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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-11-01 · Heft 28 (1.11.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 28 (1.11.1891)
Date
1891-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Rath Herrn W. Frankl folgende Zuschrift: Als gewesener Testaments-Executor der letztwilligen Anordnung der verstordenen Frau Elise Herz, geborene v. Lämel, beehre ich mich zur Charakteristik des in Bildung begriffenen Antisemiten- Vereins in Pilsen Ihnen Folgendes mitzutheilen: Laut beiliegender Abschrift des Stiftsbriefes hat die verstorbene Frau Elise Herz eine Stiftung von 40.000 fl. angeordnet. Von den jährlichen Zinsen per 2000 fl. sind alljährlich vier zur Etablirung angehende Gewerbsleute, welche in der Stadt Prag oder aus dem Pilsener Kreise gebürtig sind, mit je 500 fl. zu betheilen. Diese Stiftung hat seinerzeit eine bedeutende Sensation in Pilsen hervorgerufen. Als im Vorjahre der gegenwärtige Bürgermeister von Pilsen, Herr Dr. Krosta, mir einen Besuch abstattete, sagte er zu mir: ״Sie können sich keine Vorstellung machen, welche wohlthätige und erfolgreiche Wirknng diese Stiftung auf die socialen Verhältniße in Pilsen zur Folge hat." Er hatte nicht genug Worte der Dankbarkeit und der Bewunderung. Schließlich bat er mich um ein photographisches Bild der verstorbenen Frau Stifterin, das ich ihm sofort übergab. Er beuöthige, sagte er, das Bild, weil die Communalvertretung in Pilsen den Beschluß gefasst hat, ein lebensgroßes Bild der verstorbenen Frau Stifterin anfertigen zu lassen und im städtischen Museum zum ewigen Gedächtniße aufzubewahren. — Die nun im Begriffe befindliche Bildung des Antisemiten-Vereiues in Pilsen wird zum ewigen Gedachtniße Zeugenschaft geben, welche Dankbarkeit in der Stadt Pilsen herrscht. Aus der vom kaiserlichen Rathe Herrn W. Frankl beigeschlossenen Abschrift des Testaments geht hervor, dass die Stiftung für Gewerbsleute jeder Confession, welche aus Prag oder aus dem Pilsener Bezirke gebürtig sind, bestimmt ist; bei den obwaltenden nationalen Verhältnißen in Pilsen kommt sie zumeist den Czechen zugute. Dies geht auch aus der uns von Herrn Frankl gleichsfalls zur Verfügung gestellten Abschrift eines Berichtes hervor, den der Pilsener Bürgermeister Dr. Krosta vor zwei Jahren über die Vertheilung der Stiftung in den Jahren 1885, 1887 und 1888 erstattet hat. In jedem dieser drei Jahre hat der Gemeindeansschuß von Pilsen vier Gewerbetreibende mit den Zinsen der Elise Herz'schen Stiftung betheilt. Darunter befand sich in jedem Jahre nach den Bestimmungen des Stiftsbriefes ein Derwandter aus der Famile der Stifterin; die übrigen mit je 500 fl. bedachten Gewerbsleute waren: Schneider Stummer, Sattler Votlucka, Buchbinder Broranek, Schneider Frank, Hafner Pav. Tischler Kucera, Tischler Havel, Friseur Prochazka und Schneider Krakes, deren Namen allerdings czechisch genug klingen. Wien, 26. October. Heute Vormittags um halb 10 Uhr hat vom Trauerhanfe aus, Schwarzspanierstraße Nr. 16, das Leichenbegängnis des verstorbenen Professors der Phpsiologie an der Wiener Universität, Dr. Fleischl v. Marrow, unter reger Betheiligung der mediciuifcheu Kreise stattgefunde!.׳. Die Hofräthe Billroth, Dittel, Stellwag v. Carion, Albert, Ludwig und Vogel, sowie zahlreiche andere Professoren wohnten der Trauerfeier bei. Am offene!: Grabe aut dem israelitischen Friedhofe sprach Prediger Güdemann, dann hielt Hofrarh Professor Billroth dem Dahiugeschiedenen folgenden warmen Nachruf: ״So ruht denn wieder jetzt ein edler Mensch von seiner Lebensarbeir aus und lässt in tiefem Schmerze uns hier zurück! Rastlos hat er gestrebt, geforscht und unser menschlich Wissen erweitert, in nimmer müdem Lehren den kommenden Geschlechtern zugerufen: Hier sind die Wege! Folgt mir! Vorwärts! Sein Geist schwang sich kühn hinauf zu den höchsten Problemen der Wissenschaft vom Leben alles Lebendigen, deren Lösung er zu feiner Lebensaufgabe gemacht hat. Seine Lebensarbeit wird fortwirken und nimmer vergehen; denn sie war lebendige, schöpferische Kraft. Die ewige Sehnsucht, mehr noch und immer mehr von dem zu erkennen,! was zu ahnen ein Gott in unser Herz gelegt — dies höchste Menschenglück und höchste Menschenleid war ganz sein Eigen. Ach, dass uns armen Erdengeistern die Grenzen des Erkennens und des Wissens nur allzu eng gesteckt sind! Er hat es schwer wie Keiner an sich fühlen müssen, und wenn wir Alle muthlos geworden durch die Erfolglosigkeit unseres Strebens, den bewunderten Forscher, den edlen Menschen, den Freund von seinem schweren körperlichen Leiden zu befreien, endlich an unserer Wissenschaft verzweifelten — er trug das Leid und strebte, forschte, grübelte stets weiter und genoß unter tausenden körperlichen Dualen glücklichste Stunden, wenn er den Fachgenossen die Früchte seines Denkens und Forschens mittheilen konnte und Theilnahme fand an dem, was ihm im tiefsten Leid das Leben immer noch des Lebens Werth erscheinen, fühlen ließ. Und welch ein goldenes, treues Herz erhielt in sanfter, stetiger Bewegung den warmen Blutström, der diesen Geist aus unerschöpflicher Duelle immer neue, leuchtende Funken sprühen ließ! Wie warm schlug dieses Herz Jehudalem: ״Dieses Mal nenne ich deine Ueberzeugung, Schwester der meinigen; denn der Y. 12 desselben Capitels stärkt die Gewissheit des Fundes. ״Und er wird ein muthiger Mann sein, seine Hand geißelt alles und wird von allen gegeißelt — aber sein Lager bleibt das Gefammt-Judenthum, dessen Fahne in der Flugschrift ״Judain und Affenbrotbaum"') so echt mosaisch entfaltet ist. —Hat mein Freund Selim gelesen?" Selim: ״Gelesen und prüfender Krikik unterzogen. — Vor Allem erkläre mir, mein Freund Jehudalem, wie wagte es der Verfasser, aus der Art und Weise der Sinaischen Gesetzgebung die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Volk, ohne privilegirte Zwischenpersonen zu abstrahiren? War doch nur Moses und den Priestern gestattet, den Berg zu besteigen!" Jehudalem: ״Ganz richtig. Aber der Verfasser weift an der Hand der Ueberlieferung nach, dass der Priesterstand blos die ceremoniellen Functionen am Hofe des Gottkönigs versah. Ohne Mehrbesitz himmlischer Geheimniße?) bilden sie mit dem Kanzler Moses die Prachtgarde des Thronredners auf Sinai." Selim: ״Die ewige Minorität und die sie aufhebende Mesiiasidee. Erkläret doch Oerindur diesen Zwiespalt der Natur!" Jehudalem: ״Hier berührt mein Freund Selim einen Punkt, der den ganzen Zwiespalt innerhalb des Judenthums ausgedeckt verlangt, und der Frage meines Freundes eine gewisse beschränkte Berechtigung einräumt. Mein Freund Selim begleite mich in die Nähe der beiden jüdischen Lager: Hier das palaeologe mit der Fahne ״Gottesfurcht" und der Parole: Hebräisch essen, hebräisch trinken, hebräisch lernen, hebräisch glauben, und zwar alles Ueberlieferte, den Stillstand der Sonne in (Won und des Mondes in Ajalon — eben so fest wie die 0 Im Verlage des Samuel Jellinek in Wien (30 kr.). 2) Deuter. XXX. 12. 13. 14. zehn Gebote, *deren Gottesstimme in dem sie begleitenden Donner und Blitz am deutlichsten legitimirt wird und — consequenter Weise ein plötzliches unvermitteltes Aufgehen dieses Particularismus zu Gunsten eines Universalismus des Messias. Dort das neologe Lager mit der Fahne ,,Gottesliebe" und der Parole: Menschlich essen, menschlich trinken, menschlich lernen, menschlich glauben und zwar alles Ueberlieferte den Sieg Josuas, der rascher war als Sonnenuntergang und Mondesaufgang, eben so fest wie die zehn Gebote, deren Gottesstimme trotz begleitenden Donnergepolters deutlich vernehmbar spricht, und eine Messiasidee, die in der täglich fortschreitenden Egalisirung der Menschheit auf der Höhe der sittlichen Ideen den allmaligen Sieg des Universalismus anerkannt. Das palaeologe Lager gleicht einer starken Festung mit dicken Mauern, deren einzelne Steine der Mörtel des Glanbens im enganschließenden Gefüge znsammenhält. — Fallt ein kleines Steinchen aus dem Gefüge, so fällt auch die Mauer. Das neologe Lager ist offen, stärkt sich täglich durch Ueberläufer, denen der Festungsdienst zu beschwerlich scheint und hat gut geschulte Mannschaft und Führer, die sich der besten Riesenfernrohre rühmen. Käme ins paläologe Lager von competenter Seite -ein Dementi des kleinsten nebensächlichen traditionellen Umstandes, würde z. B. die Reihenfolge der Speisen Rahm, Milch, Kalbfleisch, womit Abraham zu Mamre die drei Männer tractirte, im Berichtigungsverfahren geändert: so stäubt die ganze Armee auseinander. — Käme ins neologe Lager ein himmlischer Bote, der da verkündete: ״Kund zu wissen hiemit: Das ganze alte Testament ist eine Fabel", so riefen Führer und Mannschaft einstimmig: ״Sei es, wir bleiben fahnentreu! Für uns ist diese Fabel so viel werth, als wenn sie Wirklichkeit wäre." tSorrs. W0t)

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