Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 29 (11.11.1891)
- Date
- 1891-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Dea" (Abschnitt 274, 7) heißt es ausdrücklich: eine punktir te Thorarolle ist unbrauchbar, und Rabbi Moses ben Nachman (Ramban) gibt als Ursache an, weil sie ursprünglich unpunktirt war, und die Punktation erst eine spätere Erfindung ist (S. Ber Hagaulo das.) Für die Ansicht, dass die Vokalpunktation eine erst nachtalmudische Erfindung und Einführung ist, möge folgende Stelle aus dem Talmud (B. Batra 21.) maßgebend sein. Rabbi Dina aus Nehardea behauptet: Man stelle nur einen solchen Kinderlehrer an, der sich deutlich und gründlich auszudrücken versteht und auch bestrebt ist, rein und richtig das Lesen den Kindern beizubringen, wäre er auch weniger gelehrt; denn ein angewöhnter Sprachfehler ist schwer abzubringen. Bei dieser Gelegenheit erzählt er folgende Geschichte, welche jenem Zeitpunkte angehört, als Joab, der Feldherr Davids, das ganze männliche Geschlecht in Edom ausrottete. Als er darauf dem David Bericht erstattete, fragte dieser: Was bewog dich, so zu handeln, warum hast du nur das männliche und nicht auch das weibliche Geschlecht gelobtet ‘? Darauf erwiderte Joab: Es heißt ja in der Schrift (5. M. 25. 10.): Du sollst das Männliche (Sochor) Amaleks vernichten, das setzt voraus, das weibliche Geschlecht zu schonen. Wir lesen aber ״Secher", das Angedenken, sprach David vorwurfsvoll. Darauf antwortete Zoab. Mich lehrte mein Lehrer ״Sochor" lesen. Dieses kleine Geschichtchen, und wenn es auch nur eine Legende ist, belehrt uns, dass sich der Talmud eine unpunktirte Bibel zur Zeit Davids gedacht haben muß, und dass es zur Zeit des Talmuds Lehrer gab,; welche sich so manche Fehler beim Leseunterricht zu Schulden j kommen ließen, und gewiss darum, weil es noch keine punktirte! Bücher gab, weil die Punktation noch nicht erfunden war.! Das gewöhnliche Beispiel, welches die Verfechter des Alters der Vocalpunktation anführen, ist. folgendes. Zur Bibelstelle (Jes. 54, 13 ״kol Bonajich limude Adonai“), ״Alle deine Kinder werden Lehrlinge Gottes, und groß wird der Friede deiner Kinder sein", bemerkt Rabbi Elieser (Berach. 64) : (״Ai tikro“) lese nicht ,.Bonajich“. Deine Kinder, sondern ״Baunajich“ deine Erbauer, Fortpflanzer, welche das heilige Gesetz lehren und verbreiten und dadurch die Menschen erbauen, das sind (״Talmide Chachomim“) die Weisen und Gelehrten, diese verbreiten den Frieden. Aus solchen Correcturen wäre das Alter der Vocalpunctation zu entnehmen; denn wäre diese noch nicht vorhanden gewesen, wozu diese Correctur, denn ohne Punctation kann man ja eben so gut ״Baunajich“, als ״Bonajich“ lesen, und solche ״al tikro“, lese nicht so sondern so, kommen im Talmud häufig vor. Aber das ist ein schwacher Stützpunkt und beweist gar nichts. Man muß ganz in den Geist dieser Methode des Schlagwortes ״al tikro“ emdringen, um zu erfahren, dass es eine bloße willkürliche Textänderung ist, welche entweder als bloßes Merkmal zur leichten Einprägung und Erinnerung eines mündlich vorgetragenen Gegenstandes oder zu irgend einer allegorischen Anspielung, selten aber zur natürlichen Texterklärung diente. Irgend eine sittlich moralische Sentenz, damit sie im Gedächtnis besser hafte und eindringlich wirke, wurde an eine Bibelstelle angelehnt, und wenn der Text nicht recht passen wochte, so wurde er durch ״ai tikro“, nicht lese so, sondern so,, gefügig gemacht. Das war so eine Lehr- Methode jener Zeit, um die Punktation kümmerte man sich gar nicht. Eben weil noch keine solche vorhanden war, hatten die Rabbiner leichteres Spiel. Diese Ansicht wird noch durch folgende Stelle im Talmud (Berach. 117) bestätigt. Die Rabbiner wollten alle Psalmen, um deren Wichtigkeit hervorzuheben, damit sie beim Volke mehr Eingang finden, dem König David zuschreiben, dass er nämlich der Verfasser aller Psalmen sei. Nun heißt es aber am Ende des 72. Psalm: (״Kolu Tefilas David ben Jischai“), die Gebete Davids sind hier zu Ende. Da lehrte Rabbi Meir: alle Lobgesänge, welche das Buch der Psalmen enthält, haben David zum Verfasser, denn lese nicht ,,koin", sie sind zu Ende, sondern ״kol ein", alle diese und nachfolgenden Psalmen sind von David. Diese Lesevariation bezieht sich nicht auf die Vokale, hier werden Buchstaben eingeschoben, aus einem Worte zwei gebildet, somit kann das ״ai tikro" weder für das Alter noch für die Jugend der Punktation als Beweis dienen. Hören wir noch die Äußerung des Maimuni in seinem Buche (More Nebochim 3. Th. 43. Absch.) Bar Kafra lehrte, was will der Text bedeuten: (״'W'ejossed theje lecho al Asanecho“). Einen Spitzpflock sollst du neben deinen Waffen haben (5. M. 23,14.), lies nicht ״Asanecho", sondern ״Osnecho", dein Ohr, wenn der Mensch etwas Unanständiges hört, soll er den Spitzfinger in das Ohr legen. Darum sind auch, wie Rabbi Elieser bemerkt, alle Finger spitzförmig. Darauf ruft Maimonides aus: Welch' ein sonderbarer Gedanke, wenn man thöricht genug wäre, zu glauben, dass dieses eine wahre Auslegung des Textes, dass dieses der wahre Sinn des Gebotes sei. Der Spitzpslock nämlich soll den Finger, die Waffe das Ohr andeuten. Ich glaube nicht, dass derjenige, der bei gesunder Vernunft ist, so etwas denken wird. Aber es war eine Art rhethorischer Schönheit; der Redner will die gute Lehre einprägen, dass das Unflätige nicht nur der Mund nicht aussprechen, sondern, dass es das Ohr nicht einmal zuhören darf, darum wendet er diesen Text gleichnisweise darauf an, und diese Bewandtnis hat es auch mit allen übrigen ״al tikro', lese nicht so, sondern so, welche in der Textauslegung der Rabbiner Vorkommen. (Schluss folgt.) Die Säulen -es ifr. ReUgionsgelwu-es. Von Dr. M. H. Friedländer, Bez.-Rabbiner in Pisek. (Fortsetzung.) n. Aer Gottesdienst. Die zweite Säule, auf der das Judenthum ruht, heißt ״Aboda" Gottesdienst, Gottesverehrung. Wie die der Verbreitung der Kenntnis der Thora geweihte Institution, die Schule, ebenso bildet die der Andacht gewidmete Stätte, das Gotteshaus, einen Grumdpfeiler des Judenthums. Als der scharfsichtige heidnische Prophet Bileam, der von dem moabitischen Könige berufen wurde, Israel zu verlästern und der Verachtung preiszugeben, in seinem prophetischen Geiste das Gedeihen der israelitischen Gotteshäuser und Lehranstalten erblickte, rief er begeistert aus: ״Wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel", worauf unsere Weisen bemerken: Der Prophet har hier in weiser Rede auf die Gotteshäuser uniG Lehranstalten angespielt. Ein Volk, das für die Erhaltung des Gottesdienstes, wie für die Förderung der religiösen Wissenschaft unter allen Umständen die größten Opfer zu dringen bereit ist, ist unverwüstlich, unzerstörbar. Es ist daher die heiligste Pflicht einer jeder Gemeinde dafür zu sorgen, dass in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, wo die Glaubensgenossen ihre Herzen in inbrünstigen Gebeten vor Gott dem Herrn ausschütten, ihre sehnlichsten Wünsche dem edlen Menfchenvater vortragen und die Gefühle ihrer dankerfüllten Herzen ob der ihnen zu Theil gewordenen göttlichen Gnade ausdrücken können. ״Sie sollen mir ein Heiligthum er-