Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 27 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Oexrtrsil-Org-sin. Pränumerations-Preis. Kür ganforeu und ßuttusSeamte . in Hesterreich-Ztngarn Ganzjäbrig - : . . . fl. 4 — Halbjährig . . . . . fl. 2.— Kür ßantoren und ßnklnsveamte im Anstand Ganzjährig.8 Mark . . oder 4 Rubel- . Kür privat« und Institute Ganzjährig.fl. 6.— für die Interessen der Cantoren und Cultusbeamien. Erscheint jeden zehnten Tag. - - Begründer: Obercantor Jacob Lauer. HLedaction und Administration : H. NovaraA^^?^27. ^Inserate werdest: billigst? bkrOnet- - Manuskripte werben nicht retournirt. Abonnements- und Jnsertiousbe» trage sind in Men zahlbar. Nr. 27 Vien, 23- Oktober 1891. 11. Lahrgang. Die Säulen -es ist. Religionsgedäudes. Dr. M. H. Frredländer, Bez.-Rabbmer in Pifek. Nicht nur in alter, sondern auch in neuer und neuester Zeit bildete die sogenannte ״Judenfrage", die Frage, woher es ,.wohl, kommen mag, dass Israel, dieses kleinste aller Völker, trotz grausamer Verfolgungen uud Bedrückungen, denen es so- . wohl im Alterthnme als im Mittelalter. preisgegeben war, heute noch aufrecht unter den Völkern dasteht,, ungebeugt und ungebrochen, während so viele Völkerschaften, die. sich vor Jahr- "tausenden der schönsten Blüthe erfreuten, längst spurlosaus der Geschichte geschwunden, den Gegenstand öffentlicher Besprechungen und Erörterungen. Allein jeder Kenner der heiligen .Schrift weiß, dass diese Frage bereits vor Jahrtausenden ihre Lösung in der Bibel gesunden. ״Auch dann", so lautet das göttliche Wort, ״wenn Israel in dem Lande seiner Feinde wohnen, wird, werde ich es nicht verschmähen, nicht der völligen Vernichtung preisgeben lassen rc., denn ich bleibe der Ewige, sein .Gott." (3. M. 26, 44.) Ist nun diese göttliche Ver- . heißung nicht in Erfüllung gegangen? Steht nicht heute noch das schöne prachtvolle Religionsgebäude, das der unsterbliche Lehrer Moses mit der göttlichen . Hilfe aufgesührt, felsenfest, unerschütterlich da? ״Die Thora, die Moses uns geboten, ist ein'ewiges, unverwüstliches Erbgut der Gemeinden. Jakobs." Welches aber sind die Säulendie Trag- und Stützpfeiler, auf welchen dieses herrliche, monumentale Gebäude, das den Stürmen aller Zeiten zu trotzen vermochte, beruht? Diese Frage zu . erörtern, soll die Aufgabe der nachfolgenden Zeilen sein, anknüpfend .an.die Worte unserer Weisen: Auf drei. Dingen ruht die Welt: auf der Gotteslehre, . dem Gottesdienste und auf den W erken der Wohlthätigkeit. (Abot 1, 2.) I. Are Gotteslehre. Das Wort ״Thora" heißt Lehre, Wissenschaft, Bildung, Aufklärung. Das Judenthum ist eine Religion der Wissenschaft, der Bildung und der Aufklärung, eine Religion, die jede Unbildung, jeden Fanatismus und blinden Glauben, der nur zum Unglauben, zur Skepsis .führt, en.tschieden verpönt. Als der König David die Regierung seinem Sohne Salomo übergab, rief er ihm zu: Und du, mein Sohn Salomo, erkenne vorerst den Gott deines Vaters, dann diene ihm mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Da es elohe ovicha weowdehu. Auch das Judenthum ruft jedem seiner Bekenner zu: vorerst erkenne die Größe Gottes, denke nach und forsche nach, dringe ein in den Geist der Thora und du wirst die Ueberzeugung gewinnen, dass die Welt nicht von selbst entstanden, dass sie nicht dem launenhaften Spiele eines regellosen Schicksals preisgegeben, dass kein Zufall, kein blindes Zusammentreffen, keine Revolution der Naturkräfte die Ursache dieses prachtvollen imposanten Weltgebaudes sei, sondern dass es einen einig-einzigen Gott gibt, der dieses Weltall nicht nur ins Leben gerufen, sondern es auch in und mit Liebe erhält, einen einig-einzigen Gott, dessen Allmacht und Allgüte in allem und jedem in der Natur — im Mop, wie in der Ceder, in dem Sandkörnchen, wie in dem Gipfel des höchsten Berges, im Wassertropfen, wie im großen Ocean, im Wurme, der im Staube kriecht, wie in dem hervorragendsten Geschöpfe in der Natur — sich kundgibt, und du wirst ausrufen: ״Ewiger, unser Gott, wie herrlich ist Dein Name auf der ganzen Erde." ״Erkenne den Gott deines Vaters", denke nach, dringe ein in den Geist seiner erhabenen Thora und ihrer herrlichen Lehren, Vorschriften, Satzungen, Principien, Grundsätze und Anschauungen und du wirft die Ueberzeugung gewinnen, dass die Thora allein es ist, der das Judenthum seine unzerstörbare, unverwüstliche Lebenskraft, seine geistige, moralische und physische Lebenskraft zu verdanken habe, weshalb es zu allen Zeilen felsenfest,. unerschütterlich dastand, ohne sich durch Drohungen und Verfolgungen abschrecken, durch Verlockungen und Ver- Leitungen mannigfacher Art verführen zu lassen, den Glauben der Väter abzuschwören; ja du wirft die Ueberzeugung gewinnen, dass die Thora mir Recht 03, Sieg, Macht, Kraft genannt wird. Als Gott der Herr sich am Sinai offenbarte und das Weltall durch die Stimme Gottes erschüttert war, so erzählen unsere Weisen (Mechilta zu Jetro), da geriethen die Fürsten der Erde in Angst. Furcht, Bangen und Grauen bemächtigten sich ihrer und in ihrer verzweifelten Situation eilten sie zitternd zu Bileam, dem heidnischen Propheten, und riefen aus: Wird denn wieder eine neue Sintflut Hereinbrechen und uns alle vernichten? Was ' fallt euch' ein, entgegnete der Prophet der Heiden, Gott, der Herr hat ja schon längst geschworen, dass me wieder Fluten die Welt zugrunde richten sollen, vielleicht aber werden Feuersgluten die Welt verzehren? ״O, fürchtet nicht," rief Bileam