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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-10-11 · Heft 26 (11.10.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 26 (11.10.1891)
Date
1891-10-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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der Welt verkündet, sie getragen durch tausendjährige Mühsal und Kämpfe und wird sie fürder weiter tragen und schützen, bis sie Gemeingut wird für alle Welt. Die .Jugend, als künftiger Träger dieser erhabenen Gottesidee,' muß sich früh schon be-! geistern für dieses Kleinod, als würdige Nachkommen Jakobj Israels, als Kämpfer für Recht, Wahrheit und Liebe, Freiheit j und Menschenverbrüderung.! Die Zahl der Sprüche, die Bezug haben auf alle Gebiete! des menschlichen Berufes, auf Religion, Sitte, auf alle Verj hältniße des häuslichen Lebens, des Umganges in den Kreisen j der bürgerlichen Gesellschaft, der Politik und sozialen Angelegenheiten, wie sie in Talmud, Midraschim und späteren Schriften Vorkommen, sind Legion. Dieser einzige Zweig in der jüdischen Litteratur würde ganze Bände umfassen, wenn er gehörig und vollständig bearbeitet werden sollte. Zwar haben sich ältere und neuere Schriftsteller aus diesem weiten Gebiete jüdischer Wissenschaft versucht, es bleibt aber immerhin nur eine geringe Ausbeute aus den großen, tiefen und weiten Schachten rabbinischer Weisheit. Und so wollen wir es nicht unterlassen, einen Theil auserlesener nachöiblischer Sprüche mit beigefügteu Erörterungen unfern Lesern vorzusühren. Jedoch auf eine systematische Ein-! theilung, was wohl wünschenswerth wäre, können wir uns aus verschiedenen Rücksichten nicht einlassen, dafür aber folgt bei jedem Spruche die Quellenangabe. 1. ״Wer selbst keinen Adel besitzt, dem nützt wohl auch j fremder Adel nichts" (Jalk. z. 2. B. M.) Ein berühmter! Name ohne eigenes Verdienst ist blos eine Null, die nur durch! eine vorstehende Zahl Bedeutung gewinnt. Die'Verdienste der Vorfahren zählen zumeist nur wenig, wenn wir uns darauf berufen, wir müssen auch ihrer würdig erscheinen; denn es gibt auch edle Bäume, die schlechte Früchte tragen. 2. ״Garn su letowa“, auch das führt zum Guten" (Tunis 31). Dieser Spruch rührt von einem Manne her, Namens Nachum, der zu jeder unangenehmen Begegnung und bei jedem ihm zugestoßenem Mißgeschicke sich und Andern tröstend zu sagen pflegte: ״Garn su letowa, auch das führt zum Guten". Er war ein echter Optimist, indem er von dem religiösen Grundsatze ausgieng, alles was uns Gott zuschickt, führt zum Guten. ״Was Gott thut, ist wohlgemeint, wenn es auch Anfangs anders scheint". 3. ״Den Weizen deiner Vaterstadt, so viele Mängel er auch har — zur Aussaat nimm nur ihn allein, und nicht was Fremder bringt herein" — (Rab. z. Chaje Sarah). Das mag wohl in erster Reihe auf Ehebündniße sich beziehen, Landestöchter und erlaubte Verwandtschaftsehen den Fremden vorzuziehen, kann aber auch im Allgemeinen auf vaterländische Erzeugniße Bezug haben, den ausländischen vorzuziehen, was gewöhnlich nicht der Fall ist, besonders bei Modeartikeln. 4. ״Anschauung führt zur Erinnerung, und Erinnern führt zur That" (Sanhedr. 82.) Dieser pädagogische Spruch findet schon einen Anhaltspunkt in der heiligen Schrift: ״TTr'issem, us’chartem, waassisem“ (4. M. 15, 39.) 5. ״Im Vaterlande genügt der Name, im Auslande das Kleid" (Sab. 145.) Wo man einen kennt, genügt der gute Ruf, wo man unbekannt ist, in der Fremde, müssen Anstand und Kleidung dem Unbekannten Eingang verschaflen. 6. ״Wie wohlthätig ist doch die Arbeit, sie erwärmt den, der sich ihr weihet" (Gitin 67.) Sie spornt zu erneuetem Fleiße und nimmerrastender Thätigkeit an. ״Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß, soll das Werk den Meister loben; doch der Segen kommt von oben" (Schiller). 7. ״Kein Thier ist ärmer als der Hund, keines reicher als das Schwein" (Sab. 157). Weil der Hund in der Regel seine Speise erst auswählt, wenn sie noch so mager ist, aber rein muß sie sein; während das Schwein ohne Ausnahme alles frisst. Die Anwendung dieses Spruches ist beim Charakter eines ordentlichen und unordentlichen Menschen leicht herauszusinden. 8. ״Wer durch ein Darlehen Jemandem aus der Verlegenheit hilft, ist großmüthiger und edler, als wenn er Almosen spendet" (Sab. 63.) Almosen hilft nur momentan aus der Noth, durch Marpharius: ״Ich esse keine andere Petersilie als von diesem Boden. Das süße Gewächs erhöht das Sonore der Stimme und verleiht den Ausführungen eines Redners immer einen süßen Beigeschmack." Jehudalem: ״Ich bemerkte allenthalben Fortschritte. Die egyptischen Zwiebeln mussten der milderen Petersilie weichen." Marpharius: ״Milde und Süßigkeit sind unentbehrliche Mittel auf das Volk zu wirken." Jehudalem: ״Nur habe ich das einzige Bedenken, dass die Petersilie im Winter nicht mehr die Frische und Süße hat wie im Sommer. Sollte sich nicht Marzipan besser bewähren, da solcher doch eine constant gleiche Wirkung hervorzubringen geeignet ist." Marpharius: ״Zugegeben —im Grunde genommen sehen gewisse Herren in einem zierlich ausgestatteten Marzipanmann das Ideal eines Seelsorgers, mit Augen, die nicht sehen, mit Ohren, die nicht hören, und mit der einzigen Mission — süßlich zu sein. Aber unsere Homunculusse finden daran Bedenken: ״Natürlichen genügt das Weltall kaum, was künstlich ist, verlangt geschlossenen Raum". Jehudalem: ״Herr Aspirant, Sie zielen nicht indierechte Scheibe. Wenn die Seelsorger eine künstliche Stütze suchen, so trifft das Wort des Homunculns ein. Liberale PriNcipien weisen das Erkünstelte zurück; künstliches Zunft- und Schutzwesen mahnen an profanes Handwerk. Fliege, wer Flügel hat, — wer größere, der fliege höher!" Marpharius: ״Wie mancher würde höher fliegen, wenn er nicht durch das Gewicht eines täppischen Cultusvorsteher behindert würde!" Jehudalem: ״Ein täppischer Cultusvorsteher erlaubt keine Wiederwahl." Marpharius: ״In der That athmet dieser Boden Süßigkeit und Milde, und wenn ich nicht irre, kann man sich hier einen Vorgeschmack vom Messianischen Honig holen; denn der dirigens ehori dieser Synagoge ist zwar kein Jude, aber ohne sein fürsorgendes Ermahnen blieben die Neumonde ohne Hallel-Gebet." Jehudalem: ״Was seh' ich dort? ein Wald von Prachtmonumenten — ist das nicht der jüdische Friedhof?" Marpharius: ״Ihr Auge hat Sie nicht getäuscht." Jehudalem: ״Da müssen wir einmal Rundschau halten. (Gehen beide in den Friedhof.) Welch' reiche Fülle an Prachtsteinen! Aber diese langathmigen Aufschriften, gegen welche ich absolut mein Bedenken aussprechen muß." Marpharias : ״In welcher Richtung, wenn ich fragen darf?" Jehudalem: ״In der Richtung, dass den Verstorbenen oft zuviel geschmeichelt wird und edle Handlungen zugerechner werden, denen sie zumeist fremd standen." Marpharius: ״Immer spricht hier das Zeichen von Pietät und Liebe." Jehudalem : ״Aber die Unordnung bei der Auferstehung. Da bekommt z. B. je ein Seelencommissarius 10—20 Gemeinden, behufs Rückstellung der Seelen an die früheren Besitzer zugewieseu — ähnlich wie bei den üblichen Volkszählungen. Jetzt hat aber dieser Beamte den strengen Auftrag, sich genau an die Instruction zu halten. (Fortsetzung folgt.)

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