Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 28 (1.11.1891)
- Date
- 1891-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 und Bycantinismus ersetzen zu können glaubten, sich hervordrängen und eine Rolle spielen durften, dem schönen, Pracht׳- vollen Religionsgebäude Gefahr drohte in seinen Grundfesten erschüttert zu werden. Ein Judenthum ohne Thora gleicht einem Körper ohne Seele. Moses rief daher vor seinem Scheiden Israel zu: ״Siehe ich habe euch gelehrt Gesetze und Rechte, wie der Ewige, mein Gott mir befohlen, d. h. mit anderen Worten, was ich euch gelehrt ist, kein Product meines, sondern des göttlichen Geistes, beherzigt daher diese Lehren und beachtet sie, denn nur durch Werthschätzung und Verehrung der Thora und der Träger derselben werdet ihr im Stande sein, den Völkern der Erde Achtung abzugewinnen, und sie werden unwillkürlich ausrufen: ״Wahrlich diese große Nation ist so weise, verständig und intelligent", weil nur gebildete, civilisirte Menschen die echte Wissenschaft wie die Förderer derselben zu würdigen verstehen; beherzigt daher diese schönen herrlichen Lehren der Thora, sorget dafür, dass sie nicht vergessen und nicht vernachlässigt werden". Die Wissenschaft ist Macht, daher die Thora mit Recht 08 ״Sieg, Macht" genannt wird. (Fortsetzung folgt.) Heinrich Grätz). (Schluss.) Hier war denn der Punkt gegeben, wo Grätz einsetzte. Er hatte den Muth seiner Meinung, denn auch ein Historiker darf wohl seine Meinung haben. Das Quintilianische Werk: ״Pectus 68t enim, quod disertos facit", gilt auch für den Historiker, die Ueberzeugung allein kann ihm die Sprache in die Feder flößen, durch welche er Andere überzeugt und er thut nur seine Schuldigkeit, wenn er die Sache, die sich ihm quellenmäßig als die gerechte ergibt, auch als solche darftellt und nicht aus Furcht, nach der einen Seite besangen zu sein, es nach der andern wird. Sehr richtig sagt in diesem Betracht Johannes Scherr: ״Die mit Recht geforderte Unparteilichkeit des Geschichtslehrers oder Geschichtsschreibers soll keine mühsam erkünstelte Theilnahmslosigkeit sein. Er erzähle nicht, blos um zu erzählen; er belehre, rege an und überzeuge. Belebt sei sein Wort und Leben schaff' es, Hörer und Leser für die idealen Güter der Menschheit erwärmend". Von dieser Wärme ist das Grätz'sche Geschichtswerk erfüllt, deshalb schlug es sofort ein und gewann die Herzen seiner Leser. Grätz hat keine Geschichte gemacht, er bemäntelt und vertuscht nicht, aber er hat seinen Glaubensgenossen zu allererst eine Geschichte gegeben und ihnen in ihren Schicksalen jene noch immer wirksame Kraft nach- .gewiesen, welche in dem Volke des Alten Testaments in so merkwürdiger Weise und auf eine für die Erziehung und Versittlichung der Menschheit erfolgreiche Art sich bethätigt hat. ״Wenn es mir gelungen sein sollte" — sagt Grätz in dem Vorworte zum Schlußbande seiner Geschichte — ״meine Leser herausfinden zu lassen, dass auch in der vorläufig letzten Phase der jüdischen Geschichte, die gewissermaßen vor unseren Augen vorgieng, der wunderbare Finger Gottes nicht fehlte, so würde ich mich über die Fehler trösten, welche meiner Darstellung und Beweisführung vielleicht anhaften." Aber jener erwähnte Schlussband sollte für Grätz verhängnisvoll werden und ihm eine Anklage zuziehen, auf die er gewiss nicht gefasst war. Weil er in demselben Frankreich, das zuerst die Juden emancipirte, hervorhob und dagegen nicht verschwieg, wie Deutschland nach den Befreiungskriegen im Gegensatze zu Frankreich in mittelalterlicher Feindseligkeit gegen die Juden sich erhitzte, wurde er des Mangels an Patriotismus und des Deutschenhasses bezichtet. Die Anklage, an sich wenig glaubhaft gegenüber einem Manne, der an einer preußischen Universität docirte, wird nicht glaubhafter, wenn man den Anklüger kennt, der sie erhob. Es war Heinrich v. Treitschke, der Geburtshelfer und Chorag des modernen Antisemitismus, der diese Denunciation unter das deutsche Volk schleuderte und der dann in der Siegessreude über den Erfolg seiner That, den Pelion auf den Offa thürmend, zu der Anklage des Deutschen- Hasses auch noch die des Christenhaffes hinzufügte. Wir geben zu, dass vielleicht das eine oder andere Wort, die eine oder andere Wendung ungeschickt war, eine ruhige Erwägung aber wird den deutschen Patriotismus Grätz' schon im Hinblick aus seinen Lebensgang, den wir deshalb oben fkizzirt haben, nicht in Frage stellen. Grätz stammte aus Posen, wo die Juden von jeher ein starkes germanisatorisches Element bildeten, das der preußische Staat gewiss nicht entbehren möchte. Grätz kämpfte aber auch für sein Deutschthum mit einer Hingebung, deren sich Wenige rühmen können, die aus gebahnten Wegen ihre Studien absolviren und nachher im Genuss einer Professur ihren Patriotismus ausschroten. Grätz konnte auf eine staatliche Versorgung nicht zählen und hat sie nie erreicht, aber er hat gedarbt und entbehrt, um deutsche Bildung und deutschen Geist sich anzueignen und ein monumentales Werk zu schaffen, das für alle Zeiten einen Ehrenplatz in der geschichtlichen Literatur Deutschlands einnehmen wird. Weiß Herr v. Treitschke, der preußische Hof-Historiograph, von Opfern und Kämpfen zu erzählen, die er zu Gunsten des von ihm zur Schau getragenen Deutschthums gebracht und überftanden hat? Nicht besser als mit der Anklage des Deutschenhasses steht es mit der des Christenhasfes. Letztere hätte überhaupt Herr v. Treitschke, da er nur Hof-Historiograph des preußischen Staates, aber nicht des Christenthums ist, den Theologen überlassen sollen. Aber diese erhoben sie nicht. Und mit Recht. Denn Grätz gieng in seiner Rücksichtnahme gegen das Christenthum so weit, dass er in der ersten Auflage die Entstehungsgeschichte des Christenthums — man denke: in einer Geschichte der Juden! — ganz übergieng und sie erst in den nachfolgenden Auflagen behandelte. Dass er sich nicht ״vor dem welthistorischen Erfolge beugte" und die neutestamentliche Zeitgeschichte von seinem Gesichspunkte aus darstellte, kann ihm bei Keinem, der nicht preußischer Hof- Historiograph und Antisemit ist, zum Vorwurfe gereichen. Grätz ist zu widerlegen, nicht zu überschreien. Uebrigens gehört das neue Quellenmaterial, das Grätz für die Geschichte des Christenthums beibringt, sowie der Schatz von neuen Aufschlüssen, die er gibt, bereits zum Inventar der christlichen wissenschaftlichen Theologie, wofür ihm dieselbe nur Dank wissen kann und thatsächlich Dank weiß. Als eine Illustration aber zu dem Treitfchke'schen Vorwurfe des Christenhasfes kann die auch um ihrer selbst willen erwähnenswerthe Thatsache dienen, dass die königlich spanische Akademie für Geschichte zu Madrid Grätz zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt hat. Demnach kann es mit feinem Chriftenhaffe nicht weit her sein. Darauf hat sich Spanien immer verstanden. Wenn schon ein Tadel oder, sagen wir glimpflicher, ein Mangel an dem Grätz'schen Geschichtswerke — nicht vom nationalen oder consessiouellen, sondern von dem hier einzig und allein in Betracht kommenden wissenschaftlichen Standpunkte — hervorgehoben werden soll, so ist es der, dass Grätz das *) Vuu Dr. M. Güdemann. S ״N. fr. Presse" v om 2V. Oktober IS31