Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 30 (21.11.1891)
- Date
- 1891-11-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 50, 4. 5): ״Gott, der Herr, hat mir eine Zange für Lehrlinge gegeben, dass ich den Müden zu stärken wisse mit dem Worte: er erweckt ja am Morgen, erweckt mir das Ohr wie Lehrlinge zu horchen; Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträube mich nicht, weiche nicht." Auf der Schale eines gekochten Eies standen die Worte (Ezechiel 3, 3): ״Er sprach zu mir: Menschensohn, nähre deinen Bauch und deinen Leib fülle mit dieser Rolle, die ich dir gebe. Ich aß, und sie war in meinem Munde wie Honig so süß." Beide Bibelstellen musste der Knabe dem Lehrer Wort für Wort nachsprechen, worauf er Kuchen und Ei zn essen bekam. Man versprach sich von dieser Speise, dass sie dem Kinde Fassungskraft verleihe. (Zunz G. und L. S. 167.) Ans anderen Quellen entnehmen wir noch andere Hilfsmittel, den Leseunterricht zu erzielen. Man bediente sich einer Tafel (Luach), worauf das Alphabet und später auch die Vocalzeichen sichtbar waren; von einem ABC-Buch oder einer Fibel war im Alterthume und auch im Mittelalter noch keine Spur vorhanden (Vergl. Ab. de Rab. Natan 6). Solche kleine Täfelchen hatten die Schüler, woraus sie die Buchstaben lernten, später mit einem Griffel (6t) abschrieben, zu Wörtern bildeten. Die bereits lesenden Schüler hatten Memorir-Tabellen und Rollen (Megila), worauf biblische Stellen verzeichnet waren, die eingeübt wurden (S. Gittin 60, Jona 37), Die damaligen Kinderlehrer knüpften schon an das Alphabet Sitten und Religionslehren an. So wird erzählt (Sab. 104): Ein Lehrer trug vor: Alef Bet bedeutet: Aluf Binoh, lerne vernünftig sein; Gimel Valet bedeutet: Gemaul Dalim, sei dem Armen gewogen, sei wohlthätig n. s. w. Wie aber Lehrer und Schüler beim hebräischen Leseunterricht sich'abmühlen, und wie schwer es überhaupt den armen Kindern fiel, das Lesen zu lernen, selbst nachdem die Punktation erfunden war, ist daraus zu ermessen, dass man sowohl das Alphabet, als die Vocale in ganzen Wörtern benannte als: alek des gimmel, dalet, wie auch die Vocale: komaz, zere, chaulom, schuruk n. s. w. Der Lehrer trug den Kindern vor: konraz bes-ba; ekirik, Gimel-gi u. s. f. Wie sollte das Kind das begreifen können, da der Gleichlaut fehlte? Lehrer und Schüler marterten sich ab, his das nach und nach eingepumpt wurde. Es kostete viel Zeit und viel Mühe, beide wurden in vollem Maße angewendet, und sie erlernten es doch; das Gedächtnis wurde dadurch gestählt, und das Erlernte hastete um so besser. Und diese Methode hat sich forterhalten bis auf die neueste Zeit, noch Schreiber dieser Zeilen wurde so unterrichtet und gedenkt noch der Püffe und Stöße, die er dabei erhalten hat. Bahnbrechend auf dem Gebiete des hebräischen Leseunterrichtes war Juda Leb ben Seb (geboren zu Krakau 1764 gestorben in Wien 1811). Er lieferte eine Menge gediegener hebräischer Werke und herrlicher Gedichte. Sein ״Talmud 10schan Ibri% sein hebräisch-deutsches und deutsch-hebräisches Wörterbuch sind noch heute berühmt. Aus seiner Vorrede zu seinem letztgenannten Werke, entnehmen wir einige biographische Daten, die er uns mittheilt. Bis dreizehn Jahren genoss er Unterricht im Talmud bei seinem Vater, der ihm Hauslehrer hielt. Um diese Zeit, nämlich zu dreizehn Jahren, musste er schon in den Ehestand treten, so war es damals in Polen Sitte. Drei Jahre blieb er im Hause seines Schwiegervaters, der ihn und seine Gattin verpflegte. Um diese Zeit verlor sein Vater durch eine Feuersbrunst Hab und Gut, das verursachte, dass sein Schwiegervater unfreundlich und mürrisch gegen ihn wurde, der den Zufluss seines Vaters verloren hat. Da verließ Ben-Seb Weib und Haus und wunderte planlos fort, bis er nach Berlin kam in die Metropole der Wissenschaft. Moses Mendelssohn traf er nicht mehr am Leben, er war ein Jahr früher gestorben. Dort fand er Gelegenheit, seinen Wissensdrang zu befriedigen. Zu 21 Jahren veröffentlichte er daselbst das Buch ״Emunot w’ Deot'1־ mit Commentar und Anmerkungen und begab sich nach Breslau, woselbst er 10 Jahre verweilte. Daselbst verfasste er seinen ״Talmud Loschon Ibri“ und übertrug aus dem Aramäischen in's Hebräische das Buch ״Ben Siro“, versah es mit einem Commentar und mit deutscher Uebersetzung. Während dieser Zeit hat er wohl einigemal seine Frau besucht, aber sie war ihm entfremdet und Zwistigkeiten führten endlich eine Scheidung herbei. Dann übersiedelte er nach Wien, da fand er Ruhe; denn sprach er, jetzt wohne ich unter einem Volke, das wohlthätigen Herzens ist. Hier richtete sich sein Auge auf die Verbesserung des hebräischen Leseunterrichtes und er verfasste die erste hebräische Fiebel, genannt^: ״Nesilas Halimud“. Er war der erste, der es gewagt hat, die Aussprache der Vocale in Laute zu verwandeln anstatt ״Komaz" o, anstatt ״Zereh" ä, anstatt ״Chirik״ i, 11. s. w. auszusprechen, das war schon ein bedeutender Fortschritt, eine große Erleichterung für die Kinder, um das Hebräischlesen zu erlernen. Doch die Aussprache des Alphabetes, nämlich statt ״Bet" b, statt ״Gimmel" g, oder gar, Alef und Ajin als Lautzeichen zu modifiziren, das wagte er gewiss noch nicht, da würden ihn schon die damaligen Rabbiner und selbst das Volk als Ketzer erklärt und verdammt haben. So spricht er selbst in der ersten Anmerkung seines ״Nesilas Halimud" : Ich finde es für nothwendig hier anzumerken, dass die gewöhnliche Art unserer Elementarlehrer die zarte Jugend Hebräisch buchftabiren zu lernen, ganz widersinnig und beschwerlich ist, indem sie die Kinder gleich Anfangs bloß mit den uralten jüdischen Namender Vocale, aber nicht mit ihren Lauten bekannt machen, daher es dem Kinde ganz undeutlich sein muß, wieso Komaz Bet-bo und Chaulum Bet-bau heißen soll, u. s. w. füglicher und leichter ist es, wenn man das Kind Anfangs blos mit dem einfachen Laut der Vocale bekannt macht. Man sagt ihm nämlich das Zeichen (T) heißt o, das Zeichen (..) heißt e u. s. w. dadurch wird es das leicht fassen können, wenn es das Alphabet buchstabiren lernt. Auch hat die Erfahrung gezeigt, dass nach dieser Methode Kinder binnen fünf Monaten fertig Hebräisch Lesen können." (Natürlich vor einem Jahrhundert, wo man mehrere Stunden des Tages dem hebräischen Unterrichte zugewendet hat.) Später wagte man es auch, die Buchstaben nach Lauten auszusprechen, anstatt ״Bet" b, anstatt ״Dalet" d, auszusprechen und das Kind fasste leicht auf, überhaupt nach der Lautir- Methode, dass b (.) ba heißt u. s. w. So wurde der hebräische Leseunterricht immer mehr verbessert. Das 19. Jahrhundert der Erfindungen hat auch auf dem Gebiete des. hebräischen Lese- Unterrichtes Neues gebracht. Es entstand eine Fibelflut, wir zählen jetzt über achtzig Arten von hebräischen Fibeln, unter denen die Fibel des seligen Religionslehrers Redlich, und des bekannten jüdischen Schriftstellers Fuchs, hier in Wien, zu den besten gehören, und noch bleibt Vieles in der Fibellitteratur zu zn wünschen übrig. So wäre auch eine gut illustrirte hebräische Fibel wünschenswert, um dadurch den mechanischen, hebräischen Leseunterricht mehr zu beleben und den kleinen Kindern den Unterricht durch Anschauung interessanter zu gestalten. Kommt Zeit, kommt Rath!