Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 27 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — ihnen tröstend zu, ״Gott der Herr verleiht blos seinem Volke die Thora, eine Lehre, die ״Sieg" genannt wird,׳ die unter allen Umstandenzu allen Zeiten siegen wird, siegen muß, und zwar durch die ewigen Wahrheiten, die sie enthält, wie durch die unvergleichlich schönen Vorschriften der Humanität, der Nächstenliebe und Menschen-Verbrüderung. Und weil die Thora die eigentliche Lebenskraft des Judenthums bildet, deshalb ist ^auch jene Institution, die der ׳Förderung und Verbreitung der Kenntnis der Thora gewidmet . ist, so alt als das Judenthum. Unter allen religiösen Anstalten und Humanitären Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, -das geistige und leibliche Heil und Wohl der Menschen nach jüier Richtung hin zu befördern, gebührt nach der Anschauung; unserer Weisen der Stätte der Thora der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen alle anderen Anstalten, weil durch die 'Kenntnis der Religion einerseits das Herz der Jugend wie das der Erwachsenen veredelt, das Gemüth angeregt und für das Große und Erhiwene begeistert und empfänglich gemacht wird und andererseits die Bekenner des Judenthums in den Besitz geisüger Waffen und Mittel gelangen, den Antisemitismus, -dieses grauenhafte, entsetzenerregende, giftverbreitende, die niedrigsten Leidenschaften wachrufende Ungethüm zu bekämpfen, die hämischen Behauptungen, boshaften Vorwürfe und lügenhaften Verleumdungen der sich ostentativ nennenden Antisemiten gründlich zu widerlegen. Es ist daher die erste und heiligste Pflicht einer jeden Gemeinde Israels, dafür zu sorgen, dass in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in der die Jugend, wie die Erwachsenen mü den Grundlehren des Judenthums, mit der'Ethik der Religion vertraut gemacht werden. Ein jeder Jude, gleichviel ob reich oder arm, muß gleichsam das Bedürfnis fühlen, einer solchen Gemeinde als opferwilliges Mitglied anzugehören, die in erster Linie dafür sorgt, dass die Kenntnis der Thora durch einen würdigen, kenntnisreichen, berufsthätigen Lehrer, durch einen Mann, der das Judenthum nach Außen würdevoll zu repräsentiren und im Innern der Gemeinde eine segensreiche Thätigkeit zu entwickeln im Stande ist, gefördert und verbreitet wird, die dafür sorgt, dass das heilige Amt eines Seelsorgers von einem ehrenwerthen, edlen Lehrer bekleidet^ wird, der im Sinne und im Geiste des unsterblichen Lehrers Moses, seines Amtes waltet. Ich sage im Geiste des unsterblichen Lehrers Moses, denn Moses war es ja, der, bevor er den Schauplatz seiner langjährigen, überaus segensreichen Thätigkeit und Wirksamkeit verlaffen sollte, in einem inbrünstigen Gebete die Pflichten eines Religionslehrers, wie die Tugenden und Eigenschaften, die ihn schmücken sollten, bildlich gezeichnet und charakterisirt hatte. ״Gott, der Herr aller Geister, alles Fleisches, möge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen", einen Mann, der sich Lurch Charakterfestigkeit, Seelengröße, Biedersinn, gründliche Gelehrsamkeit und gediegene Fachkenntnis, durch Scharfsinn und Lebensklugheit auszeichnet, damit er vor Allem die 'Gemeinde nach Außen würdevoll repräsentire und ihren Ruhm und Glanz, ihre Ehre und Würde erhöhe; denn jede Gemeinde, gleichviel ob groß oder klein, wird nicht nach den einzelnen Mitgliedern derselben, sondern nach jenen Persönlichkeiten beürtheilt und gewürdigt, die sie vertreten und repräsentiren, leiten und führen, unterrichten und unterweisen. Sind die Lehrer, Vertreter und Führer, die an der Spitze der Gemeinde stehen, ehrenwerthe Persönlichkeiten, Männer von Ruf, so gewinnt auch die Gemeinde an Ansehen und Achtung. Werden aber die wichtigsten und heiligsten Aemter der Gemeinde von Männern zweifelhaften Charakters und ünbedeutenden Wissens bekleidet, so wird auch die Gemeinde selbst in ein schiefes Licht gesetzt und verliert an Achtung und Ansehen. ״Nicht der Ort ist es. der den Mann verherrlicht und seinen Ruf verbreitet", sagen unsere Weisen (Taanit 21), ״sondern der Mann, wenn er eine hervorragende, verdienstvolle, achtunggebietende Pesönlichkeit ist, ziert und schmückt, ehrt und verherrlicht den Ort seines Aufenthaltes, die Stätte seines Wirkungskreises." In Bezug auf das Wort des Propheten Jeremias (1.6) ״Zion wurde seines Schmuckes entkleidet", bemerkt der Midrasch, das sind die Männer der Weisheit, die Träger der Gotteslehre, die Förderer der Wissenschaft und der Religiosität. (Fortsetzung folgt.) Der jüdische Religionsunterricht an der Neuschule. •'.י ׳11 (Schluss.) Ist aber nach den bisherigen Ausführungen ein nicht geringer Grad von Intelligenz nothwendig, damit das Judenthum seine wahre, Luft und Licht und Freiheit ausathmenhe Honststenz wiedergewinne, so ist auch der Rahmen leicht zu'zeichnen, der Ziel, Umfang und Mittel des jüdischen Religionsunterrichtes umfassen soll. Wir wollen aufrichtig sein und keineswegs Religiösität mit Religion verwechseln. Denn es handelt sich hier nicht um die Religion des Humanismus, sondern um die des Juden. Hier gilt vor Allem der Satz: Kenne dich selbst! Wollen wir aus unseren Kindern Juden haben, so müssen sie wissen, wer sie sind, wer ihr Vater, ihr Großvater m s. w. war, ja noch mehr, sie müssen auch wissen, wem aus der Familie sie am ähnlichsten sind, und wann, wo und wie dieser ähnlichste gelebt hat. Nur ein gründliches Eingehen in die Geschichte des Judenthums kann sie der jüdischen Gesellschaft erhalten. In dem vagen Religionsunterricht, der ihnen die Menschen der Vergangenheit vorführt, nicht, wie sie waren, sondern wie sie hätten sein sollen oder können, liegt eine große Gefahr. Mit dem Tage, an dem der Jüngling die Augen öffnet und die Schmeichelei zu Gunsten eines unschönen Bildes erkennt, wirft er — voreilig wie die Jugend ist — die getreuen Abbildungen sammt den geschmeichelten über Bord und verurtheilt den Lehrer der Jetztzeit und Vorzeit. Dasselbe gilt von allen rituellen Functionen. Versäumt es der Religionslehrer, das Kind auf den Bimetallismus der Bibel- und Talmud-Währung aufmerksam zu machen, so wandert der zehnte Tischri in dieselbe (Rumpelkammer, in welche׳ der zehnte Teweth schon von seinem Vater geworfen wurde. Hier gibt's kein Feilschen, kein Markten, kein Beschönigen, jondern unser Panier ist die Wahrheit und unsere Lehrerin die Geschichte. Bei dem heutigen Zuge der Zeit, die auf allen Gebieten volle Wissenschaftlichkeit beansprucht, ist jede Einseitigkeit eine Gefahr, vor der man nicht genug warnen kann. Denjenigen, die da wähnen, die Geschichte sei mehr ein Mittel zur Bildung des Geistes als des Herzens, möge es zur Beruhigung dienen, die Geschichte der Juden berge des Heroismus so viel, dass es kaum ein besseres Erziehungsmittel gibt, um edle Charaktere heranzubildcn. Denn nur scheinbar überragen unsere Historischen Thürme ihre Nachbarhäuser weniger