Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 30 (21.11.1891)
- Date
- 1891-11-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Säulen -es isr. Mellgiansgebaudes. Von Dr. M. H. Friedländer, Bez.-Rabbmer in Pisck. (Fortsetzung und Schluss.) H- Der Gottesdienst. Am anderen Morgen um die genannte Zeit wird dem gnädigen Herrn angekündigt, dass der Wagen bereit dastehe. In Folge deffen eilt er die Treppe hinab, setzt sich in den Wagen und fährt fort. Vor dem jüdischen Tempel angelangt, hält der Wagen nn, der Rostelenker öffnet rasch die Wagenthür und ruft: Ich bitte, Euer Gnaden, hier ist das israelitische Gotteshaus und das erfahrt der gnädige Herr durch feinen Rostelenker, wo denn eigentlich der liebe Herr Gott wohnt. Er betritt das Gottes- Haus, wird da zur Thora gerufen, bei welcher Gelegenheit er eine Summe Geldes den verschiedenen Wohlthatigkeitsvereinen! spendet und somit glaubt er seine Pflicht erfüllt zu haben. Bald nach Beendigung der Thoraverlesung und der Seelengedächtnisfeier verlässt er das Gotteshaus, fährt nach Hause und kümmert sich weiters das ganze Jahr hindurch nicht im Entferntesten um Juden und Judenthum. Hat dieser den eigentlichen Zweck des Gottesdienstes, der Gottesverehrung erkannt? Mit Nichten l Nun wollen wir sehen, wie die Bürgerlichen ihre Gottes- Verehrung zum Ausdruck bringen. Diese fahren wohl nicht, sondern gehen am Versöhnungstage und zwar schon früh Morgens in's Gotteshaus, fasten, kasteien ihren Körper und beten den ganzen Tag. Der Eine wie der Andere schlägt sich in die Brust und ruft reumüthig aus: ich habe mich schwer versündigt, indem ich die wichtigsten religiösen Vorschriften wie die Gesetze der Humanität verletzt, den göttlichen Namen entweiht, meinen Nebenmenschen verleumdet, verdächtigt, verunglimpft und geschädigt habe. Am anderen Tage aber, nachdem sie sich ausgefastet und ausgebetet haben, geht der jeder von ihnen wieder seinen alten Weg, der Eine verdächtigt, der Andere verunglimpft, der Dritte verleumdet, der Vierte richtet heillosen Schaden an, Haben nun diese Betenden den eigentlichen Zweck des Gebetes erkannt? Mit Nichten l Was nützen uns also die Prachtvollen Gotteshäuser, die geschultesten Sänger, die erhabensten Gesänge und Klänge, wenn der eigentliche Zweck des Gottesdienstes verkannt wird? Ja, die Aboda, diese zweite mächtige Säule des Judenthums ist in ihren Grundfesten erschüttert worden, und zwar nur deshalb weil die erste Säule, Thora, in vielen Gegenden gänzlich vernachlässigt und wie ein morsches verfallenes Mauerwerk behandelt wird. Wo die Kenntnis der Thora fehlt, fehlt auch das Verständnis für den Gottesdienst, für die Aboda. ״Erkenne vorerst den Gott deines Vaters, dringe vorerst in den Geist der Thora ein, dann weowdehu blew schalem wirst du Gott anbeten und verehren mit ganzem Herzen, mit freudigem Gemüthe und mit wahrer An d acht. III. Aie Wohklhätigkeit. Die dritte Säule, auf der das Judeuthum beruht, heißt Wohlthätigkeit, Humanität. Die Humanität bildet gleichsam den Hauptzweck der ganzen Religion. Das Judenthum ist eine Religion der thätigen Liebe, seine letzten Ziele können nur durch die Humanität erreicht werden. Lehre und Gottesdienst (Thora und Aboda) sind die Mittel, durch die dieser erhabene Zweck erreicht werden soll. Durch gründliche Kenntnis der Religion wie durch das andachtsvolle Gebet wird der Mensch angeregt, angeeifert und angespornt, wohlthälig im Kreise der menschlichen Gesellschaft zu wirken. ״Erkenne den Gott deines Vaters, ruft das Judenthum seinen Bekennern auch diesbezüglich zu; dringe ein in den Geist der Lehre und du wirst die Ueberzeugung gewinnen, dass nichl blos die Humanitären Satzungen wie: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ״Hasse nicht deinen Bruder in.deinem Herzen"; ״Liebet den Fremden, denn Fremde wäret ihr im Lande Egypten"; ״Wenn dein Bruder neben dir abkömmt, durch harte Schicksalsschläge seines Vermögens verlustig wird, so greife ihm unter die Arme, unterstütze ihn kräftigst, damit er sich wieder aufraffe, gleichviel ob er ein Glaubensgenosse Irhu-alem. Aus dem Tagebuche des ewigen Juden. Von Samuel Jellinek. (Schluss). Nach diesen einleitenden Bemerkungen sind wir in der Lage, die Gigantenlast der Verantwortung zu erfassen, die aus der Schulter unseres Helden, trotz feines geräuschlosen Auf- Iretens, unverkennbar ruht. Nach jenem Besuche beim Selim Nazdary stattete er im Ministerrathe unter dem Vorsitze Mosts folgenden Bericht ab: Ungarn. Die Geistesstation Paustngen beruht auf dem edlen Principe der Spontanität und ist mehr berechnet, anständige Private zu erziehen, die in religiösem Halbwissen den Lohn suchen, der reichlich lohnet. In den Händen dieser Jünger wird jeder Bibelvers zu einem Feuilleton, der sich um Leitartikel und Telegramme mir ihren Berichten und Richtigstellungen des Thatsächlichen wenig kümmert. Den Stationschef trifft keine Verantwortung, weil der unentgeltliche Unterricht dem Privatfleiße, Umfang und Vertiefung des zu Lernenden zu überlassen scheint. Eine Lehre wird in Pausingeu mit besonderen Nachdrucke, sittlich stärkend, verbreitet. Aus dem religiösen Wissen nur im Falle äußerster Noth ein- Brotstudium zu machen. — Anlangend das Ressort Sr. Excellenz des Herrn Esra treten Erscheinungen auf, die eine Lücke uicht verleugnen lassen, die aber durch eine — oft zu engherzige Pietät — ausgefüllt wird. Im neologeu Lager dieselbe Einseitigkeit mit entgegengesetzter Richtung und extremen Anschauungen, die oft den jüdischen Boden verlieren. Die Massen, zur Leichtlebigkeit geneigt, finden sich gern mit den Dienern Gottes ab, in denen sie gewissermaßen ihre Fürsprecher sehen, und denen sie auch mit pietätvoller Scheu entgegenkommen. Wo diese fehlt, senkt sich das moralische Niveau zu jener bedenklicher Tiefe, zu deren Bezeichnung die nicht ungarische Welt kein Wort hat. Im Ganzen genommen befördert das politische Klima das Reifwerden der Messianischen Ideen. Mähren. Eine durchgreifende Action hat Mähren durchgeführt. Der Gottesdienst tritt allenthalben in jener anständigen Form auf, die an die Stelle der früheren Schamröthe ein bewustgemessenes Sicherheitsgefühl, dem Nichtjuden gegenüber, zur Schau trägt. — Die Jnspection musste ich unter anständigem Vorwände unterbrechen, weil die Leute an Samstagen schwer zu finden sind. Uebrigens habe ich die einschlägigen Daten zumeist in Wien gesammelt, wohin das Land unverkennbar gravitirt: Ein großer Theil der mährischen Israeliten huldigt dem Judifferentismus, welcher dort den höchsten Wärmegrad des religiösen Interesses bedeutet, und in einem breiteren Speisezettel an Feiertagen das Maß der Pflichten anerkennt. Ein anderer Theil zeigt auf der Skala des religiösen Thermo- Meters den Nullpunkt. Dieser findet noch Berührungspunkte mit dem ersteren, wenn gleich nicht auf dem Speisezettel, so doch in der Abfindung mit den Gemeindefunctionären, denen man Generalvollmacht ertheilt hat, die Sachen mit dem lieben Gott abzumachen, nur diesen Herrn nicht störend ins bürgerliche Leben eingreifen zu lassen, es sei denn, dass unsere Clementine zur Trauung geht. Endlich kommen die kältegradigen Herren,