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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-10-23 · Heft 27 (23.10.1891) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 27 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — wöchentlichen Sttmmzettelsalschung durch den Abgeordneten Schneider, die diesen sauberen Patron als das kenuzeichnere, wozu ihn der Abgeordnete Dr. Bloch zu Beginn der Session stigmatisirte, war nicht nur Schneider sondern auch seine Partei vom ganzen Hause gerichtet. Heute hatten die Herren Antisemiten nun wieder einen unglücklichen Tag. l'rver' die Aerziekammern ward verhandelt, aber Herr Schnei!- sprach wieder über Juden. Er hatte es ja kürzlich in einer Wähler- Versammlung angekündigt, dass er die jüdischen Aerzre verunglimpfen werde, und solche Versprechungen pfiegt Herr Schneider einzulösen. Allein sein heutiges Auftreten bekam Herrn Schneider und der antisemitischen Sippschaft im Hause recht schlecht; sie fanden in dem Abgeordneten Dr. Bloch einen Gegner, der ihnen gewachsen war und vernichtende Hiebe auf diese Gesellschaft niedersausen lieh, die nur dort Triumphe zu ernten vermag, wo sie ihre Monologe unbeirrt von, jeder Widerrede vortragen kann. Wo aber diesen Herrn ein schlagfertiger Redner entgegentritt und ihnen tüchtig aus die Finger klopft, sind sie mit ihrer erborgten Weisheit bald fertig. Herr Schneider hatte sich auf ein angebliches Gutachten eines Dr. Ecker in München . berufen. Herr Dr. Bloch lud .Herrn Schneider — vorausgesetzt, dass dieser vor einem solchen Weg keine Scheu empfände — zu einem Gange in's Wiener Landesgericht ein, um sich aus den dort erliegenden Acten zu überzeugen, dass hinter Ecker niemand anderer stecke, als der berüchtigte Falscher Brimanus, der die Antisemiten genasführt und betrogen hat. ״Sie hassen die Juden", rief Bloch Herrn Schneider zu, ״aber mit jüdischen Lumpen verkehren Sie gerne." Die Zwischenrufe, mit welchen die Herren Lueger, Schlesinger und Hauck den Redner zu verwirren suchten, ließen ihn kalt, er legte den verrohenden Einfluß dar, welchen die antisemitische Agitation auf die Jugend und auf die Bevölkerung ausübe. Er hielt den Antisemiten die Messer-Attentate vor, welche antisemitische Schüler, die Producte ״christlich-socialer" Erziehung, auf ihre jüdischen Mitschüler verübt haben; er hielt ihnen ein antisemitisches Frage- und Antwortspiel für Kinder vor;, er erinnerte daran, dass im Wahlbezirke des nichts weniger als rühmlich bekannten Reichstags - Abgeordneten Pickenbach ein antisemitischer Bäcker eine Massenvergiftung der Juden versucht habe, und er zeigte, dass die Früchte der antisemitischen Hetze nicht blös die .Juden, sondern die gesammte Bevölkerung schädigen. Die Rede Bloch's machte sichtlich einen großen stünden 11. f. w. auszumalen. Das Tagebuch erwähnt nur, dass Jehudalem mit einer stattlichen Anzahl jüdischer Zeitfchriften ausgerüstet die zweite Reise antrat. Doch lassen" wir ihn allein sprechen: ״Nachdem ich im Waggon alle Zeitschriften von A. bis Z. durchgelesen hatte, schlummerte ich sanft ein. Sei es meinem Unwillen, dass mein Besuch bei den Antisemiten todtgeschwiegen war, sei es der Herrschaft der anregenden Lectüre, sei es meinem neuesten Projecte zuzuschreiben : Antisemitismus, Seelen- Wanderung nnd Egypten schienen sich verschworen zsi haben, ein geträumtes Ganzes zu weben, das, wie schon Traume sind, der Einheit des -Ortes, der Zeit und Logik vollends entbehrte.: Ich war plötzlich König Pharao. Moses tritt in meinen Audienz-Saal und halt folgenden Vortrag : ״Siehe! ich plage alle deine Grenzen mit Fröschen, der Fluß soll Frösche in großer Menge Hervorbringen, sie werden alsdann heraufhüpfen und in. dein Haus' kommen, in dein Schlafzimmer und auf dein Bett, in das Haus deiner Bedienten und Unterthanen, in deine Backöfen und in deine Backtröge." Und wirklich sah meine geträumte Pharaonische Existenz im Zauberscheine schnell: vollzogener Seelenwanderung Haus, Hof, Bett, Trog voll mit' —;-Antisemiten. Und was die Plage verschlimmerte: Meine. Bilderschriftkundigen vermehrten durch ihre geheimen Künste die Anzahl der Frösche, und wo sie nicht fertige Frösche ' anbringen konnten, dort legten sie Froschlaich hin. — ״Stambnl leine. Stünde Aufenthalt", befreite mich von dieser frt stschkU Sage....; . (Fortsetzung folgt.) Eindruck auf das Haus, und ihrer Wirkung vermochten sich insbesondere die katholischen Priester nicht zu entziehen, welche dem Hause angehören. Mit Aufmerksamkeit folgten sie : den. Ausführungen des Redners über den verrohenden Einfluß des Antisemitismus auf die Bevölkerung überhaupt und die Jugend insbesondere, und' vielleicht hat mancher von ihnen sich auch Rechenschaft darüber abgelegt, dass die Unbotmäßigkeit, welche die sich ״christlich-social" nennenden Antisemiten neueftens gegen die Kirche und die Bischöfe bekunden, nichts Anderes ist, als das naturgemäße Ergebnis der Unvereinbarlichkeit der Lehren der Kirche mit jenen des Antisemitismus. Herr Schneider hatte es den Juden zum Vorwurfe, gemacht, dass sie die Leichen der in öffentlichen Krankenhäusern Verstorbenen dadurch der Section entziehen, dass sie dieselben für die Bestattung reclamirsn. Dr. Bloch zeigte, dass dies nur das pietätvolle Werk, einer zweckmäßigen Vereinsorganisation ist, und er forderte die Christlich-Socialen auf, ein Gleiches zu thun. ״Gründen Sie solche Vereine", rief er den Antisemiten zu. ״Sie haben reiche Leute in ihrer Mitte, Se. Durchlaucht Prinz Liechtenstein!'( Der Abgeordnete Dr. Bloch hätte sich diesen Appell sparen können. Geld für Todte? Todte haben ja kein Wahlrecht! — Sehr lehrreich waren die Auszüge, die Dr. Bloch aus der intimen Correspondenz des Herrn Schneider zur Verlesung brachte. ״Zum Socialismus", schrieb Herr Schneider vor sechs Jahren, ״sind unsere Leute heute noch gar nicht reis. Verfälschungen suche ich". Das ist in der That der Leitstern Schneidens und jener Elemente geblieben, von b enen Herr Bloch treffend sagte, dass sie in. der Mitte einer, anständigen. Gesellschaft niemals hätten geduldet werden sollen. Wien, 20. Oktober. (Israelitische Cultusgem e i n d e - S p r e n g e l in Galizie n.) Der Minister für Cultus und ^Unterricht, Dr. Freiherr v. Gautsch, hat in Aussührung der*W 3 nnd 4 des Gesetzes vom 21. März 189Q, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältniße der israelitischen Religions-Gesellschaft, mittelst Verordnung vom 2. April d. A die Cultusgemeinde-Sprengel in Galizien festgesetzt und abgegrenzt. Nach dieser Verordnung haben in Galizien 252 israelitische. Cultusgemeinden zu bestehen. Die Eintheiluug und Abgrenzung dieser Cultusgemeinde-Sprengel, die in einem der Verordnung beigeschlossenen Verzeichniße enthalten sind, haben mit 1. Januar 1892 in Wirksamkeit zu treten! Von diesem Zeitpunkte angefangen sind diese 252 Cultusgemeinden als im Sinne des Gesetzes vom 21. März 1890 constituirt anzusehen. Bis dahin bleibt der Bestand der bisherigen Cultusverbände aufrecht. Wien. (Prediger - Mannheimer - Verein.) Der Vorstand dieses Vereines war diesmal bei .Gelegenheit des Geburtstages des Gründers am 17. Oktober in der Lage; 1700 fl. an 50 Petenten (6 Rabbiner, 10 Rabbinerswitwen, 16 Lehrer und 18 Lehrerswitwen) zu vertheilen. Wien. (M ädchen - Unterstützungs-Verein.) In den Privatschulen des Israelitischen Mädchen-Unterstützungs-- Vereines sind noch einige Plätze zu vergeben. Der Unterricht wird in allen Abtheilungen (Fortbildungsschule, Handelsschule; Bonnencurs, Fachschulen für Schneiderei, Hand- und Maschinen- Näherei und Stickerei) unentgeltlich ertheilt. Meldungen sind, belegt mit dem Geburts- und dem Schulentlassungs-Zeugniße, an die Schulkanzlei, II., Kaiser-Josefsstraße 32, zu richten. Sprechstunden von 10—12 Uhr Vormittags. Wien. In den Rudolssheimer Tempel wurden während des L01-niär6-Gottesdienstes zwei große Steine geworfen, durch welche mehrere Fensterscheiben zertrümmert wurden. Die Nachforschungen über den Vorfall, welcher große Aufregung unter den Tempelbesuchern hervorrief, wurden eingeleittt. — Von einem Augenzeugen erhalten wir. folgende Mittheilung über den Vorfall: Es war gegen 7. Uhr, als durch das Galeriefenster, welches in die Blüthengaffe geht, ein Stein in den Saal fiel und einen Herrn auf der linken Seite an der Haüd leicht verletzte.' Das Klirren der. zerbrechenden Fensterscheibe rheis große Aufregung hervor, "welche noch wuchs, als ein zweiter Stein durch das Fenster flog. Dieser war weniger kräftig geworfen und blieb aus der Frauengalerie^ liegen. - Die Tempel-

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