Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 26 (11.10.1891)
- Date
- 1891-10-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ein Auge zudrückte, ähnlich, wie es heute die katholische thut? Oder würde eine Jude aus der Zeit des zweiten Tempels, dessen Hallen täglich von andersgläubigen Andächtigen und Opfer-Spendern gefüllt waren, würde er unsere heutige Jsolirtheit auffassen? Würde er nicht ausrufen: Ihr habet den dritten von Moses perhorrescirten Damm wieder aufgerichtet, und zwar aus einem Materiale, das nach Wust und Moder riecht! Moses griff hinein ins volle Leben — ihr ins leere. Er donnerte die zehn Gebote, und ihr donnert altmodische Frisuren und altmodische Manchetten. Er predigte Geschichte und Wahrheit — ihr prediget Feuilleton und Dichtung. Er brachte zehn Plagen über die unwissenden Eghpter, und ihr. plaget zehnfach unwissende Juden. Er wollte Menschen und ihr wollet Mumien. Und als alle Egyptcr in Finsternis geriethen, behauptete er den Juden das Licht, vor dem die Enkel scheu sich zurückziehen. (Schluss folgt.) Das Mgschol- Nach feiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. (Fortsetzung.) XX. (2160t 6. 9.) Heucheln ist ein Laster, wenn man Andern heuchelt, oder gar sich selbst. Es gibt wohl Menschen, welche dieses Laster gegen Andere meiden, an sich selbst aber ausüben. Sie heucheln sich, legen sich Eigenschaften bei, die sie nicht besitzen, Vorzüge, die nicht vorhanden sind, um Andere zu tauschen und Bortheil daraus zu ziehen, sogenannte Schwindler, Großprecher. So erzählt uns Rabbi Jose ben Kisma im obgenannten Werk: Einmal, als iib auf der Reise war und meines Weges zog, begegnete mir ein Mann, der mich grüßte und ich erwiderte seinen Gruß. Da sprach er zu mir: Rabbi, aus welchem Orte bist du? und ich antwortete ihm: Ich bin aus einer großen Stadt, die berühmt ist wegen ihrer Weisen und Schriftgelehrten. Rabbi, sprach er zu mir, möchtest du wohl in unserem Orte wohnen, unser Rabbiner werden, ich gebe dir eine Million Goldstücke, Edelsteine und Perlen; 'ich aber sprach zu ihm: Und wenn du mir alle Schätze der Welt gibst, so werde ich nirgends wohnen, als an einem Orte, wo die Thora heimisch ist." Wie sonderbar, solch eine glänzende Stelle auszuschlagen? Aber. Rabbi Jose ben war ein kluger Mann, er nahm die Sache nicht ernst. Er erkannte in diesem Manne einen Großsprecher, einen Heuchler, der sich selbst wichtig machte, einen Lügner, der mit Schätzen um sich warf, darum gab er ihm auch die ironische. Antwort: Ich wohne nur an einem Orte, wo die Thora heimisch ist, wo religiöses Leben herrscht, aber nicht, wo solche Heuchler und Großsprecher das Wort führen. Dieses Bild im Großen spiegelt sich oft auch im kleinen Maßstabe ab; es gibt auch jugendliche Großsprecher, Heuchler und Lügner, die auf Täuschung ausgehen. Denkt an den Spruch, Lügen vergeht, Wahrheit besteht! (Abot6,10.) ״Fünf Besitzthümer hat sich Gott in seiner Welt besonders angeeignet : Thora, Himmel, Erde, Abraham,Israel, das Heiligthum". Diese fünf Besitzthümer stehen allesammt in Verbindung und sind sämmtlich in dem Besitz der Thora inbegriffen. Die Welt hat Gott nur wegen der Thora erschaffen, ohne Lehre, ohne Gesetz könnte die Welt nicht bestehen. Abraham war der Erste, der Gott erkannte, und seine Nachkommen waren bestimmt, die Träger der erhabenen Gottesidee zu sein, und das Heiligthum war als Wohnstätte der Thora bestimmt, so ist die Thora der Mittelpunkt, in der sich alles bewegt. Die heilige Lehre Gottes, wie sie uns die Thora mittheilt, ist das erste Buch, worin die höchste Religions- und Sittenlehre der Menschheit enthalten und das letzte unübertreffliche auch. Wie der Schöpfer die Ordnung in der sichtbaren Welt nicht ändert, weil sie mit seiner Allwissenheit geplant ist, so ist auch die geoffenbarte Lehre unveränderlich, welche er kundgethau in seinem Vorgänge sondergleichen durch seinen treuen Diener Moses. Wie Gott selbst höchst vollkommen ist, so geht Vollkommenes nur von ihm aus, und sein Wort ist ewig, wie er selbst. Israel aber hat die ewige Wahrheit empfangen, sie Jehu-alem. Aus dem Tagebuche des ewigen Juden. Von Samuel Jellinek (Ung.-Brod). (Fortsetzung). ,,Verzeihe das offene Wort Deinen Empfohlenen! Ziehe aus der fallenden Hütte und besteige den ragenden Thurm David's. Vertausche die silberne Zier Deiner Karte: ״Jehudalem, General Jnspectorsämmtlicherjüdischer Geistesbahnen mit dem goldenen Schmucke: ״Julian von Äternheim General-Jnspector sämmtlicher ^) Älisch Capitolnischer Geistesbahnen." Fort mit dem Beiworte ״jüdischer", das weder dem Austandsgefühle noch dem Geiste der Zeit zusagt! Herr verkünde uns willfahrendes Vertrauen!" * Jehudalem: ..Gestattet mir, mit kleinen Unterschieden, Mephistos Worte — sie bringen Frieden: Mangelte Vertrauen, Wo die Weisheit unweigerlich gebeugt, bereite Macht Feindseliges zerstreut, : wo guter Wille, kräftig durch Verstand, -und Thätigkeit, vielfältige zur Hand? Was könnte da zum Unheil sich, vereinen. Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?" Marpharius: ״Auch bitte ich zu erwägen: Dein neuer Namenstag fällt auf den Tag des Herrn Julian Apostata, welch herrliche Gelegenheit, sämmtliche Apostaten Mährens zur gemeinsamen Feier zu laden, welch strahlender Effect! Und sie kommen dann schaarenweise die Söhne Israels und feiern mit, 0 Mia Capitolinä, von Hadrian an der Stelle des zerstörten Jerusalem erbaut. und trinken Bier und essen Schwei — (hustet) Schwei — (hustet wieder) Schweizerkäse und würzen ihre Gespräche und Toaste mit Salaminischer Weisheit und jeder geht nach dem Feste befriedigt nach Hause und sagt auf dem Heimwege zu seiner Frau : Unserem Jehudalem zuliebe hätte ich die 80 Kreuzer Entree nicht geopfert, aber den Herrn Apostaten muß man schon ein Opfer bringen." Jehudalem : ״So nehmet sie denn hin die 54 mitgebrachten Karten und umschreibt sie nach Eurem Gutdünken." Marpharius (die Karten vertheilend): ״Gebet nur fein acht, dass die Karten ״Jehudalem" und ״jüdischer" gehörig ausgemerzt werden." Jehudalem: ״So, meine Herren, entbietet zu Hause jerusalemische Grüße! Doch zur Sache. Lange, lange Zeit sah ich Nicht das liebe Mähren. Ist in der Umgangssprache eine Aenderung eingetreten?" Marpharius : ״Das weniger. Das Deutsche wird in der Schule und im Hause mit ausgesprochenem Fortschritte gepflegt. Zur Vorsicht erlaube ich mir die Bemerkung: Wenn. Herr General-Jnspector in Gegenwart von Israeliten etwas Vertrauliches mitzutheileN haben, so bitte sich nur hebräischer Winke zu bedienen — die versteht hier beinahe niemand."' Jetzt empfiehlt sich die Deputation gehobenes Muthes und jeder der Herren macht sich auf dem Heimwege im Waggon das Concepr zurecht,. mit dem er der Gemeinde die großen Erfolge unter Vorzeigung der mitgebrachten Sieges-Trophäen zu verkünden beabsichtigt. Herr Marpharius bleibt als Ehrenbegleiter zurück und gleich in der ersten Gemeinde wird Rundschau gehalten.! Jehudalem: ״Eine herrliche Gegend!"