, jedem Eindrücke offMn Seele des Kindes mit der Radicalcur den Anfang machen, damit die heraureifende Generation den Samen des göttlichen Sinnes zur Frucht reifen lasse. Wohl wissen wir, dass die Religion lediglich und allein Sache der Gesinnung und des Herzens ist, von diesem aus müssen die Heilslehren iu.den Verstand dringen und zur wahren Erkenntnis führen, von hier aus sollen dieselben veredelnd aus den Willen einwirken und zur That führen. Die Religion ist dazu berufen, den ganzen Menschen zu bilden, .alle seine Seelenkräfte in harmonischer Weise zu entwickeln, dass sie nicht allein .־ den Verstand erhellen, nicht allein das Herz veredeln, sondern auch den Willen kräftigen soll. ״Die Religionsschule muß ganz einfach und populär ihre Schüler nicht blos zur Erkenntnis, sondern auch zur Anerkenntnis des mosaischen Geistes führen; sie hat daher die Glaubenslehren mehr dem Gemüthe einzuprägen, als zum Eigenthum des Verstandes zu machen, und dieserhalb mit einem vorbereitenden Cursus zu beginnen, der den .religiösen Sinn, erweckt, das sittliche Gefühl anregt und die .einfachsten religiös-sittlichen Vorstellungen aneignet; dann mit dem Schüler den religiös-sittlichen Stoff mit der Geschichte der,-göttlichen Offenbarung in der heiligen Schrift zu übergehen, hierauf den systematischen Unterricht im mosaischen Glauben und Leben!: eintreten zn lassen, und zuletzt in der Geschichte der nachbiblichen Epoche die Unterweisung und Belehrung zu vollenden. Der Religions-Unterricht darf auch nicht schablonenmäßig ertheilt werden. Sinn für Tugend und Religiosität wird ein solcher Unterricht nicht erwecken. Ein Schwall von Definitionen und Verstandesbegriffen wird nur den zarten Keim-.in der Kindesseele ersticken. Es dürfte zweckmäßig erscheinen, jegliche Demonstration in der Religionsschule außer Acht zu lassen. Der Glaube an den einzigen Gott, an die heilige Schrift, an die Sendboten Gottes, Fortdauer nach dem Tode und einstige Vergeltung, Pflichten gegen sich und seine Nebenmenschen — diese Lehren vermag kein trockener katechetischer Religions-Unterricht zu zeitigen, weil das Herz kalt bleibt und nur der Verstand in Anspruch genommen wird. Verstand, Herz und Gefühl müssen gemeinschaftlich thätig sein und durch die Empfindung des Gemüthes wird erst der Haltepunkt für das Leben geschaffen und befestigt. Lieber weniger, aber Luft und Liebe sei auch hier die Devise des Lehrers, dazu bedürfen wir aber ״Erziehungskünstler" — ״wahre Schulmeister", pädagogisch durchgebildete Religionslehrer, die auch der allgemeinen Bildung nicht fern stehen dürfen. Lehren ist kein Handwerk! Wo es irgend möglich ist, sollte für die Religionsstunde die erste Unterrichtsstunde des Tages bestimmt sein, das jugendliche Gemüth ist dann weniger zerstreut, Herz und Gemüth gestärkt durch den vorangegangenen Schlaf sind noch in voller Frische und jedem Eindrücke zugänglicher. Ein inniges, aus dem Herzen kommendes Gebet, ein kurzer würdiger Gesang würde das Gemüth zu jener Stimmung erheben, die durchaus bei dem Religions-Unterricht erforderlich ist, wenn er von Segen begleitet sein-soll. Der Lehrer aber soll die Fähigkeit besitzen, selbst den unaufmerksamen Schülern Reue und Thränen zu entlocken, bis die harte Rinde zerbrochen und das Herz zur Aufnahme des himmlischen Thaues erweicht wird. Die Ueberzeugungstreue des Schülers wird zunehmen und zu seiner dauernden, höheren Richtung erheben, und zum Manne gereift, wird der Glaube un die ewigen Wahrheiten so lebendig werden, dass er in allem Thun der Seele vorschwebt, und alle ihre Gedanken und Handlungen begleitet. Dieses zu erwirken und zu ermöglichen, sei die Aufgabe und das wichtigste Geschäft des Religionslehrers und hat er seine Zöglinge dahin gebracht, dann erst wird der übrige Religions-Unterricht von wahrem Nutzen sein. Dann kann er auch die katechetische Methode zur Erklärung der heiligen Schrift benutzen, doch immer nur so, dass er oft mit dem freien, lebendigen Vortrage abwechsele, um das Gefühl des Göttlichen i in der Brust des Schülers immer lebendiger zu erhalten und von Zeit zu Zeit wieder anzufrischen. Ein Haupt-Erfordernis ist hierbei, dass der Lehrer selbst Religion habe, dazu bedarf es gerade keiner großen theologischen Gelehrsamkeit, aber wohl der Begeisterung und der Ueberzeugungstreue für die heilige Sache. Man kann vielleicht Religions-Unterricht geben, ohne selbst Religion zu besitzen, dann aber soll man nicht erwarten, dass die Schüler Religion bekommen werden: ״Nur Worte, die vom Herzen kommen, können wieder zum Herzen gehen". -Die -Wirkung des Religions-Unterrichtes kann dadurch noch erhöht werden, dass der Lehrer den Kindern gegenüber keine gewöhnlichen Redensarten führe, Scherze vermeide (darunter darf, aber der Schulhumor durchaus nicht leiden), um nicht die religiöse Stimmung herabzuziehen. Die Kraft der Begeisterung muß dem Religionslehrer zu Gebote stehen, dann wird dem Schüler der Unterricht nicht lästig und langweilig werden, was bei dem gewöhnlichen Schlendrian nicht anders zu erwarten ist. : Mit diesen kurzen Andeutungen will ich für heute schließen, es würde mich aber freuen, wenn die von mir angeregten Ideell zu weiteren Aeußerungen über dieses hochwichtige Thema in diesem geschätzten Blatte Anlass gäben. Das Moschal. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. (Fortsetzung.) XXI. 10. ״Die Stelle ehrt nicht den Mann, sondern der Mann ist's, der die Stelle ehrt." (lauis 21.) So lange Gott auf dem Siuai weilte, durfte Niemand sich demselben nähern; als aber die Offenbarung vorüber war, durfte wieder Jeder den Berg betreten. Daraus ergibt sich der Sinn dieses Spruches. 11. ״Einen Schuh sagt ein Weiser, der größer ist, als mein Fuß, brauche ich nicht." (Kidusch. 49.) Ein bescheidener Mensch lehnt hohe Ehrenbezeugungen und Würden, die ihm nicht wahre Verdienste, sondern die Gunst des Augenblickes einräumen, von sich ab. Einen Beweis dafür liefert Moses, der sich lange weigerte, die Sendung nach Egypten anznnehmeu aus Bescheidenheit, indem er sprach: ״Mi onaucM", wer bin ich?