Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 29 (11.11.1891)
- Date
- 1891-11-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453236--3298-3457639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
richten, damit ich unter ihnen wohne", lautet das göttliche Wort. Wozu aber, so fragen unsere Weisen, braucht Gott ein Heiligthum? Gibt es denn überhaupt einen begrenzten und beschrankten Raum, den man Gott als Wohnsitz anweisen darf? Bildet nicht das ganze große Weltall seinen heiligen Tempel? ruft nicht der gottbegnadete, redegewaltige Prophet Jesaias im Namen Gottes aus: ״Der Himmel ist mein Thron, die Erde meiner Füße Schemel, wozu einen Tempel mir erbauen,, wozu einen Ort zu meinem Wohnsitz mir anweisen?" (Jes. 66.) Allein nicht um sich einen Wohnsitz errichten zu lassen, hat Gott der Herr befohlen, einen Tempel zu erbauen, sondern einzig und allein deshalb, damit seine Kinder eine Stätte haben, wo sie sich durch das andachtsvolle Gebet im Geiste mit ihrem Vater vereinen und ihm eine Stunde der Andacht widmen können. Wohl kann man Gott überall anbeten und verehren, ״an allen Orten, wo du meinen Namen anrufen wirst, werde ich dich erhören" lautet ja das göttliche Wort, allein nicht jeder Ort ist geeignet, die Andacht zu erwecken, den Betenden in eine rief ernste Stimmung zu versetzen, im Gegentheil, die Außenwelt mit ihrem Geräusche und betäubenden Gewühle ist zumeist und zuvörderst danach angethan, des Menschen Blick zu verwirren, seinen Sinn von dem Erhabenen, Göttlichen, Idealen abzulenken und auf das Alltägliche und Materielle zu richten. Nur in einem geweihten Heiligthum, in einem Tempel Gottes, wo Alles, die Thora, die Bundeslade, das beständige Licht und die anderen heiligen Geräthe den Israeliten an seinen Beruf wie mr seine Pflichten erinnern, kann er sich von den Banden des Alltagslebens losreißen, allen schädlichen, materiellen Genüssen entsagen, seineiLeidenschasten beherrschen und sich ganz vergeistigen, um die höchste Stufe der Gottähnlichkeit erklimmen zu können. Unsere. Weisen sagen daher mit Recht: Die wahre Andacht herrscht nur im Gotteshause, daher das Gebet nur. dort Erhörung und Gewährung finden kann. Und wie glücklich darf sich der preisen, der beten kann, der das Bedürfnis fühlt zu beten, der sich durch das Gebet neu gestärkt und gekräftigt, erbaut und erhoben fühlt, selbst wenn er sich in der traurigsten Lage befindet; wer aber nicht beten kann, wer überhaupt nie das Bedürfnis fühlt, zu beten, wen selbst das erhebendste, schwungvollste Poesie- und phantasiereichste Gebet nicht zu ergreifen vermag, der muß in verhängnisvollen Momenten, von welchen kein Sterblicher hiernieden verschont bleibt, verzagen und verzweifeln, denn es fehlt ihm jeder Halt, jede Stütze. Mit Recht wird daher ״Aboda", der Gottesdienst, eine Säule des Judenthums genannt. Diese Säule aber ist in der modernen Zeit in so manchen Gegenden erschüttert worden. Verdient aber das moderne Judenthum, so höre ich erstaut ausrusen, diesen Vorwurf? Bildet nicht gerade in unserer Zeit das Gotteshaus den Mittelpunkt, wo das ganze religiöse Leben sich konzentrirt? Spielt nicht in unserer Zeit der Gottesdienst die hervorragendste Rolle im religiösen und culturellen Leben der Gemeinden? Hat man je für die Erhaltung des Gotteshauses und des Gottesdienstes solch' riesig große Opfer gebracht als in der Gegenwart? Herrscht in den modernen Gotteshäusern nicht die musterhafteste Ordnung, wird da nicht, entsprechend den Worten des Psalmisten: ״In Chören will ich Gott preisen", nach Gesetz, Maß und Regel gesungen und gebetet? Gibt es nicht viele Gemeinden, in welchen den Worten des königlichen Sängers gemäß: Jünglinge und Jungfrauen, die Alten und die Jungen gleichsam miteinander wetteifern, so es gilt den Herrn Zebaot durch erhebende Gesänge zu feiern und zu verherrlichen? Beweisen nicht die hohen Feste, besonders das Neujahresfest und der Versöhnungstag dass das Bedürfnis nach Andacht aus Israel noch immer nicht geschwunden ist? Sind nicht an diesen Tagen die Gotteshäuser in den großen, wie in den kleinsten Gemeinden in allen ihren Räumen von Betenden gefüllt? Darf man da nicht mit Recht in die Worte der heiligen Schrift einstimmen, ^tein nizabim hajom kulchem. Heute seid ihr alle vor Gott dem Herrn er- . schienen, euere Häupter und Vertreter, euere Lehrer und Führer, euere Großen und Kleinen, die Reichen und die Armen, die Vornehmen und die Niedrigen, die Adeligen und die Bürgerlichen? Jehu-alem. Aus dem Tagebuche des ewigen Juden. Von Samuel Jellinek (Ung.-Brod). (Fortsetzung). Selim: ״In beiden Lagern wird also das Ewige der Minorität nicht zugegeben." Jehudalem: ״Die Bezeichnung ״ewig" ist doch zu entschuldigen, weil bittere Eindrücke, wie die Minorität inmitten erdrückender Majoritäten, 4000 Jahre mit vollem Rechte als Ewigkeit erscheinen lassen." Selim: ״Euer Messias ist jetzt zu der peinvollen Rolle des Zauberlehrlings mit dem gespaltenen Besen verurtheilt. Die beiden Hälften hören auf sein Mahnen und Bitter: noch weniger als früher die ganze Einheit." Jehudalem: ״Der offene Mund meines Staunens schließe Asich zum Bruderkusse auf dem klaren Auge Selims, das segensvolle Blicke dem Bruderlose nachsendet." Selim: ״Seit Japhet gegen Sem Ränke schmiedet, umarme ich mit gleicher Liebe Jsak und Jsmael." Jehudalem: ״Mein Freund Selim ist schlecht berichtet, und Schulter an Schulter halten noch immer Sem und Japhet die Zipfel des Tuches, das die Blößen eines benebelten Alters verdecken soll, und wenn sie auch hie und da rückwärts zu gehen scheinen — ihr Blick ist immer nach vorwärts gerichtet, und jetzt eben reichen sie dem gehetzten Cham die erlösende Bruder- Hand. —Aber einzelne Gerngroße, die es dem Herostratus abgelauscht haben, erzeugen zuerst todtgeschwiegene Stiefel mit der Feder und werfen dann Brandfackeln in die Tempel der modernen Ideen, um im allgemeinen Tumulte — — — Selim: ״Ich verstehe. — Sancho Pansa entschied, als der dicke Wettläufer seinem mageren Mitbewerber zumuthete, behufs Herstellung der Gleichheit sich mit beschwerendem Eisen bis zum Gewichte des Fetten zu beladen: man möge dem Dicken Fett und Fleisch bis zur Gleichgewichtigkeit des Mageren abschaben. Aber diese Sancho Pansas wollen dem mageren Sem erst das letzte Stückchen Fleisch mit eisernen Kämmen abraufen, um ihn dann mit eisernen Ketten bis zum Gewichte des fetten Japhet zu beladen." Jehudalem: ״Und Sem ist wahrlich mager! An der Hand statistischer Ziffern mögen diese Herren Volksbeglücker das Verhältnis aufstellen, in welchem Sem an den Gehalten des Staatsdienstes, der ׳ großen Verkehrs - Anstalten und des Großgrundbesitzes u. s.' w. theilnimmt; an der Hand der Criminalstatistik mögen diese Herren Moralprediger die hier einschlägigen Verhältniße studiren; dann wird es klar werden, wie mager, aber auch wie tugendhaft Sem ist, und welche Mittel jedem Volke, um glücklich zu werden, zu empfehlen sind." Selim: ״Anstatt eine Leichenkammer zu bauen, wo moralisch siechende Juden mit ihren schrecklichen Verbrechen: Jerusalem- Bettel, vielversprechenden Inseraten rc. mit giftgetränkten Dolchen bearbeitet werden, um sie nicht scheintodt begraben zu lassen; mögen diese Herren Retter der Gesellschaft ihren kleinen Mitbrüdern zurnfen: Verzage nicht kleiner Schuster! Auch du wirst groß werden. Wenn dir die Jahrmarktbude gute Losung brachte, so trage nicht das Geld in das Haus der Getränke und Freuden. Kaufe deinen Kindern Brod und Weisheit, und sie werden dich im hohen Alter ehren. Denn deßhalb segnete der Herr Sem, weil er nur im Heiligthume der Familie, in Gemeinschaft