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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-11-11 · Heft 29 (11.11.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 29 (11.11.1891)
Date
1891-11-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Allerdings f'ann es nicht in Abrede gestellt werden, dass in unserer Zeit für die Erhaltung der Gotteshäuser und des Gottesdienstes die größten Opfer gebracht werden, dass in den Bethäusern die musterhafteste Ordnung herrscht und dieselben besonders an den hohen Festen in allen ihren Räumen von Betenden dicht gefüllt sind. Woher aber mag es wohl kommen, dass von den tausenden und abermals tausenden, die da kommen um zu beten, nur die wenigsten nach den Festen in religiöser Beziehung einen andern Lebenswandel führen denn zuvor? Die Antwort auf diese Frage ist leicht zu finden. Ein großer Theil der Betenden kennt nicht den eigentlichen Zweck des Gebetes. Gerade in dieser Beziehung herrscht eine förmliche Begriffs- Verwirrung. Das Mittel wird als Zweck betrachtet, während der eigentliche Zweck des Gebetes verkannt wird. Um mich etwas klarer, deutlicher und prägnater ausdrücken zu können, will ich die hier ausgesprochene Ansicht durch Beispiele zu beleuchten versuchen. Vorerst wollen wir sehen, wie die Adeligen in der Großstadt und dann wie die Bürgerlichen in den kleinen Landgemeinden ihre Gottesverehrung zu bekunden bemüht sind. O lasst uns nur hinaustreten in die große Welt, lasst uns die volkreiche, geräuschvolle Hauptstadt des Landes besuchen, die belebten Straßen, wo Palast an Palast wie Perle an Perle sich reiht, durchziehen, und so manches Palais wird durch den Zauber seiner Schönheit, durch den Reiz seiner Kunstwerke eure Aufmerksamkeit auf sich lenken und eure Behinderung erregen. — Der Besitzer desselben ist einer unserer Glaubensgenossen, der vor ungefähr vier Jahrzehnten, als die Morgenröthe der Freiheit auch in unserem Vaterlande zu dämmern begonnen, als armes Kind braver, frommer und redlicher Eltern, die in irgend einem Ghetto diesseits oder jenseits der Leitha gewohnt, nach der Hauptstadt kam, um daselbst sozusagen sein Glück zu machen. Nach und nach ist es ihm thatsächlich mit der göttlichen Hilfe gelungen, den höchsten Gipfel des Glückes zu erklimmen. Durch geistreiche Combinationen wie durch glückliche Geschäftsspeculationen ist er in den Besitz vieler Millionen gelangt, wodurch es ihm auch ein »leichtes war, sich um die Fürderung der Industrie und des Handels Verdienste zu erwerben, denen er auch seine Erhebung in den Adelsland zu verdanken hat.' Bescheidenheit pflegt aber nicht immer die stärkste Seite solcher vom Glücke Begünstigter zu sein, daher auch unser Ritter oder Freiherr in seinem Hochmuthe ausrusr: ״Meiner Kraft, meinen Fähigkeiten, meiner rastlosen Thängkeir, wie meinem Scharfsinne habe ich es zu verdanken, dass es mir gelungen ist, Reichthümer und Schätze, Ehrenämter und Ehrenftellen zu erwerben. In seinem Hochmuthe vergisst er seine Herkunft und sucht sorgfältig alles das zu vermeiden, was geeignet wäre, seine Abstammung zu verrathen. Das Judenlhum ist ihm verhasst, seine Kinder kennen es kaum dem Namen nach. Er selbst wäre gern bereit, seinen Geburtsfehler zu corrigiren, wenn er nicht durch die antisemitische Bewegung der letzten Jahre die Ueberzeugung gewonnen hätte, dass die Apostaten, Renegaten, Neophiten, und wie sonst noch die gewässerten Juden heißen mögen, weit mehr der Verachtung preisgegeben sind als die echten und rechten Söhne Israels. Nun kommt der Monat September in's Land, der edle Ritter nimmt zufällig den Kalender zur Hand und erfährt, dass auf den 24. September der Versöhnungstag fällt. Ein eigenthümliches Gefühl beschleicht ihn in diesem Augenblicke, er erinnert sich jener Versöhnungstage, die in seinem zartesten Kindesalter im Elternhause gefeiert wurden, er erinnert sich recht leb- Haft jenes feierlich ernsten Momentes, wo sein frommer in Gott ruhender Vater am Vorabende des großen, heiligen Ehrfurcht erregenden Tages, ehe er das Gotteshaus besuchte, die Hände segnend auf das Haupt eines jeden seiner Kinder gelegt und die fromme, gute Mutter ihnen ermahnend zugerufen: Meine lieben Kinder, betet andächtig, denn der Allgütige erhört das Gebet frommer, unschuldiger Kinder; ja, er erinnert sich des feierlichen Gottesdienstes in der alten Synagoge, jener Herz und Gemüth erhebenden Melodien und Gesänge, die da von der ganzen frommen von Weib und Kind seine Opfer verzehrte; er segnete ihn zehnfach, tveil er die zehn Gebote nicht nur auswendig lernte, sondern auch ausübte." Jehudalem: ״Nach so vielen Irrfahrten biegt der Nachen meiner Einsicht in den ruhig-sicheren Hafen der Wahrheit ein. Den Verstorbenen vielsagende Grabsteine, den Lebenden Pietät, der Welt nicht egyptische sondern jüdische Seelenwanderung: Wenn wir den Vater als Wollhändler, den Sohn als Prediger, den Enkel als Universitäts-Professor blühen sehen, dann rufen wir mit Moses aus: Ihr sollet nicht mehr zurückkehren nach Egypten!" Selim: ״Und ich mit dem Enkel Japhets: ״Hier ist das Wohlbehagen erblich. Die Wange heitert wie der Mund Ein jeder ist auf seinem Platz unsterblich Sie sind zufrieden und gesund." Jehudalem: ״Zufrieden und gesund bleibe mein Freund Selim" (reicht ihm die Hand). Selim: ״Ewig jung, ewig grün mein Freund Jehudalem". — Vor dem Hause seiner Magnisicenz besteigt Jehudalem einen Cherub bespannten Wagen, es geht nach dem Himmel zur Conferenz. _ Wenn ich den Himmel betrachte- Was ist der Mensch? Der Psalmist. IV. Jehudalems Einfahrt in den Himmel machte bei der Unendlichkeit der Kanzeleien-Komplexe kaum das Aufsehen, als wenn z. B. ein Kanzelist eines Bezirksgerichtes irgend ein Schriftstück in den obersten Gerichtshof bringt, was sich bald aus Folgendem erklären wird. Erstens: Jeder Stern ist durch einen Eentral-Kanzeleien- Hof vertreten, der den Gattungsnamen ״Agende" und den Eigennamen des Sterns führt, z. B. ״Stern-Agende" ״Lucifer", wegen der häufigen Straf - Executionen auf warmem Wege in unmittelbarer Nähe der Sonne unter dem Namen ״Ge-Hinom" angebracht. Oder Stern - Agende ״Mercur" mit dem größten Handels- und Börsengericht der Welt. Zweitens: Jede Stern-Agende ist in Departements nach Racen eingetheilt, z. B. ״Stern-Agende Erde" mit den Racen- Departements: Sem — Cham — Japhet. Drittens: Jedes Racen-Departement zerfällt nach Nationen in Ministerien. Eingaben für Israel müssen also bezeichnet werden: Stern-Agende: Erde; Racen-Departement: Sem; National- Ministerium: Israel. Da aber dieses Ministerium auf Grund des göttlichen Handschreibens dto. Bereschit Raba sect. I. eine Jahres-Million vor Erschaffung der Welt in's Leben gerufen wurde, so führt es auch kurz den Namen: ״Ante - Genetisches Kabinet". wie auch aus der Aufschrift ober dem HauplportaLe ,,08 milifhe bereschit“ — schon vor Beginne der Schöpfung — zu entnehmen ift. Im Innern dieses Hofes vereinigen sich sieben Gebäude - Strahlen zu einem Sterne, entsprechend den sieben Ressorts des Gesammt׳ Ministeriums. 1. Ministerium Dath Gesetzlehre mit der Aufschrift: ״Sie ist der Baum des Lebens". 2. Ministerium Kes .= Thron mit der Aufschrift: ״Wahrlich, er liebt die Völker" — ״Recht und Gerechtigkeit, Stütze deines Thrones".

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