Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 27 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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mations-Zeitalter ausgezeichnete Hebräisten gab, so wurden dieselben von jener Literatur vorwiegend durch das sprachliche nicht durch das geschichtliche Jntereffe angezogen. Den Juden aber war in ihrer geistigen Vereinsamung das Verständnis für den allgemein geschichtlichen Werth ihres litterarischen Besitzthums, sowie der wissenschaftliche Sinn vollständig abhanden gekommen, und es blieb erst Mendelssohn Vorbehalten, beide wieder zu erwecken. Es war eine Nachwirkung der von diesem großen Lehrer der deutschen Juden ausgegangenen fruchtbaren Anregungen, dass im Jahre 1819 in Berlin ein ״Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" entstand, zu dessen Gründern Männer gehörten, die nachmals zu allgemeiner Bedeutung gelangten, wie Eduard Gans, der als Rechtslehrer an der Berliner Universität glänzte, der Kantianer Lazarus Bendavid, der Dichter Heinrich Heine, Leopold Zunz u. A. Doch hat eigentlich nur der Letztgenannte durch seine von Heine noch aus seinem Sterbebette bewunderte Hingebung und Ausdauer, wie durch seine für die jüdische Wissenschaft grundlegend gewordenen Schriften die Zwecke jenes Vereines nachhaltig vertreten und gefördert. Die Uebrigen besaßen zumeist von Haus aus nicht die erforderliche Festigkeit, oder dieses wurde durch die judenfeindliche Strömung, welche den Aufschwung des deutschen Bewusstseins nach den Befreiungskriegen begleitete, ins Schwanken gebracht. Eduard Gans, der an der Spitze des Vereines stand, vergaß, wie Heine bemerkt, die Pflicht des Capitäns, das sinkende Schiff zuletzt zu verlassen, und ließ sich zuerst taufen. Man erzählt davon eine hübsche Anekdote. Er wurde von Paris, wo er sich aufhielt und wo er mit seinem hebräischen Vornamen Elia auch seine Confession abgelegt hatte, eines Tages an das Sterbebett einer nahen, erblindeten Verwandten nach Berlin, berufen. Als man der klugen Frau, die wohl von der erfolgten Umwandlung ge- Hort haben mochte, die Miltheilung machte: ״Elia Gans ist da", erwiderte sie witzig: ״Elia Gans mag da sein, aber ganz Elia ist nicht mehr da." Auch Heine folgte bekanntlich dem Beispiele seines ob seiner Fahnenflucht von ihm geradelten Vordermannes, was man als einen Beweis dafür ansehen mag, wie wenig diese Männer an eine geistige und politische Auferstehung der jüdischen Gemeinschaft glaubten, ' was aber auch geeignet war, den nach Bildung und Freiheit sich sehnenden Juden eher Lauheit gegen ihr Bekenntnis einzuflößen, als sie dafür zu erwärmen. Unter den Einwirkungen dieser Vorgänge entstand die ״Geschichte der Israeliten" von Jost (in neun Theilen, 1820 bis 1828), und es lassen sich auch die Spuren davon nicht darin verkennen. Sie wird als erster Versuch dieser Art immer ihren geschichtlichen Werth beanspruchen dürfen, aber abgesehen von der unzulänglichen Quellenkenntnis, die sich darin kundgibt, zeigt der Verfasser sich selbst von seinem Gegenstand wenig erbaut, ja er befleißigt sich einer fast bis zur Preisgebung des eigenen Bekenntnißes gesteigerten Objectivität, die ihm denn auch gelegentlich der Besprechung eines seine Geschichte ergänzenden Werkes von einem christlichen Recensenten die Mahnung zuzog: ״Beugt man sich denn so wie Jost vor dem welthistorischen Erfolge, so sollte man auch keinen Anstand nehmen, sich taufen zu lassen." Damit war die Jost'sche Geschichtsschreibung ganz richtig beurtheilt, aber auch verurtheilt. Sie konnte weder jüdischen noch christlichen Lesern Befriedigung gewähren. (Schluss folgt.) Kieme Chronik. Wien. Der Vorstand der türkischen Israeliten - Gemeinde in Wien hat bereits vor einigen Monaten die Creirung einer Anstalt zur Heranbildung von Cantoren nach sephardischem Ritus beschlossen und zum Leiter und Lehrer an derselben ihren Obercantor, Herrn Jacob Bauer, bestellt. Nunmehr ist auch von der hohen k. k. Statthalterei die Concessionirung dieser Anstalt erfolgt. Der Unterricht beginnt am 1. November II., Novaragasse 27 (türkisch - sephardische Schule.) Bemerkt sei hier noch, dass mehrere Schüler des Obercantor Bauer, die derselbe früher privat ausgebildet hat, als Cantoren in den betreffenden Gemeinden mit bestem Erfolge wirken. Wien, 20. October. Die.Herbstsession im Parlament lässt sich für die Antisemiten recht übel an. Nach der vor- Nun ereignete sich, dass zu Ende des Schuljahres ein Lehrer vom Obmann der Prüfungs-Commission, deren Mitglied trotz schwacher Kenntniße im Schreiben und Lesen, auch Herr Mengius war, dass also ein Lehrer mit den Worten gelobt wurde: ״Pädagogisch-didaktisch heißt das Kleinod, das der Herr Lehrer so gut zu hüten versteht." Kaum war das Wort gefallen, als Herr Mengius wüthend ausrief: ״Für's erste bin ich der Hüter, sür's zweite sagt man nicht Pädagogisch-didaktisch, sondern gogmegogisch-didaktisch, sür's dritte empfehle ich mich." Der gereizte Herr gieng hinaus und wurde schwarz wie ein Pavian u. s. w." Jehud. ״Jetzt bin ich zu Hause. Es müssten also ganz neue Lehrbücher angeschafft und Religion und Naturgeschichte in einer Hand vereinigt werden." Marph. ״Wenn Herr Inspektor auf der Durchführung der Marcipan und Seelenwanderungs-Reform bestehen, so dürften die Concursausschreibungen der kleinen Gemeinden mit cumulirten Functionen sehr interessant werden. Etwa so. Concurs: Für die Gemeinde N. wird ein — mit Rücksicht auf den Chanukalichtel-Bedarf der Lebzelterei, oder wenigstens der Marcipanbereitung kundiger, zum Unterrichte aus hebräischer Religion und Naturgeschichte sammt Seelenwanderungs-Skala fähiger, das Gemeinde-Secretariat und die Schächrerei, sowie .dks Hineinschauen in die Vorder- und .... theile besorgender, die Matrik und das Beten auf dem Friedhofe für die Parteien vertretender Functionär gesucht." Jehud. ״Die Sache hätte aber auch ihre gute Seite, da, je nachdem in den einzelnen Gemeinden das eine oder das andere Bedürfnis fühlbarer würde, eine ganze Reihe von Exiftenzen, als da sind: Lebzelter, Hebräer, Theologen, Natur- Historiker, Psychologen, Schreiber, Schächter und Todtenbeschauer Anstellungen fänden, wobei natürlich das Hauptbedürfnis in Betracht gezogen, und rücksichtlich der Nebensunctionen eine mildere Auffassung platzgreifen würde. Jedenfalls bitte ich Sie, Herr Marpharius, bei den Schulleitungen Anfragen zu machen, rücksichtlich der Stellungsnahme zu dieser Sache." Marph. ״Die alten Kräfte werden jedenfalls dafür feig. Denn ursprünglich darauf vorbereitet, Ghetto-Lehrer zu werden, haben diese Herren mit der Geburt der Neuschule die egyptische Seelenwanderung in aufsteigender Linie mitgemacht; die jüngeren Kräfte werden kaum dafür sein." ״Jehud. In Folge dieser Bedenken erneuere ich meine Bitte und bin gezwungen die Jnspection auszuschieben. Ich muß den Herrn Selim Nazdary persönlich sprechen und mit dem nächsten Zuge fahre ich nach ׳Arabien, von wo aus Sre den Doctor-Hut und ein neues Augenglas erhalten sollen." Marph. ״Meinen Kniefall!" Jehud. ״Leben Sie wohl." III. Motto: Dom Kopfe zum Herzen ist der Weg der Satyre. Unser Held Jehudalem bestieg das Dampfross und fort gieng es im hurtigen Laufe nach dem Lande, dem in der Regel die Welteroberer auszuweichen pflegen — nach Arabien. Wir überlassen es der Phantasie des Lesers, die Reise mit allen ihren Zufälligkeiten, mit allen Tantalus-Qualen der Warte-