Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 31 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — Gin freies Wort Herr Reichsfeld aus Altsohl richtete jüngst an den Reichsrachsabgeordneten und Präsidenten der Budapester Gemeinde Moriz Wahrmann, ein offenes Schreiben, in welchem er diesen einflussreichen Mann bittet, die nötigen Schritte zur Reception der jüdischen Confession in Ungarn einzuleiten. Das interessante Schreiben hat folgenden Wortlaut: ״Euer Wohlgeboren! Hochverehrter Herr! Mit dankbarer! Ikrerkennung haben die Bürger unseres theueren Vaterlandes Ahr patriotisches Streben gewürdigt, welches Sie bei der Ver-; Handlung des Budget des Cultusministeriums an den Tag legten. Zumal die jüdischen Mitbürger sind Ihnen zu besonderem Danke verpflichtet, weil Sie Gelegenheit nahmen, Se. Excellenz aus die, wie Sie sagten, lächerliche Unterstützung aufmerksam zu machen, welche die jüdische Confession von Seite des Staates genießt, und mit gewohnter Schlagsertigkeit die nicht sehr erhebende Antwort des Herrn Ministers zu paralysieren^ Aber hochverehrter Herr, so verdienstvoll Ihr Streben auch war, erchöpst haben Sie Ihre Ausgabe hiemit nicht. Sie machten wohl aus den Splitter aufmerksam, aber den Balken, der dem Auge unserer Gesetzgebung anhastet, ließen Sie ganz unbeachtet, und doch wäre es gerade jetzt an der Zeit, diese hochwichtige, wie brennende Frage der Reception der jüdischen Confession anzuregen und in Fluss zu bringen! Seit der erfolgten Emancipation haben die ungarischen Juden Beweise genug ihres aufrichtigen Patriotismus geliefert und zur Nationalisirung unseres theuren Vaterlandes, mehr als vielleicht von ihnen erwartet wurde, beigetragen. Nun die Wahlen wieder Heranrücken, ist es wohl an der Zeit, dass sowohl die Israeliten wie jeder wahre Patriot zu der von mir angeregten Frage Stellung nehme, damit man darüber im Klarem sei, was von der liberal sich nennenden Regierung in dieser hochwichtigen Angelegenheit zu erwarten sei. Unsere heimische Gesetzgebung war von jeher der Tummelplatz der Gegensätze; doch seit die Verfaffung restaurirt, ja gekrästigt wurde, sollten Gegensätze sich nicht auf eine besondere Volksklaffe, auf eine besondere Confession erstrecken! Gibt es aber einen größeren Gegensatz als eine ansehnliche, intelligente Volks- Claffe mit unbeschränkter Gleichberechtigung zu beglücken, hinterher aber deren Confession zu degradieren? Als die Emancipation zur Wahrheit werden sollte, konnte man noch wegen etwaiger Unkenntnis der jüdischen Confession und angeborener Vorurtheile wegen gegen deren Reception Bedenken tragen. Seit damals sind aber 23 Jahre ins Land gegangen, Zeit genug, um Einsicht in dieselbe zu nehmen und Vorurtheile schwinden zu laffen. Was hält die Gesetzgebung ab die Reception zur Geltung zu bringen, denn ohne dieselbe kann auch die Emancipation nicht zur Wahrheit werden oder, wie die offenen und versteckten Gegner derselben behaupten: sie besteht nur auf dem Papier! Hier ist nicht der Ort, alle die Gründe darzulegen, welche für die Reception der jüdischen Confession so lebhaft sprechen. Wer die jüdische Confession, deren Geschichte und Litteratur nur halbwegs kennt, wird, welcher Confession immer er auch angehören möge, für deren Receptionswürdigkeit mit vollster Ueberzeugung einstehen. Wem Kenntniße abgehen, wird kaum durch Vernunstgründe zu captiviren sein; doch schon aus Patriotismus sollte die Reception erfolgen. Kann denn das Vaterland glücklich sein, wenn eine seiner vorzüglichen Volksclaffen in ihrem heiligsten Gefühle ständig verletzt wird? Warum ich mich gerade an Sie wende und von Ihnen die so nothwendige Initiative erbitte? Darauf kann ich ,Ihnen Das antworten, was dermal' einst Samuel dem König Saul erwiderte: Wenn Du auch gering in Deinen Augen bist, bist Du doch das Haupt der Stämme Israels! Sie repräsentiren die größte Gemeinde unseres theueren Vaterlandes, ja Äne! : der größten der Judenheit, sind Reichstagsabgeordneter 2c. Niemand kann Ihnen den guten Willen und die ecletante Fähigkeit; absprechen. Sie, in erster Reihe, nur Sie können diese hochwichtige Frage in Anregung und in Fluss bringen, damit dieselbe zum Wohle des Vaterlandes und zu Gunsten der jüdischen Confession endgiltig ansgetragen werde! Das sind die politischen Gründe, die mich bewegen, dieses Schreiben, und wie ich hoffen will nicht ohne Erfolg, an Sie zu richten. Aber auch moralische Gründe drückten mir die Feder in die Hand, um mit diesem Ansinnen an Sie heranzutreten. Heute las ich in den Journalen die Antwort, welche der neuernannte Herr Fürstprimas auf die Ansprache der Deputation des Budapester katholischen Clubs gab. Diese Antwort überströmt von zwei Haupttungenden, von Liebe und Patriotismus. Diese zwei Tugenden ergänzen sich zwar gegenseitig, denn wahre Menschenliebe erzeugt Patriotismus; anderseits kann ja Patriotismus ohne Nächstenliebe gar nicht gedacht werden. Auf wen will aber nach obiger Antwort Seine Eminenz diese Tugenden bethätigen?Auf alle recipirten Relig i o n e n ohne Unterschied!" Und die jüdischen Bürger, deren Religion nicht recipirt ist, sollen noch immer die Parias bilden. Darum sollte diese hochwichtige Frage endlich doch im Landtage zur. Sprache gebracht und entgiltig ausgetragen werden^ wozu Sie in erster Reihe als berufen erscheinen. Euer Wohlgeboren stets hochverehrender ganz ergebenster Jos. R e i ch s f e l d. A l t s o h l, 20. November 1891. Ueber religiöse Erziehung. Von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preuß.-Schlefien. I. Wir hören von allen Seiten Klagen über Mangel an Religiosität, und wer könnte behaupten, dass dieselben ungerecht sind. Vorschläge und Versuche zur Besserung dieser Entartung haben bis jetzt nur geringe Erfolge aufzuweisen, weil das lebendige Beispiel des Hauses fehlt. Jeder Unterricht, und wenn er noch so ausgedehnt und ergiebig ist, bleibt ein blosses Gerippe, ein Körper ohne Seele, wenn nicht das Haus mit dev Schule Hand in Hand geht. Wohl ist die Erziehung eine der schönsten Aufgaben, eine der heiligsten Pflichten der Familie. Was Sonnenwärmer in der Pflanzenwelt ist, dass ist die religiöse Erziehung, die sittliche Bildung der Kinder durch den Einfluß der Mutter, indem sie erst Leben und Geist in das Herz des: Kindes einhaucht. Der Mutter'Liebe, der warnende-Blick des Vaters vermögen Halt und Festigkeit dem jungen Erdenbürger zu geben in den Versuchungen des Lebens. Soll es also um das heranreifende Geschlecht wirklich bester stehen, so müssen die Eltern mit dem besten Beispiele vorangehen, dann werden sich alle herrlichen Eigenschaften, die den Israeliten zieren sollen, bald auch an den Kindern zeigen.