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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-11-21 · Heft 30 (21.11.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 30 (21.11.1891)
Date
1891-11-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Sr. Excellenz dem Herrn Cultusminister Baron Gautsch zur Ueberreichung einer Eingabe und Widerlegung der in der Enquete ausgesprochenen Ansicht nm eine Audienz bewarb. Dieselbe wurde beüwrseits gewährt, und den Vertretern des Cantoren- Vereines ward an beiden hohen Stellen die Versicherung zu Theil, dass die Regierung den Bestrebungen des Cantorenstandes, soweit sie im Gesetze vom 21. März 1890 begründet sind, wohlwollend gegenüberstehe. Jetzt in dem Momente, wo in den neu constituirten Cultusgemeinden die letzte Feile an den Gemeindestatuten angelegt wird und nach dem Vorgänge der niederösterreichischen Statthalterei auch in anderen Kronlandern Expertisen einberufen werden dürften, muß aus diese Thatsache mit besonderem Nachdrucke hingewiesen werden, damit die maßgebenden jüdischen Kreise über die Anschauungen der hohen Regierung nicht im Unklaren sind. An den ehrsamen israelitischen Cultusgemeinden und ihren Vertretern ist es nun, einem Stande, der an der Reorganisirung und Hebung des jüdischen Gottesdienstes ehrlichen und redlichen Antheil genommen hat, endlich einmal Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mögen sie bedenken, dass es einer Herabsetzung und Mißachtung des Gottesdienstes gleichkäme, wenn die Träger und Leiter desselben in den Statuten nicht die ihnen gebührende Würdigung und Berücksichtigung fänden. Jedoch auch an unsere Collegen richten wir die dringliche Bitte, einmüthig für die Interessen des Cantoreustandes einzutreten und die Thätigkeit des österreichisch-ungarischen Cantoren- Vereines sich zur Richtschnur des eigenen Handelns und Strebens zu nehmen. Jeder Cantor muß bemüht sein, in seinem Kreise Freunde und Gönner für die gemeinsame Sache zu gewinnen, und mit vereinten Kräften wird es sicherlich gelingen, im Wähle der Einzelnen das Wohl der Gesammtheit zu fördern. Die Freude an den errungenen Erfolgen wird eine um so größere sein, wenn Jedermann das Bewusstsein in sich trägt, an denselben werkthätigen Antheil genommen zu haben. Jur Geschichte des Mischen Schulwesens mit besonderer Berücksichtigung des Leseunterrichtes. Von Rabbiner L. Wollner, Wien. (Schluss.) Wenn nun festgestellt ist, dass die Vocalzeichen im Alterthume noch nicht vorhanden waren, sondern erst eine spätere Erfindung sind, und früher die hebräische Sprache nur aus Mitlauten bestand, wie hat man den Kindern das Lesen beigebracht? Wie sollten die Kinder wissen, wie man die drei Buchstaben D. W. R. welche ״Wort" bedeuten, eigentlich lesen soll, ob : Dowor, Dauwer, Daber, Diber und Dewer, die doch dem Inhalte und der Bedeutung nach sehr verschieden sind? Ja, der Erwachsene, Geübte und Kundige, der bereits in den Geist der Sprache eingedrungen, dem wird der Inhalt, der Zusammenhang als leuchtende Fackel dienen, der wird schon die richtige Lesart Heraussiuden, ob die vier Buchstaben w, j, sch, b gelesen werden wajaschew, ״verscheuchen" wajischb, ״gefangen nehmen" wajeschew, ״sich besetzen" oder wajoschow, ״zurückkehren." Alle diese Wörter haben gleiche Buchstaben und sind doch so verschieden in ihrer Wurzel wie in ihrer Bedeutung. Wie bereits bemerkt, der kundige Hebräer wird die richtige Leseart aus dem Zusammenhang erkennen, aber wie brachte man dem Kinde ohne Punktation, welche die Stelle der Selbstlaute vertritt, die richtige Leseart bei? Da bleibt nur ein Antwort, nachdem das Kind das Alphabet erlernt hatte, wurden ihm die Wörter und Sätze von einem kundigen Lehrer so lange vorgesagt, bis der Schüler sie correct nachgelesen hat. Die meiste Zeit wurde dem Lesen zugewendet, das gieng so Jahre lang fort, und Uebung macht den Meister. Später als die Zeit andere Umstände und Verhältniße herbeigesührt hatte, die Lehrgegenstände sich, mehrten, das Judenthum von der Außenwelt mehr in Anspruch genommen wurde, dem hebräischen Unterricht weniger Zeit zugemessen werden konnte, da musste man auf Mittel trachten, den Leseunterricht zu erleichtern, und man erfand die Vocale. Wann, wo und von wem sie erfunden worden, das lässt sich nicht mehr genau bestimmen, es fehlen uns die Quellen dazu; doch wollen wir auch in dieser Beziehung unsere Vermuthungen darlegen. Zunz in seinem Werke: ״Zur Geschichte und Literatur" (Berlin 1855, S. 107), bringt ein interessantes Capitel über Punktatoren (Nakdonim), die sich mit den Vocalpunkten beschäftigt haben, wovon ich einiges ansühren will. Samuel der Nakdan, Verfasser eines Mkud. Moses der Nakdan aus London, Verfasser der Regeln über Pnnktation und Accente, die handschriftlich vorhanden sind, Abraham ben Lewi hat einen I?6ntat6uok vocalisirt. Jsäk ben Salomon Nakdan im Jahre 1281 hat einen die Propheten und Hagiographen enthaltenden Codex vocalisirt. Jsak ben Menachem Nakdan hat einen Florentiner?6ntat6uok im Jahre 1291 mit Vocalen versehen. Es hat auch Punktatoren gegeben, welche die Vocalisation über die Buchstaben setzten. Aus dem Allen ist aber noch nicht erwiesen, dass die Punktatoren zugleich die Erfinder der Vocalzeichen waren. Ihr Verdienst war nur, dass sie mit denselben die Schriften versahen, was gewiss eine schwere und verdienstvolle Arbeit war. Als wahrscheinlich ist anzunehmen, dass die Massoreten nach dem Abschluss des Talmuds, nach dem 6. Jahrhundert, die eigentlichen Erfinder der Vocalzeichen waren. Schon in der frühesten. Erziehung der Kinder war jede Handlung der väterlichen Religion zugewandt. Sollte der Knabe die heilige Schrift zu lernen anfangen, wurde er gewaschen und reinlich gekleidet, von einem Lehrer, blTr ihn unter den Mantel nahm, nach der Schule begleitet und zu dem Schullehrer hingeführt. Hier bekam er mit Honig und Milch eingerührte Kuchen, Obst und andere Leckerbissen; sodann wurde ihm auf einer Tafel von Pergament oder Holz das hebräische Alphabet, vorwärts und rückwärts, vorgezeigt und vorgesagt, und die mit Honig bestrichenen Buchstaben von dem Knaben abgeleckt, worauf er wieder zu seiner Mutter zurückgebracht wurde. Der Tag, an welchem er in der Schrift zu lernen begann, wurde als ein Festtag mit einem Gastmahl gefeiert. (Es ist kaum ein halbes Jahrhundert vorüber und Schreiber dieser Zeilen hat noch solchen Kinderfesten beigewohnt.) Man begann mit dem Leviticus, (S. Rab. 3. M. c. 7) demselben Buche, das dem Knaben, als er den bürgerlichen Namen erhalten, in der Wiege unter den Kopf gelegt worden war. An einigen Orten geschah die erste Uebung in der Thora am Wochenfeste mit Tagesanbruch..Man deckte die Kinder sorgfältig zu, um sie auf dem Wege nach der Schule vor dem Anblick unreiner und störender Dinge zu bewahren. Nachdem der Knabe dem Lehrer auf den Schoß gesetzt worden, ließ man ihn die Worte nachsprechen. ״Das Gesetz hat uns geboten Moses, das Gesetz sei mein Geschüft." Auf dem Honigkuchen, den Einige nur von den Händen einer Jungfrau bereiten liessen, standen die Worte (Jesaia

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