Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-10-01 · Heft 25 (1.10.1891) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 25 (1.10.1891)
Date
1891-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453207-3453232--3261-3457598
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

3 dass der Herr sie so sehr gesegnet hat. ״Es ist alles heilige Sache," entgegnete der fromme Rabbi, ״es ist den Armen geweiht. Wir haben kein größeres Recht daran, als jeder andere Arme daran hat." (Taan. 24.) Einst kamen, so wird an einer anderen Stelle erzählt, die Spenden sammelnden Rabbinen in das Haus eines Mannes j Namens Barbutin. In der Vorhalle hörten sie folgendes Gesprach, das der Sohn mit dem Vater hatte. ״Mein Vater, was werden wir heute zu Mittag speisen?" ״Kraut," war die Antwort. ״Aber welche Sorte soll ich kaufen?" fragte der Sohn weiter. Jene, von der zwei Maß eine Mine kosten, wenn sie auch etwas welk ist, aber sie ist billiger als die bessere Sorte," lautete die Antwort des Vaters. Infolge dieser Controverse! verließen die Rabbinen dieses Haus und besuchten vorerst die! anderen Leute, denn zu diesem Geizhalse, sagten sie, haben wir! noch immer Zeit zu gehen. Nachdem sie bei sämmtlichen Ortsl bewohnern die Spenden eingesammelt hatten, kamen sie auch zu j Barbutin und ersuchten ihn um eine Gabe. ״Gehet hinein zu! meiner Gattin," rief er ihnen zu, ״sie möge euch ein Maß! Denare geben." Sie verfügten sich in das Zimmer der Frau, der sie die Worte ihres Gatten berichteten. ״Wie soll das Maß sein, gehäuft oder gestrichen?" frug die fromme Frau. ״Er hat blos von einem Maße gesprochen," antworteten die Gelehrten. ״Nun, so will ich euch ein gehäuftes Maß geben, und im Falle er blos ein gestrichenes Maß gemeint, so werde ich den Mehrbetrag aus Eigenem ersetzen. Als sie zurückkehrten, um dem Manne ihren Dank auszusprechen, theilten sie ihm zugleich mit, wie edel sich seine Gattin benommen; ״sie hat," entgegnete er ihnen, ״ganz in meinem Sinne gehandelt und meine Absicht errathen. Saget mir aber, warum seid ihr nicht gleich bei eurer Ankunft zu mir gekommen?" ״Wir haben dein Gespräch mit deinem Sohne betreffs des Mittagsmahles gehört und da dachten wir, dass ein so karger, sparsamer Mann unmöglich sehr splendid sein kann," lautet ihre Antwort. ״Ja, für mich," ries Barbutin ans, ״bin ich sehr sparsam und lebe ärmlich, so es aber gilt, die göttlichen Vorschriften und Satzungen zu beobachten, die Noth zu mildern und zu lindern, spende ich reichlich." (Midr. Kohel. 120.) Die hier besprochenen drei Institutionen: 1?I10ra, Aboda, Gemiluth Chassodim, erfreuten sich stets in Israel der schönsten Blüthe und wurden mit Recht die Säulen des Judenthums genannt. Mit ihnen steht und fällt das Judenthum. Solange für die Erhaltung derselben die Bekenner des Judenthums bereitwilligst Opfer bringen, ist keine Macht auf Erden im Stande, das schöne, herrliche, imposante israelitische Religionsgebäude zu erschüttern. Mkyerberr's Ansichten über Synagogalmusik. Aus Anlass der Meyerbeer-Centennarfeier veröffentlichte L. A. Frankl in der ״Neuen Freien Presse" unter dem Titel: ״Erinnerungen an Meyerbeer" ein Feuilleton, welches einige Bemerkungen des Meisters in Betreff des israelitischen Gottesdienstes enthält, die, wenn sie nicht etwa auf ein Mißverständnis seitens des hochgeschätzten Di chters zurückzuführen sind, wie dies ja bei der Wiedergabe fachlicher Urtheile durch Laien, namentlich auf musikalische^'Gebiete, vorzukommen pflegt, wobei oft ein überhörtes oder (wenn auch bona fide) aus Eigenem hinzugefügtes Wort beträchtlichen Schaden verursachen kann, geeignet wären, Meister Giacomo, im strikten Gegensätze zu den Biographien und den persönlichen Erinnerungen noch lebender Zeitgenossen Meyerbeer's als enragirten Anhänger der orthodoxen Richtung erscheinen zu lassen. In diesem Falle wäre die Abneigung Meyerbeer's gegen die Einführung der Orgel in der Synagoge allerdings erklärlich. Nun ist aber Folgendes in Betracht zu ziehen. Meyerbeer bezeichnet die Orgel als eminent christliches Instrument und meint, dass wenn überhaupt von einer Instrumentalmusik im Tempel die Rede sein könne, allenfalls, wie im Salomonischen Tempel, nur Harfen, Flöten und Posaunen verwendet werden sollten. Nun, wenn die Orgel als ein christliches Instrument bezeichnet wird, so gilt dies in nicht geringerem Maße von Harfen, Flöten rc., die ja bekanntlich ebenfalls in der Kirche Verwendung finden; dass die Orgel im Salomonischen Tempel nicht ertönte, ist begreiflich, denn — sie existirte damals noch nicht. Es ist wohl nicht daran zu zweifeln, dass Meyerbeer, der geistreiche, denkende Künstler, sich auch zu dieser Anschauung bekannte. Wenn wir also dennoch, und zwar gegen unsere Ueberzengung, gelten lassen wollten, der Meister habe gegen die Orgel religiöse Bedenken gehegt — der Musiker in Meyerbeer hätte dieselben unbedingt zum Schweigen bringen müssen, schon durch die Erkenntnis des hohen Werthes, den die Orgel als Stütze des Chores besitzt. Unser Hofopernchor ist längst als ein vortrefflicher rühmlichst bekannt; dennoch wird er, wo dies auch nur halbwegs angeht, durch die Orgel unterstützt. In weit höherem Maße muß ein solcher Behelf für Synagogenchöre begehrenswerth erscheinen, bei welchen die Mitwirkung weiblicher Stimmen verpönt ist und mit einem in guter Oualität bekanntlich schwer zu beschaffenden Materiale an Knabenstimmen vorlieb genommen werden muß. Nicht die Orgel ist es, die vom israelitischen Gottesdienste fern bleiben soll, sondern ihre an die Kirche erinnernde Behandlnngsweise. Gerade Meyerbeer hat uns — seltsamer Weise in der Domscene des ״Propheten" — bewiesen, dass der Orgelklang keineswegs an die Kirche erinnern muß, wiewohl dies an jener Stelle vollkommen am Platze wäre. Ein weiterer Ausspruch Meyerbeer's lautet dem Franklscheu Feuilleton zufolge: ״Der treffliche Sänger Sulzer hat, von seiner genialen Kraft verleitet, die althebräischen, polnischen und sephardischen Melodien veropert und ihnen Schaden zugefügt". Dieser Aeußerung nach, hätte Meyerbeer an dem Vorhandensein eines Melodienschatzes von unzweifelhaft althebräischer, polnischer und sephardischer Provenienz geglaubt. Leider förderten emsige Forscherarbeiten ein negatives Resultat zu Täge. Alles, was wir besitzen, beschränkt sich — die diversen Singweisen kommen hier nicht in Betracht — auf einige melodische Sätze, die in Ermangelung von Anfschreibnngen, durch die mündliche oder vielmehr mundgerechte Ueberlieferung fortwährende Veränderungen erlitten. Salomon Sulzer erkanme kraft seiner Begabung die Verunstaltung der Melodien und beseitigte sie. Wenn dies ״veropern" heißt — dann sei dem angeblichen Meyerbeer'schen Ausspruche die tiefste Referenz dargebracht. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Meyerbeer, der feine cotoffalen Erfolge einzig und allein der Oper verdankte, gerade jene Kunstrichtung, die sein ganzes Denken und Fühlen in Anspruch nahm, als Ausdrucksmittel zur Herabminderung des Werthes der reformatorischen Thätigkeit eines Mannes gewählt haben soll, dem er, wie folgende Episode beweist, gleich seinen berühmten Zeitge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.