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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-10-11 · Heft 26 (11.10.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 26 (11.10.1891)
Date
1891-10-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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diesen Tagen zufällt, die Augen aller Gemeindemitglieder sind auf uns gerichtet; sind wir es doch, die dem Gottesdienste Weihe und Feierlichkeit zu verleihen berufen sind, wir die Vermittler zwischen dem Allmächtigen und seiner Gemeinde. Jeder von uns sei sich daher auch dieser hohen Aufgabe bewusst. Makellos und rein, wie der Hohepriester, müssen wir vor Gottes Altar hintreten, nur der Gedanke an Gott, an unsere heilige Pflicht soll unser Herz erfüllen. Der Tag der Einkehr ist nahe! Jeder der dem heiligen Berufe des Scheliach Zibbur obliegt, möge bedenken, ob er nicht eine der Pflichten verletzt, die Religion und Humanität gebieten, aber er vergesse auch nicht die Frage an sein Gewissen, ob er auch die Pflichten gegenüber seinem Stande getreulich erfüllt hat. Hochbedeutsame und wichtige Angelegenheiten kamen in dem verflossenen Jahre zur Erledigung, und wieder waren es der ״ö st errei ch. - un g a rische C a nto ren Verein" und die ״C a nt o r en - Z e it u u g", die unentwegt für die Interessen ihrer Berufsgenossen eintraten. Der Vereinsvorstand 'scheute keine Mühe, um an höchster Stelle die Wünsche und berechtigten Ansprüche des Cantorenstandes zu verfechten und Wierde in dieser Action von der Cantoren-Zeitung nach Kräften unterstützt. Wenn uns die Zeichen nicht trügen, ist dieses gemeinsame Streben nicht ohne Erfolg geblieben und wird, vielleicht schon in nächster Zukunft, segensreiche Früchte zeitigen. Wie sollten da nicht alle Collegen herbeiströmen und mit freudigem Herzen ihr Scherflein beitragen zu dem Werke, das wir begonnen und das schon so weit fortgeschritten? Aber leider siuden all diese Mühen und Anstrengungen zwar volle An erkennung aber nur wenig Unterstützung. Viele unter den Collegen säumen gar zu lauge mit der Einzahlung der Abonnementsbetrage oder vergessen ganz daran, andere wieder, die vermöge ihrer Intelligenz dazu berufen wären, unser Unternehmen durch ihre geistigen Kräfte zu fördern, halten sich ferne. Es scheint, trotz der Errungenschaften der letzten Jahre, noch immer nicht die Ueberzeugung zum Durchbruche gelangt zu fein, von wie weittragender Wichtigkeit unser Organ für die idealen und materiellen Interessen des Cantorenstandes sei; denn anders können wir uns die Apathie und Gleichgiltigkeit so mancher unserer Amtsbrüder nicht erklären. Die irrige Anschauuug hat nur zu große Verbreitung gefunden, dass wir des Beistandes nicht bedürfen, dass unser Unternehmen, welches blos auf die Förderung und Wahrung der Interessen des Cantorenstandes bedacht ist, schon allein sich fortbringen und erhalten müsse. Aber diese Ansicht könnte leicht unserem Streben zum Verderben gereichen; denn wir können nur dann mit Lust und Liebe arbeiten, wenn wir allseitig Förderung und Beistand finden. Durch Gleichgiltigkeit der Collegen muß uns am Ende die Arbeit verleidet, ein gedeihliches Wirken unmöglich gemacht werden. Und darum richten wir an Alle, denen das Wohl des Cantorenstandes am Herzen liegt, den Appell, wenn die schweren Tage der beruflichen Thätigkeit vorüber sind, sich um unsere Fahne zu schaaren, denn nur Einigkeit und gemeinsame Arbeit kann die Erreichung unserer Wünsche ermöglichen, Uneinigkeit und Unthätigkeit aber müffen die alten traurigen Zustände wieder herbeiführeu. Der jüdische Religionsunterricht an der Neuschule. ■י' ' .7 '׳. . Bei allen Völkern des Alterthums bildeten Sprache, Religion und Politik eine organische Dreieinigkeit. Sie waren so innig verwachsen, dass jedes dieser drei Momente als lebenbedingendes und -erhaltendes Moment des Nationalkörpers auftrat. Die moderne universelle Anschauung, vermöge welcher eine Religion vielen Nationen und Staaten gemeinsam ist, sie war den Alten unbekannt; ja der Particnlarismus auf diesem Gebiete gieng so weit, dass bei Bekennern einer und derselben Religion jede Provinz, jede Gemeinde, ja sogar jede Gasse und schließlich jeder Familienherd seinen ausschließlichen Schutzgott hatte. Wir sehen also den Strom der göttlichen Allmacht in Myriaden enger, engerer und engster Abflüsse vertheilen, und die Priester mussten daraus bedacht sein, dass der Strom nicht zuletzt zum versiegenden Sandflnsse in der Steppe werde. Hier galt es also, durch Anbringung von Dämmen den Strom zu reguliren. Gleichwie am Südabhange der steil abfallenden Alpen jedes Hochwasser viel Gerölle ablöst, um es in der Ebene abzulagern und das Flussbett immer mehr zu erhöhen und seichter zu machen, so wurde» auch die Religionen der alten Völker, je weiter sie sich vom himmelshohen Ursprünge ent- ׳ fernten, täglich mehr verschlammt, versandet und seichter. Bei solchen Umständen lassen sich die Dämme nicht ins Unendliche erhöhen, sondern es ist angezeigter, einen dritten Parallel-Damm anzulegen, so dass der Fluss sich in zwei Betten, in einem höheren und in einem parallelen niedrigeren fortlaufend bewcgt. Und das war die Methode, die von den Priestern angewendet wurde, um die gänzliche Versumpfung der Systeme zu verhüten. Sie schufen den Dualismus des Glaubenssystems für Priester und Volk; für letzteres das Symbol, das ihm in sinnlicher Weise als Endzweck galt, für sich und die Eingeweihten, unter dem Namen der Mysterien das Abstractum jenes Symbols. Es gab also allenthalben Priester- und Volks-Religion. Da trat ein Riese aus, reinigte mit gigantischen Werkzeugen das alte Flussbett vom Schlamme, ließ den dritten Parallel-Damm abtragen, erhöhte die alten Dämme zu ungeahnter Höhe und zwang den Fluss in das alte Bett zurück, verbot das zweite Flussbett für ewige Zeiten, wobei Warnungstafeln angebrachtswurden, mit der Aufschrift: Ich, der Ewige, bin dein Gott und du sollst keine anderen Götter haben rc. — 'mit einem Worte: Von allen Systemen des Alterthums war das jüdische das einzige, das keinen Umerschied zwischen Volks- und Priester-Religion kannte. Nun, das ist die graue Theorie. Wie sah aber der grün-goldene Baum des Lebens ans? Jeder Unbefangene muß gestehen, dass ein System, das die Symbole verwarf und die Essenzialität des Abstracten, als solche, dem Volke lehrte, gewiss einen ziemlich hohen Grad von Cultur, als Mutter und Tochter der Intelligenz, voraussetzt. Wann haben die Juden' diesen Cülturgrad besessen? Die Ziegelmacher Egyptens, die Nomaden der Wüste, die unter Richtern stehenden, das Nomadenmit dem Ackerbauleben allmalig tauschenden Canton-Bauern Palästinas — die alle hätten den erforderlichen Jntelligenzgrad noch nicht. Factisch haben die Hebräer aus dieser Periode nur unbedeutende Spuren von Lyrik, ja von Litteratur überhaupt. Erst mit den Königen schien das nationale. Problem gelöst; die zersplitterte Cäntonal-Verfassung wich der einheitlich-monarchischen und der Tempel

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