Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 30 (21.11.1891)
- Date
- 1891-11-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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oder ein Fremder ist", u. s. w., sondern auch die rein religiösen Vorschriften humanitäre Zwecke verfolgen. Durch die Beobachtung der Sabbathe unb anderer Feste soll der Mensch erinnert werden, dass er ein höheres, im Ebenbilde Gotles geschaffenes Wesen sei, dass er sich nicht zur willenlosen Maschine herabwürdigen lasse, dass er nicht ein Sclave anderer Leute, ein Sclave der Arbeit, der Genusssucht werde, dass er sich vielmehr Zeit, Ruhe und Muße gönnet, um sich vergeistigen, veredeln zu können; durch die Beobachtung anderer religiöser Vorschristen soll er ermahnt werden, dass er im Genießen der irdischen Freuden Maß halten möge. ״Beobachte meine Gesetze und meine Rechte, durch die der Mensch, wenn er sie ausübt, das Leben erhält, ich der Ewige." Dringe ein in den Geist der Lehre und du wirst die Ueberzeugung gewinnen, dass viele Vorschriften derselben den Zweck haben, den Israeliten zu erinnern, dass er sich seiner hohen Aufgabe als Mensch hiermit noch nicht auf die glänzendste Weise entledigt hat, wenn er blos für sich und für die Seinen Sorge trägt, wenn er auch das Heil und Wohl Anderer vor Augen hat, auch Andere, die Freuden des Lebens mitgenießen lässt. ״Mtou titeu", ״Du sollst unermüdlich sein im Spenden, es darf dir aber nicht leid thun, wenn du spendest weal jera lewawcha besitcho lau, denn nur deshalb segnet Gott der Herr dich in allen deinen Unternehmungen." Eine gleichmäßige Vertheilung der Güter, wie sie besonders in der modernen Zeit von gewisser Seite angestrebt wird, wird nie stattfinden. ״Die Armuth wird nie von der Erde schwinden", ki lau jechdal ho'ewjon mikerew hoorez, weil sonst die Menschen leicht stolz, übermüthig und gottvergessen werden konnten. Die Armuth ist eine Krankheit, eine Art Schwindsucht, die bald hier, bald dort erscheint, und diejenigen, die von derselben ergriffen werden, bedürfen gar zu sehr der tüchtigsten, rationellsten Aerzte, und das sind die von Gott gesandten Schutzengel, die edlen Menschenfreunde, die sich durch Herzensgüte und Philantropie auszeichnen und sich der Unglücklichen liebevoll annehmen, sie brüderlich behandeln und kräftigst unterstützen. In dieser Beziehung herrscht im Judenthum eine Art Communismus. Israel bildet eine Allianz; ״Einer für Alle, Alle für Einen" lautet die Devise dieses gottbegnadeten Volkes. Die Humanität ist eben das Grundprincip der ganzen Religion. Die Begüterten müssen es als ihre heiligste Pflicht erachten, einen Theil ihres Vermögens wohlthätigen Zwecken zu widmen und dem Allgütigen zu danken, dass, nachdem die Armuth nie ans der Welt schwinden kann, sie erkoren wurden, als die Spender und nicht als die Empfänger zu erscheinen. Diese Ansicht finden wir auch durch folgende talmudische Erzählung bekräftigt. Einst kam ein Heide zu Schamai und stellte folgende Frage an ihn: Wärest Du nicht geneigt, mich mit sämmtlichen Grundlehren der Thora in der kurzen Zeit, als ich auf einem Fuße zu stehen vermag, vertrant zu machen? Schamai wies ihn mit dem Zollstab eines Baumeisters barsch ab. Diese Abfertigung vermochte aber durchaus nicht den Heiden von seinem Vorhaben abwendig zu machen. Er verfügte sich zu Hillel, dessen Geduld und Sanftmuth allgemein gerühmt und sprichwörtlich wurde, und stellte an ihn dieselbe Frage, dieser aber antwortete ihm: ״Was Dir nicht angenehm ist, füge Deinem Nebenmenschen nicht zu, das ist die ganze (Thora) Lehre, alle anderen Vorschriften bilden blos den Commentai* dazu, gehe hin und lerne sie." Welch ein tiefer Sinn liegt in dieser talmudischen Erzählung. Der Heide, der in den Verband des Judenthums aufgenommen zn werden wünschte, war ein reichbegüterter, aufgeklärter Mann, den das Heidenthum mit seinen entsittlichenden Formen und Bräuchen anwiderte, während ihn die Lehre von der Einheit Gottes wie überhaupt das Judenthum als Träger der erhabensten Idee, der Gottesidee entzückte; allein mit dem idealen Communismus, wie er in Israel herrscht, konnte sein heidnisches Herz sich nicht recht befreunden. Er kam daher zu Schamai und sprach: Ich wäre sehr gern bereit, euren Glauben anzunehmen, aber nur unter der Bedingung, dass ich auf eigenen Füßen stehe, denn bei euch gehört man nicht sich selbe, sondern der Gemeinde an. Da gibt es so viele Wohlthätigkeits-Vereine und Anstalten, für deren Erhaltung man unausgesetzt große Opfer bringen muß. Ich werde eure hudenen diese Welt nicht die beste scheint, und die durch die nothwendigen Uebel derselben, insbesondere die Cultnssteuer und deren Consumenten, sehr attertut werden. Es ist also Verleumdung, wenn über allgemeinen Jndifferentismus geklagt wird, da dieser im Gegentheile mft Nihilismus und offener Antipathie abwechselt. Moses: ״Durch die ganze Erde hallt ihr Ton und bis an des Erdkreises Enden ihre Worte." Jehudalem: ״Trefflich gesprochen! — Im ungarischen Waggon auf der Fahrt gen Stambul ward ich unfreiwilliger Ohrenzeuge folgenden Gespräches: A.: ״Sie waren in Mähren Hochzeitsgast ihres Neffen?" HZ.: ״Zu dienen, mein Herr! Aber mit mehr. Unbehagen als Unterhaltung/' A.: ״In ungewohntem Kreise sinder unsere Stimme selten das gewohnte Echo." HZ.: ״Die Trauungsrede — ohne alle jüdischgeistige Essen; — ein Nichts in griechisch-faltigem Prachtgewande, floss, die Zunge kosend, gleich dem Sodawasser, in dem die Südfrucht gebadet hatte. Die Kanzelrede beruhige wie Thee, rege auf wie Kaffee, wärme wie Glühwein, erfrische gleich dem Himmelsthau! Wasser bleibt Wasser, auch in griechischer Vase kredenzt — das schrecklichste Gottesgericht war die Sintflut!" A.: ״Sie appelliren an ein grausames Herz, das Ihnen Noa's Arche im Wogengeschaukel fluthender Trauungsreden zeigt, in die die strafende Hand das Sintfluth-Wasser verwandelt hat — —" M. (einfallend): ״Aber auch Noa's Weinrausch als selbstrettende That preisen muß." A.: ״So fanden Sie auch vermuthlich im Tafelweine des Uebels Ende und Erlösung." A.: ״Die Mährer buchftabirten viel in der Höflichkeits- Fibel und bugsirten mich, den Widerstränbenden, aus den Ehrensitz, dem Herrn Doctor-Rabbi gegenüber." ״So wurde ich, ohne zu ahnen, das Kanonenfutter der feuerspeienden Festung, deren Geschossen die heimlich Kichernden ausgewichen waren." Esra: ״Und die Sprache Abrahams?" Jehudalem: ״Wird jetzt mehr gesprochen als früher; denn früher war sie im Munde der Juden, damit die Arier sie nicht verstehen, jetzt spricht sie der Arier,.um von Israeliten nicht verstanven zu werden." Esra: ״Es kommt also vor, dass in Concurs-Ausschreibungen ״ein Zerreißen, Verderben und Fischbewohnen" gesucht wird? (Lore mit ״ajiu", Schocket mit ״th“, bodek mit ״g“)t;. Jehudalem: ״Zwischen Frankreich und Palästina drohen sogar schon Grenzstreiligkeiten. Vor meinen Ohren wurden Massacre und masug gewul identificirt." Esra: ״Alles Laub muß abfallen, die Winterruhe eintreteu und neue Blätter sproßen wieder." Moses: ״Mein Freund Jehudalem möge den Gemeinden Israels zurufen: .,Rachel beweinet ihre Kinder." Reformiret Haupt und Glieder! — Abeunt."