Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 25 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453207-3453232--3262-3457599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
noffen, Schubert, Schumann, Lenau, Liszt u. A. Verehrung und volle Werthschätzung entgegen brachte. Zu Ehren der Anwesenheit Meherbeer's in Wien, fand einst im Salon des Banguiers Eskeles eine Soiree statt, der auch Leopold Edler von Wertheimstein, einer der freisinnigsten Eavaliere Alt-Wiens, beiwohnte. Im Laufe des Abends bat von Wertheimstein den Meister um eine Composition für den Tempel. M. refüsirte jedoch mit dem Bemerken: ,,Sie besitzen ja in Ihrem Sulzer einen Künstler, der in diesem Fache Unübertreffliches leistet". Herr v. Wert- Heimstein, der noch im höchsten Greisenalter Violoncellunterricht beim Verfasser dieses Artikels nahm, erzählte diese Episode wiederholt im Freundeskreise; sie darf daher wohl den Anspruch auf volle Glaubwürdigkeit erheben. Uebrigens könnte der Vor- Wurf einer ״Veroperung" des israelitschen Tempelgesanges auch Meyerbeer gemacht werden, da eine von diesem Meister herrührende Composition mit hebräischem Texte keinerlei althcbräischeu Merkmale aufweist, sondern vermöge ihres cosmopolitischen Charakters, bei entsprechender Tcxtunterlegung, ohne weiteres den Gottesdiensten aller Confestionen einverleibt werden könnte. Dies soll jedoch keinen Tadel involviren, im Gegentheile, wir schöpfen daraus die Lehre, dass der althebräische polnische oder sephardische Charakter keineswegs die Hanptbedingung bei Tempelgefängen bilden soll, deren Composition, wie überhaupt jedes auf Inspiration beruhende Schaffen, durch keinerlei vorher bestimmte Grenzen beengt werden darf. Hauptsache bleibt, dass der gottesdienstliche Gesang ein andächtiger, würde- und schwungvoller sei, der auch dem ästhetischen Gefühle Andersgläubiger, welche bei festlichen Gelegenheiten den Tempel besuchen, Rechnung trägt, indem er dem orientalischen Schnörkel und Zntervallengepräge nur mit weiser Oeconomie Verwendung gönut. Dieses Princip scheint auch Halevy festgehalten zu haben, als er den echt patriarchalischen Wechselgesang in der ״Jüdin" zwischen Eleazar und seinen Hausgenossen schuf. Leider begehen viele Tenoristen den bedauerlichen Mißgriff, dieses in seiner Ichu-alrm. Aus dem Tagebuche des ewigen Juden. Von Samuel Jellinek (Ung.-Brod). (Fortsetzung). Iehudalem: Alles wahr. Aber wenn Sie in dieser Richtung wirken wollen, müssen Sie mit den Herren in der Sprache sprechen, die selben angenehm ist. Mephistopheles, der alte Schelm, bemerkt ganz treffend: ״Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Unseren genügsamen Asketen genügt statt des Wortes ein Wörtel." Z. B.: Itzig: Schmule, Du bist ein Datscher, was ist Poesie? Schmule: Poesie ist die Blumensprache der Dichter. Itzig: Was ist Prosa? Schmule: Prosa ist die AUtagsfprache der Menschen. Itzig (freudig) : Sechzig Jahre bin ich alt und Hab' nicht gewusst, dass ich die Prosa kenne. Vor 2500 Jahren sprach der Holzhauer in Jerusalem hebräisch, der Gelehrte auch. Macht Holzhauer — hebräisch, ohne Sprachlehre, ohne Wissenschaft gelehrt? Oder ein anderes Beispiel: Muhme Golda und Neffe Baruch besuchen auf eindringliches Zureden des letzteren das Lustspiel der Hauptstadt, nachdem sie der weiten Reise halber zwei Nächte nicht geschlafen hatten. Die Natur fordert freilich nur von der alten Muhme ihren Tribut; die greise Golda schlummert sanft während der Vorstellung, bis ein gewaltiger Ausbruch des applaudirenden Publikums sie aufweckt. — Sofort klatscht sie mit und schreit: ״Bravo! Bravo!" erhabenen Einfachheit tief ergreifende Gebet anstatt mit weihevoller Andacht, näselnd vorzutragen, um, wie sie wähnen, den ״Juden" zu charakterisiren. Goldmark reducirt gerade in der Tempelscene der ״König von Saba" die orientalische Farben- Pracht, welche diese Oper dermaßen umglüht, dass sie wie einst Hanslick bemerkte, an Sulzer's Schir Zion erinnert. Auch in dem mit Begeisterung und zielbewußtem Streben geschaffenen Werke Goldmark's macht sich das Bedürfnis nach einer einfachen und würdigen Gestaltung des Gottesdienstes geltend. Es ist demnach anzunehmen, dass Halevy und Goldmark auch beim Schaffen synagogaler Compositionen nicht imstande gewesen wären, ihren ästhetischen Schönheitssinn zum Schweigen zu bringen. Vermuthlich hätte man in diesem Falle beide Meister ebenfalls mit den Vorwurf der ״Veroperung" des Gottesdienstes regalirt. Den Verfasser dieses Artikels leitete weder eine polemische Absicht gegen den veehrten Dichter der .,Erinnerungen an Meyerbeer", noch das Bedürfnis, die Verdienste des unvergesslichen Vaters, die ja in dessen nachgelassenen Werken unleugbar zu Tage treten und unzählige Male den Gegenstand begeisterter Anerkennung bildeten, hervorzuheben. Der Artikel hat nur den Zweck, es zu verhüten, dass uns durch die irrige Auffassung einiger Bemerkungen Meherbeer's der Genuß der Früchte eines segenbringenden reformatorischen Wirkens getrübt werde. Wien, iin September 1891. Joseph Sulzer. -Zu Mryerbekr's hundertjährigem Geburtstage. Von Engelbert Humperdinck (Frankfurt). (Schluss.) Die ״Hugenotten" enthalten ohne Zweifel manche Stellen, die man als wahre Perlen der Musiklitteratur bezeichnen kann. Dahin gehört Marcel's wirkungsvolles Schlachtlied, die liebliche Baruch: Muhme was klatscht Ihr? Ihr habt ja während des Witzes geschlafen. - Golda (noch mehr klatschend): Es war gewiss gut! Es war gewiss gut! So lange diese Herren klatschenden Goldas predigen, werden sie Beifall ernten, aber Baruch schreibt sich jetzt Bartolomäus und läuft ihnen davon! Der Doctor: Herr General-Jnspector, ich bin Ihnen für diesen Wink ungemein dankbar und meine Samstags-Predigt ist schon fertig. Iehudalem: Ihre Schlagfertigkeit entfesselt meine Neugierde. Sie haben wohl nicht vor, meine zwei ״Wörtel" zu verwenden? Der Doctor: Dagegen will sich mein Publikum verwahren welchem .man Allegorien und Parabeln immer aus geweiheteren Kreisen bieten innß, als es selbst ist: Bibelverse zuerst tobten, um mittelst erdichteter Wollhändler-Geschichten Wiederbelebungsversuche an ihnen anzustellen — entspricht nicht der Würde des heiligen Gegenstandes. ״Wer Wein will, der keltere reife Trauben! Jene Methode ist ebenso unzeitig׳ wie der Pilpulmit seinen Windungen, Kreuz- und Quer-, Minen-, Schein-Angriffen und Diversionen, um dann Alles gehen zu lassen, wie es der Halacha gefällt. Der Pilpul bildet Advocaten, aber nicht Theologen. Während der Advocat in den verschlungenen Formen der Combination geistesschärfende Muster findet, verlieren die religiösen Tröstungen an weihevof^r Würde, was sie an Witz gewinnen. ״Vom Herzen zum HeMn" ist der Weg der Predigt, nicht vom Kopfe zum Kopfe. Iehudalem: Auf gläubig. frommen Boden gedeiht von selbst gläubig fromme Frucht.