Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 26 (11.10.1891)
- Date
- 1891-10-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 r & י ©atoniöu’5 erscheint uns als Abschluss der nationalen Einigung, und es beginnt das lyrische Zeitalter der Propheten. Aber schon Salomon selbst macht den Versuch, zum System der drei Dämme zurückzugreisen, und die ganze Epoche der Propheten bedeutet nichts anderes als den Kampf gegen das zweite Flussbett. Im Reiche Israel unterliegt der Mosaismus gänzlich, und wenn wir von den zehn Stämmen heute nichts wissen, so ist ganz einfach anzunehmen, dass sie in den heidnischen Nachbar-Semiten aufgegangen find. Die hebräische Sprache hört allmälig auf, eine lebende zu sein und 134 Jahre später endet auch das Reich Juda 586 ante, von welcher Zeit an gemischtsprachige Documente vorliegen. Das Intelligenz-Niveau unter der babylonifchen und persischen Herrschaft sinkt wieder herab. Die Colonisation unter Cyrus und feinen Nachfolgern bietet so viel Schwierigkeiten, wie jede Colonisirung überhaupt, es bleibt keine Zeit zum Lernen, geschweige Bücher zu schreiben, es entsteht eine neue jüdische Nation syrisch-aramäischer Sprache. Mit dem Sturze des zweihundertjährigen Perserreiches durch Alexander den Großen abermaliger Wechsel der Sprache: die Bauern Palästina's bleiben Aramäer, während die Städte nicht nur griechisch sprechen, sondern auch durch zwei Jahr- Hunderte, im ersten vor und im ersten nach Ehr., eine in der griechischen Litteratur geradezu dominirende Stellung einnehmen. Der Kampf zwischen diesen Elementen, fanatischen aramäischen Bauern einerseits, und intelligenten, aber durch den Einfluss des Hellenismus entsittlichten griechischen Städten anderseits, wird durch das Sectenwesen bezeichnet und führt zur politischen Auflösung der Nation. Vorbereitet wird sie durch eine geschichtliche Erscheinung, die wenigen unserer Glaubensgenossen, ihrer wahren Gestalt nach, bekannt sein dürfte, nämlich durch die Diaspora. Alexander der Große und seine Erben, also Griechen und Römer, gründeten keine Stammesherrschaft, etwa im Sinne des persischen oder germanischen Feudalwesens, sondern das Schwergewicht der Verwaltung lag in der Autonomie der Städte. Wurde irgend ein Land erobert und zur Provinz gemacht, so kamen in dasselbe — abgesehen von der militärischen Besatzung — im Ganzen nur etwa vier Civil-Oberbeamte der Verwaltung, der Polizei und des Steuerwesens. Der Gemeinderath jeder Stadt hatte also jene Agenden inne, die heute der Bezirkshauptmannfchaft, dem Bezirksgerichte und dem Steueramte zukommen. Aber um in dieser Weise zu verwalten, musste es viele Städte geben, und wo sie nicht waren, mussten solche Städte gegründet werden. In der That wurden damals unzählige Städte gegründet, wie nie vorher und nachher. Dazu brauchte man Menschen, die die neuen Städte bevölkern sollten. Zu diesem Behufe beriefen also die Eroberer dreierlei Einwohner: 1. die anwohnenden Ureinwohner der unterjochten Provinz, als rechtlose, vom activen und passiven Wahlrecht, also von dem Beamtenberuf ausgeschlossene Insassen; 2. Griechen und Römer mit vollen Rechten, aus deren Mitte die Beamten Hervorgiengen; 3. Juden, mit dem Rechte, innerhalb solcher Städte eigene Gemeinden zu bilden mit eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit, gegen Freiheit der Religionsausübung und als Folge hievon Befreiung vom Kriegsdienste, da es Sünde war, unter heidnischer Fahne zu dienen, aber gegen die Pflicht griechisch zu sprechen und zu amtiren. Der Sprache nach wurden die Juden Griechen. Die Uebersiedlung war keine erzwungene, sondern geschah freiwillig und erstreckte sich auf die Ost- Hälfte des römischen Reiches, wo es ,nur griechisch redende Provinzen gab. Nur dort gab es derart berechtigte Judengemeinden, während letztere im Westen nur factisch, aber nicht rechtlich bestanden. Als die minderberechtigten Ureinwohner der neuen Städte die bevorzugte Stellung der Juden sahen, traten sie massenhaft zum Judenthume über, so dass zur Kaiserzeit Roms die Mehrzahl der Diaspora-Juden aus Convertiten und deren Nachkommen bestand. Wenn wir in der Geschichte jener Zeit lesen, das Königshaus von Adiabene sei unter Kaiser Tiberius zum Judenthume übertreten, so war das für die damalige Zeit nichts Auffallendes, da derartige Uebertritte raglich vorkamen. Titus tödtet den Lebensnerv des Herzens, Trajan und Hadrian die noch mächtig zuckenden Glieder. Zum erstenmale hören wir von einer Beschränkung der Freizügigkeit zum Nachtheile der Juden, die unter Trajan von der Insel Cypern ausgeschlossen werden. Mit der Erklärung des Christenthums zur Staatsreligion wird die Jsolirtheit des Judenthums eine ausgesprochene. Potenzirt wird sie durch die Zerstörung des weströmischen Reiches, und das Mittelalter verurtheilt die Inden zu lebenslänglichem Gefängniße, verschärft mit Ghetto-Einzelhaft, Fasten und selbstverständlich Dunkelzelle, da die Finsternis über die ganze Erde verbreitet war. Soweit endlich im 19. Jahrhundert das Licht der Wissenschaft und Aufklärung drang, kam es auch den Juden zugute. Wir haben uns diese kursorische Ausführung geschichtlicher Andeutungen erlaubt, um mit größerer Klarheit die Frage besprechen zu können: Wann haben die Juden jenen vollen Grad der Intelligenz besessen, die der Höhe der mosaischen Gesetzgebung entspricht? Antwort: Während des ersten Tempels niemals, während, des zweiten eine kurze Zeit, die durch die Epoche der Hasmonäerkriege bezeichnet wird. Leider hat der Hellenismus so entsittlichend gewirkt, dass die sich befeindenden Extreme, Fanatismus und Epicuräismns, nicht nur die aufkeimende Saat erstickt, sondern auch namenloses Unglück über die Nation gebracht haben. Die folgenden 1809 Jahre vermissen wir im Judenthume die von Moses und den Propheten gepredigte Lebenslust am erlaubten Freudengenufse. Jene lebensfrohe Religion wird infolge des Druckes und der hiedurch erzeugten Geiftesfesselung zur trostlosen Einsiedelei und Kasteiungs- Anstalt. Der Genuss wird nach Anschauung des Volkes zur Sünde, Licht und Frohsinn zum Verbrechen an der göttlichen Majestät, und mit dem Mangel von Luft und Licht tritt auch geistiges und körperliches Siechthum ein. Neue Berhältniße, neues Klima, neuer Boden haben auch neue Formen der religiösen Anschauung geschaffen. Die Juden des Mittelatters und bis nahezu zum neunzehnten Jahrhundert besaßen am wenigstem jene Intelligenz, die zur Erfüllung ihrer mosaischen Mission nothwendig war. Nur die Neuzeit mit ihren wissenschaftlichen und praktischen Fortschritten ist im Stande, ein Mensche» Material zu liefern, das der Höhe der jüdischen Mission gewachsen ist. Nur die Neuzeit kann Juden erziehen, wie sie Moses und Jsaias haben wollten; nnr die alles nivellirende Wissenschaft ist im Stande, die Jsolirtheit des Judenthums nicht nur allfzuheben, sondern auch den jüdischen Ideen in der Schule zum Siege zu verhelfen. — Denn das jüdische Altertum kannte nicht die Rigorosität der Symbole, es kannte nicht die Jsolirtheit. Oder sind die Misch-Ehen, denen wir auf jedem Blatte der jüdischen Geschichte begegnen, bloße Zufälle. Sind es nicht vielmehr Symptome, dass außerhalb der zehn Gebote die Praxis eine mildere war? Sind es nicht vielmehr Symptome, dass die alte jüdische Kirche gegenüber Wohlstand und Intelligenz