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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-11-01 · Heft 28 (1.11.1891) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 28 (1.11.1891)
Date
1891-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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-sculturhistorische und sociale Moment zu wenig berücksichtigt hat. Würde eiu künftiger Geschichtsschreiber der Juden ihre Stellung und Bedeutung in der Gegenwart in vollkommen entsprechender Weise schildern, wenn er blos ihr inneres Leben, ihr religiöses Verhalten, ihre Schicksale, ihre gewerbliche, geschäftliche und wisseutschaftliche Thätigkeit darstellen, nicht aber ihre Stellung und Bedeutung in dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben dem Leser vorsühren würde? Gewiss nicht. Denn die Juden bilden in der Gegenwart für Freunde und Feinde, und mehr noch für die Letzteren als für die Ersteren, einen nicht zu unterschätzenden Factor des öffentlichen Lebens; sie werden in Alles und Jedes, bis auf die Discussion über das Wetter, hineingezerrt, was natürlich übertrieben, aber doch ein Zeugnis dafür ist, dass sie aus die verschiedenste Weise mit dem culturellen und gesellschaftlichen Leben der Gegenwart verflochten sind. So ist es aber eigentlich immer mir den Juden gewesen, trotz ihrer Abschließung in den Ghettos, und man braucht nur die intimen Witze über sie bei Horaz und Juvenal und in den deutschen Fastnachtsspielen von Fol; und Rosenblut, sowie in den Erzählungen Hanns Wilhelm Kirchof's zu lesen, oder die ehrenden Erwähnungen, die sie bei Sebastian Braut, dem Laien- Prediger Lotzer und Anderen sindeu, sich zu vergegenwärtigen, um sich zu überzeugen, dass es im alten Rom und im deutschen Mittelalter gewesen ist, wie heutzutage: die Juden waren durch Einwirkungen, die sie empsingen und gaben, mit der Zeitgeschichte auf's innigste verflochten. Der ganze Aufbau der christlichen Predigt, die Mystik Sense's und Tauler's ist ohne diese jüdischen Einwirkungen gar nicht zu verstehen, die deutsche Dichtung weist durch die Wahl mancher Stoffe auf sie zurück, und selbst die deutsche Sprache bekundet durch zahlreiche Bilder, Wendungen und Worte, dass sie — Manche werden ausrufen: Leider! — nicht ״judenrein" ist. Diese Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, was an dem Grätz'schen Geschichtswerk zu bemängeln und nach welcher Richtung es auszubauen ist. Aber wer wollte auch demjenigen, der es unternimmt I einen Urwald zu lichten, es zum Vorwurfe machen, wenn er bei Ausübung dieses Geschäftes den zarten Bau und die Feinheiten der Farne und Gräser unbeachtet lässt, die sein. Fuß zertritt. Und Grätz hat einen Urwald gelichtet, er hat Wissenschaftliche Jrrthümer, Fabeln und Vorurtheile für immer zerstört, und man wird es vergeblich versuchen, sie von neuem anzupflanzen und zur Entfaltung zu bringen. Diesen Erfolg verdankte er seiner Art zu arbeiten und seiner Genialität, welche ihn ein ungeheures Arbeitsgebiet mit Leichtigkeit bewältigen ließ. Der an Schlaflosigkeit leidende, aber auch des Schlafes wenig bedürftige Mann hatte schon eine Tagesarbeit vollbracht, wenn für Andere erst der Tag anbrach. Auf den verschiedensten Sprachgebieten hat er erst die Quellen entdecken müssen, aus denen er dann schöpfte. Denn ihm war nicht der Vortheil dargeboten, dessen sich der Geschichtsschreiber des klassischen Alterthums oder der modernen Culturvölker erfreut. Dieser findet bereits correcte Ausgaben seiner Quellen, sein 0orpu8 inscriptionum und vielfach abgeklärte Resultate vor, er weiß genau, in welchen Archiven, in welchen Handschristensammlungen er nachzuforschen hat, und wenn er sich dieser Aufgabe unterziehen will, so sindet er hilfsbereite Regierungen und Akademien, die ihm mit Reise-Stipendien unter die Arme greifen. Dieser Vortheile entbehrte Grätz fast gänzlich; er war Pfadsinder und Gartenkünstler zugleich, durch die Vereinigung dieser Eigenschäften ist ihm möglich geworden, ein Werk zu schaffen, aers p616׳nuiu8. Kleine Chronik. Wien. Aus Pilsen wurde jüngst über eine daselbst abgehaltene czechisch-antisemitische Versammlung berichtet, in welcher die Bildung eines czechisch-antisemitischen Vereines beschlossen worden ist, durch den von Pilsen aus den Deutschen und den Juden in Böhmen der Krieg auf dem wirthschaftlichen Gebiete erklärt und dahin gewirkt werden soll, dass die Czechen von Deutschen und Juden nichts mehr kaufen. Mit Bezug auf diesen Bericht erhält die ״N. Fr. Pr." von dem kaiserlichen Jehudalem. Aus dem Tagebuche des ewigen Juden. Von Samuel Jellinek (Ung.-Brod). (Fortsetzung). Nach fünftägiger Land- und Seereise sehen wir unfern Helden Ln Mekka in das Empfangszimmer Seiner Magnificenz des Herrn Rector Selim Nazdary eintreten, der seinen Gast mit warmer Ansprache empfängt. Selim: ״Gegrüßt sei, der da kommt im Namen Abrahams!" Jehudalem: ״Gegrüßt sei mein Freund Selim — aber dieses Mal komme ich im Namen des gelehrten Herrn Marpharius." Selim: ״Der Papyrus! Der Papyrus! (lachend) Oberflachlichkeit! Dein Name ist: Marpharius." Jehudalem: ״Sollte mein weiter Weg das Opfer einer Mystisication sein?" Selim: ״Ich wasche meine Hände iu Unschuld. Der Schluß meines ftngirten Pagynus macht ausdrücklich auf die Fiction aufmerksam. Denn dort am Ende des Capitels: Hausthiere erscheint der Hund mit folgender Seelenwanderungs- Skala: Bohrmuschel, Spürhund, Selim Nazdary, der nach Schluß seiner irdischen Laufbahn als Genius der fingirenden und combinirenden Gelehrsamkeit verehrt wird. Zürne der Oberflächlichkeit des Herrn Marpharius, die der Geburt dieses Mißverständnißes zu Gevatter stand." Jehudalem: ״Sara besiegt von Hagar > Aber im Drange des Augenblickes entschlüpfte mir das Versprechen des Doctor- Hutes und eines neuen Augenglases. Wo sinde ich die rettende Pforte aus diesem Engpässe der Uebereilung?" Selim: ״Das Augenglas ist sofort einzuschicken, damit der Herr in Zukunft besser lese. Wer aber oberflächlich liest, der hört auch oberflächlich. Unter weiser Andeutung, dass das Dotter altklüger auftrete als die Henne, ist dem Herrin Marpharius ein Hut voll mit Dotter einzuschicken und er wird darin das ehrende Diplom einer italienischen Universität erblicken, wo dieser Titel mit doppeltem ״t" geschrieben wird. Dotter Marpharius klingt so hell wie Doctor Marpharius. Der neuerstandene Herr Dottor möge die Gelehrten-Welt anstandshalber mit einem Compendium überraschen, das den Satz: ״Schuster bleibe bei deinem Leisten!" wissenschaftlich bestiefeln soll." Jehudalem: ״Dem Rathe folge die That! Dass der seichte Schleicher die Jnspection in Mähren stören musste." Selim: ״Mähren — Mähren — dort befindet sich eine uralte Colonie Arabiens." Jehudalem: ״Hat mein Freund Selim wieder combinirt?" Selim: ״Dies Mal — ohne Dementi. Schon der Name der Stadt Bethlehem-Hagar bezeugt die Wahrheit meiner Be- Häuptling. Noch wird in ihr Hagars Brod und Wasserschlauch mehr verehrt als der Bierkrug, und während aller Orten die Beschneidung der jüdischen Ideen schon mit dem achten Lebenstage vor sich geht, wird bei den Kindern dieser Stadt erst mit dreizehn Jahren die Operation — und zwar in der Fremde vollzogen. Ferner treffen die Merkmale des Y. 14 C. XXII. G־en. et». Der Feuilletonist schöpft dort mit Seheraugen aus lebendigem Brunnen zwischen dem Heiligen und dem Janhagel."

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