Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 27 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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der Erscheinungen in Politik und Religion zu verstehen, sowie die Geschichte der jüdischen Theorie und Praxis in die politischjüdische Geschichte, letztere aber wieder in die allgemeine. Weltgeschichte zeitlich und geographisch einzutheilen. Heinrich Grätz *). Am 7. September d. I. verschied als Vierundsiebzigjähriger in München, wo er zum Besuche seines Sohnes weilte, der bekannte Historiker, dessen Name diesen .Zeilen vorgesetzt ist und dessen zwölfbändige ״Geschichte der Juden", die in dritter Austage erschienen und in mehrere Sprachen übertragen ist, ein unvergängliches Denkmal deutschen Forscherfleißes bildet. An der Stätte seiner langjährigen THLügkeit, in Breslau, widmeten der Rector und Senat der Universität, die philosophische Facultät und das jüdisch-theologische Seminar dem Hingeschiedenen ehrende Nachrufe, welche ihm als Gelehrten und Lehrer die verdiente Anerkennung zollen. Er .hat sie sich schwer genug errungen. Wie im vorigen Jahrhundert Mendelssohn nur mühselig, unter der Last der mit seiner Confession verknüpften Schwierigkeiten die Hohen der Bildung erklimmen konnte, so wurde es auch noch in den ersten Jahrzehnten des gegenwärtigen dem strebsamen jungen Manne jüdischen Glaubens nicht leicht, die Wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und auf derselben vorwärts zu kommen. Eiu nicht gewöhnlicher Idealismus musste ihm^Muth und Ausdauer verleihen, um ihn in den Stand zu setzen, ohne Aussicht auf eine künftige Versorgung von staatswegen, unter Entbehrungen und Widerwärtigkeiten aller Art sich auch nur die Zulassung zu den Stätten der Bildung zu erkämpfen und alsdann die Wissenschaft lediglich um ihrer selbst willen zu betreten. Von diesem Idealismus war Grätz in hohem Grade erfüllt. In jugendlichem Alter verließ er seine Vaterstadt Nons in der Provinz Posen, wo er eine trübselige Kindheit verlebt hatte, und begab sich auf die Wanderschaft, um in Oldenburg *) Von Dr. M Güdemann. S. 91״. fr. Presse" vom 20. October!591. das Gymnasium, in Breslau die Universität zu besuchen, : und. fristete dann sein Dasein in kümmerlichen Stellungen an verschiedenen Orten, zum Theil auch in Oesterreich, bis er endlich im Jahre 1854 an das damals in Breslau errichtete jüdischtheologische Seminar berufen wurde. In dieser nur mäßig besoldeten Stellung, welche dadurch nicht materiell verbessert wurde,׳ dass ihn die preußische Regierung ״ehrenhalber" zum - Professor an der Universität ernannte, hat Grätz die ״Geschichte der Juden", die er schon zuvor begonnen hatte, als sein eigentliches Lebenswerk, zuzleich ein wirkliches 8tanäarä rvork, fortgeführt und vollendet. Um diese Leistung nach Verdienst zu würdigen, muß man bis an den Anfang unseres Jahrhunderts zurückgehen und sich einerseits den Standpunkt vergegenwärtigen, der bis dahin bei den-׳ christlichen Historikern für die Behandlung der Geschichte der Juden maßgebend gewesen war, wie andererseits die Bildnngsverhältniße, in welchen sich die damaligen Juden befanden. Die Juden besaßen, obgleich sie die älteste Geschichte haben, bis in das gegenwärtige Jahrhundert eigentlich gar keine.' Für die christliche Geschichtschreibung kam nur das Volk Israel in Betracht, und jenseits der Grenzen der biblischen Berichte, des Josephus und einiger griechischer und' lateinischer Autoren, die von den Juden erzählten, gab es für sie keine jüdische Geschichte. Der große achtzehnhundertjährige Zeitraum der Diaspora, in welchem die Juden zwar zumeist gelitten, aber auch, wie man heute weiß, als Vermittler zwischen der Wissenschaft des Orients und Occidents und nach anderen Richtungen sich Verdienste errungen haben, fand keine oder, wie bei dem Franzosen Basnage, eine kümmerliche, ״theils", um mit Grütze zu reden, ״Mitleid, theils Verachtung" erweckende Darstellung. Denn die ebenso umfangwie aufschlußreiche jüdische Litteratur, welche den Zeitraum der Diaspora ausfüllt und welche theils in hebräischer, theils in arabischer Sprache abgefafst ist, blieb den Christen wegen der Schwierigkeit dieser Idiome zumeist verschlossen, und wenn es auch unter ihnen feit dem Refor- Jehudalem. Aus dem Tagebuche des ewigen Juden. Von Samuel Jellinek (Ung.-Brod). (Fortsetzung). In der Instruction heißt es z. B. N. N. Nr.... in der Jugend nicht ganz correct, später Frömmler und wohlthätig, um damit zu prunken, unter vier Augen zu Manchem fähig. Auf dem Grabsteine desselben N. N. prangt es goldfarbig: Nie verließ er den Pfad der Tugend!" Sie ziert' ihn schon in früher Jugend, Fromm war sein Sinn, Alles gab er hin re." Der betreffende Commissarius schüttelt den Kopf und weiß sich nicht zu rathen, endlich fürchtet er doch die Rüge und — lässt ihn liegen. So dürste es den meisten dieser Herren und Damen ergehen, deren Grabsteine zu viel Lob verkünden." Marpharius: ״Selbst um diesen Preis wird sich die Pietät keine Schranken setzen lassen." Jehudalem: ״Da muß ich also bei der nächsten Conferenz im Himmel den Antrag auf Wiedereinführung der egyptischen SeelenwanderNng stellen". Marpharius : ״Selbstverständliche wenn die Leiter der Volksschule damit einverstanden sind. Bei der großen Wachsamfeit dieser Herren, dass Las pädagogisch-didaktische Moment nicht gefährdet würde, dürfte deren Stimme in dieser Frage Wr in's Gewicht fallen." Jehudalem: ״Der Zusammenhang dieser rein, himmlischen Frage mit der VoÜsschule ist mir rein unbegreiflich." Marpharius: ״Ich bin in der angenehmen Lage, Aufklärung zu geben." Jehudalem: ״Meine Neugierde muß darum bitten." Marpharius: ״Ich habe die Ehre correspondirendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Mekka zu sein. Herr Selim Nazdary, R.6otor magnitieus der dortigen Universität, hat mich dieser Tage mit einem interessanten wissenschaftlichen Funde beglückt. Er ist nämlich im Besitze eines egyptischen, leider beschädigten Papyrus, der, wenn auch lückenhafte aber äußerst überraschende Aufklärungen über die Art und Weise gibt, wie die Naturgeschichte an der Volksschule der Aegypter gelehrt wurde. Entsprechend der Anschauung von der ägyptischen Seelenwanderüng wird jedes Thier zunächst als solches beschrieben, dann dessen entwickelungsfähigste Naturanlagen in einer beigefügten Skala anschaulich gemacht. Diese Skala zeigt uns den Weg der wandernden Seele aufwärts und abwärts, wobei natürlich der menschliche Beruf die Hauptrolle spielt z. B. Spinne, L-korpion, Diplomat mit der Steigung nach dem Tode mit gutem Erfolge: Schutzgeist, oder mit der Degradirung für schlechte Erfolge: — — Esel. Beigefügte Legenden, zumeist auf den religiösen Effect berechnet, machen die Sache von Fall zu Fall dem gläubigen Kinde anschaulicher. So liest man im Kapitel: Hausthiere, Ziegenbock., Skala: Bockkäfer, Ziegenbock, Schneider, Volksschul — Prüfungs-Commissär und nach dem Tode aufwärts: Custos, abwärts: Pavian. Legende: Gogmegog, König von Baschan, ließ sich von einem kunstfertigen Tischler, Namens Didak, einen Tisch machen, der automatisch Speisen und Getränke den Hosgästen credenzte und nach aufgehobener Mahlzeit als Nähmaschine Dienste leistete. Ramses IT. kaufte diesen Tisch und bestellte als Wächter dieses Kleinodes einen gewissen Mengius, der als Schneider einen Ziegenbock im Wappen führte und den Titel erhielt: ״Gogmegog-Didak-Tisch-Hüter."