Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 27 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 als bei anderen Nationen^ trotzdem sie viel höher gebaut sind. Man vergesse nicht, dass eben auch alle unsere Privathäuser viel höher gebaut waren, als die anderer Völker, weshalb die Nächbarthürme weniger hoch erscheinen. Die erhabensten Gestalten der Welt waren Juden, und wenn auch viele von ihnen nicht mehr diesen Namen führen, so waren sie doch Juden. Aber sie wirkten inmitten eines Volkes, welches durchgehend von beispiellos gebildeten Herzen war. Der Bauer in Palästina zur Zeit des zweiten Tempels war beschränkt und fanatisch, aber ein zärtlicher Gatte und noch zärtlicherer Vater. Das Nachahmen der katholischen Methode des Religions- Unterrichtes scheint mir nicht zweckdienlich. Der Katholicismus allegorisirt die Gruppen des alten Testaments für die Zwecke des neuen, behandelt alles, was hiezu nicht taugt, nebensächlich, und ertheilt gebundene Marschroute denjenigen, die an der Quelle trinken wollen. Er erscheint als eine Heilanstalt, wo die Aerzte allein und ausschließlich an der Quelle sitzen und dem Leidenden die Quellen, die Becher, Form und Anzahl derselben, ja sogar die Richtung der Promenade vorschreiben und jeden für unrettbar verloren erklären, der sich den Becher an der Quelle selbst füllt, anstatt ihn aus ihrer Hand zu empfangen. Anders das Judenthnm. Das Judenthum zeigt den lebendigen Quell, Jedermann zugänglich, in seiner natürlichen Entwicklung, der zum Bache, ja zum Flusse wird, dessen Wasser, je nachdem es neuen Boden betritt, neue Stoffe auslöst und mit sich führt, ohne den Charakter der ewigen Heilkraft und Unversiegbarkeit jit־ verlieren. Das Judenthum verabreiche so viele religiöshygienische Vorbereitung, dass nahezu jeder sein eigener Arzt werden könnte. Dazu kommt noch, dass heute das Schwergewicht der Be- Ziehungen in der Cultnsgemeinde liegt und dass — zumal auf dem Lande — häufig eine Disharmonie zwischen dem Religionslehrer und dem ihm, nach neueren Gesetzen, in vielen Stücken, mit der Rechtsfülle eines Bischofs vorstehenden Cultusvorstande besteht, deren Grund zumeist in der mangelhaften einschlägigen Bildung des letzteren zu suchen ist. Man denke sich einen Bischof, der in kanonischen Dingen weit weniger weiß als der ihm unterstehende Pfarrer. Welche Mißverständniße müssen da entstehen! Dem kann nur vorgebeugt werden, wenn unsere Kinder, von denen jedes den Marschallsstab im Tornister trägt, d. h.יי Bischof im angedeuteten Sinne werden kann, den Religions- Unterricht auf gründlicher, geschichtlicher Basis erhalten und : nicht auf feuilletonistischer, hie wohl .für den Augenblick dem Kinde zusagt, im Ganzen aber wenig bleibende Spuren hinterlässt. Wenn der Cultusvorstand die Entwickelung des jüdisch-, religiösen Lebens bis zur heutigen Gestaltung auf geschichtlicher : Basis kennt, so wird er in vielen, vom Seelsorger angeregten Neuerungen nicht Neuerungen, sondern vielmehr Reactionen zu Gunsten des früheren viel vernünftigeren Zustandes, z. B. aus der Zeit des zweiten'Tempels erblicken und nicht oppo-, nieren.- Viele Fragen, deren Lösung ׳noch Schwierigkeiten bereitet, müssen brach liegen, weil'dem Volke der geschichtliche ' Vorbegriff fehlt. Aus diesen Ausführungen erhellt,' d a s s. iTej Ignoranz der ge sch ich t l i chen Entwi'.ck el-yngl die Quelle der Ue-bel und des Z w i efp alt“eS: ist, d e r t m j ü d i s che n La g e r herrscht. י •!!! Und wenn es nur ein Zwiespalt wäre!' Es gibt in der! deutschen,'SprHtz .keinen/IüMuck,.' der diesen Spalt, rück- .sichtlich der Anzahl -seiner; Riffe^ Hüfte und BerstuygeNj-׳:genau1 bezeichnen könnte. Denn so viel, ist gewiss: heute gibt es so viele jüdische Systeme, als es Juden gibt. Man wird auch zugeben, dass die bislang vermisste Einheitlichkeit des Religions-Unterrichtes nur auf geschichtlicher Basis zu erzielen ist und nicht aus feuillet ׳.istischer. Denn die Geschichte ist das einfache, das Feuilleton da vielfache. Ersterer gebührt der Platz in der Schule, letzterem auf der Kanzel. Dazu kommt noch, dass heute jeder Unterricht in gewissem Maße ein concentrirter ist, so dass der Religionslehrer, was Bildung der jungen Herzen anbelangt, von allen Collegen der anderen Lehrfächer ebenso unterstützt wird, wie er sie in ihren Disciplinen unterstützen muß. Spricht er z. B. vom Nil, so erwähnt er sofort seine Eigenthümlichkeiten und unterstützt den Lehrer in der Geographie. Dagegen bezweckt jedes Lesestück, sei es in welcher Sprache immer, außer seiner Haupttendenz, zugleich auch die Bildung des Herzens, und wird von dem betreffenden Lehrer in dieser Weise gehandhabt. Hiemit lässt sich leicht der Rahmen zeichnen, der Ziel, Umfang und Mittel des jüdischen Religions-Unterrichtes umfassen soll: Die Geschichte des Judenthums und der Judenschuft als Kern, um den zur Bildung des Geistes und Herzens die religiösen Anschauungen und Gebräuche, sowie die rituellen Gewohnheiten und selbstverständlich die einschlägigen Pflichten innig zu concentriren sind. Mit Ausnahme der heiligen zehn Gebote, die füglich als ungetrenntes Ganzes zu memoriren sind, hat es keine zusammenhängende Pflichtentehre für den Schulzweck zu geben, sondern die Pflichten müssen dem Kinde als geschichtlich begründete Anforderungen, als lebende Ausflüsse des bezüglichen geschichtlichen Actes von Fall zu Fall gelegentlich beigebracht werden. Denn das leblose, unorganische, nicht durch innere Lebenskraft zusammenhängende, sondern durch äußere Aneinanderreihung zusammengehäufelte Materiale entgeht dem Kinde auf feiner Fahrt durch das Leben wieder bald, während ihn die Eindrücke, die der lebende Strom und die züngelnde Flamme zurückgelafseu haben, durch das ganze Leben begleiten. Sehr zu empfehlen ist die Besprechung der religiösen Gedenktage, die den Unterrichtsstunden am nächsten liegen, und zwar in kalendermäßiger Folge, zumal der Beginn des Schuljahres mit dem jüdisch-politischen Neujahre zusammenfällt, und die Besprechung des gegenwärtigen Tages, weil anschaulicher, dem Kinde einen unverlöschbaren Eindruck hinterlässt. Der Vortrag sondert sich daher in zwei Theile: in die Besprechung des nächsten religiösen Gedenktages und in die Ertheilung des concentrirten Geschichtsunterrichtes. Dass die Zöglinge hiebei wenig zu memoriren haben, ergibt sich aus der Natur der Sache, ja das Lehrbuch ist geradezu für die Kinder überflüssig. Denn da gibt es kein trockenes Aufzählen von Erstens, Zweitens, Drittens u. s. w., sondern es wird ihnen jedes Gebot als schwimmendes Object auf dem lebenden Strome der Geschichte vorgeführt, Ufer und Landschaft gezeichnet und zum ewigen Gedächtniße der jugendlichen Empfänglichkeit eingeprägt. Schreiber dieser Zeilen hat an einer Bürgerschule' auf dem Lande gewirkt und. mit den . angedeuteten Mitteln, ohne jedes. Buch, günstige Resultate erzielt, die sich kurz mit den Worten zusammenfafseu taffen: Jeder Abiturient der Bürgerschule ist in der Lage, nicht nur über jeden religiösen Gedenktag, jede rituelle Handlung, jede religiöse Anschauung rücksicht- 'lich des geschichtlichen Ursprunges der Bedeutung u. s. w. Aufßlärung-zu::geben,-- sondern auch den historischen! Causalnexus