Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 25 (1.10.1891)
- Date
- 1891-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2, — ״Ein Saatkorn ist's im üppigen Gefilde, ״Ein Kapital, das ficher angelegt, ״Ihm Zins und Nutz in diesem Leben trägt. ״Allein der Stamm bleibt für das andere Leben: ״Dort tvird's der Herr dereinst zurück ihm geben. ״Doch auch der Arme wird geprüft, erprobt. ״Ob er im Leiden seinen Meister lobt. ״Wenn still gefasst er sein Geschick empfängt, ״Wenn aus er harrt, was auch sein Gott verhängt, ״Zn gottergeb'nem Muth, dann Heil ihm, Heil, ״Gesichert ist in Gottes Hand sein Theil". R. Aba hatte die Gewohnheit, Geld in ein Tuch zu Linden und es hinter sich unbemerkt fallen zu lassen, dass es die Armen aufheben können, doch war er dabei so vorsichtig, dass es nicht in Hände unwürdiger Subjecte gelange, (Ketub. 67), denn man muß auch wissen, w e n man unterstützen soll. Wenn mau Leute unterstützt, die die ihnen verabreichten Spenden zur Befriedigung ihrer Genusssucht verwenden, so unterstützt man gleichsam das Laster und begeht, anstatt eine Wohlthat auszuüben, eine große Sünde. Dürftige, durch harte Schicksalsschlage Herabgekommene, Verschämte, Verarmte u. s. w., mögen sie welcher Nation und Eonfession immer angehören, sobald sie einen sittlich reinen Lebenswandel führen, ist der Israelit nach der Lehre des Iudenthums kräftigst zu unterstützen moralisch verpflichtet, denn betreffs der Humanität kennt die Religion Israels keinenconfessionellenUnterschied. ״Eine Lehre sei dem Einheimischen, wie dem Fremden, der sich unter euch aufhält". (2. M. 12. 50). ״E i n Gesetz sei euch für den Fremden wie für den Eingeborenen des Landes" (4. M. 9. 14). ״Ein Recht sei euch, der Fremde sei wie der Einheimische, denn ich bin der ewige euer Gott" (3. M. 24. 22). ״Einerlei Lehre, und einerlei Rechte habt ihr und der Fremde, der bei euch wohnt". (4. M. 15. 16). ״Wie der Einheimische soll auch der Fremde sein, der bei euch wohnt, du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremde wäret ihr im Lande Egypten, ich der Ewige euer Gott" (3. M. 19. 33). ״Wenn dein Bruder verarmt und seine Hand neben dir sinken lässt, so unterstütze in kräftigst, gleichviel ob fremd oder einheimisch, damit er neben dir lebe". (3. M. 25. 35). Auch in dem viel verlästerten, geschmähten und verdächtigen Talmud heißt es: ״Der Jsraelite sei moralisch verpflichtet, die Armen und dürftige Heiden eben so kräftigst und liebevoll zu unterstützen als die Armen seiner Glaubens- und Slammesgenossen, die kranken Heiden so wie die jüdischen Kranken zu besuchen und die heidnischen ebenso pietätsvoll wie die jüdischen Dahingeschiedenen zu bestatten (Gittin 61). Immerhin übe Liebeswerk auch gegen den, der dich verfolgt und bedrückt, gekränkt und ve rletzt hat" (Bet ha-midr. Iellinek III. 113). ״Gott sprach zu Moses (so heißt es im Nidr-dalkut zu 1 M. lecb lecba): Glaube nicht, dass ich einen Unterschied mache zwischen Juden und Heiden; jeder der eine edle Thai ausübt, wird von mir nach Verdienst und Gebühr belohnt". Als die Egypter in den Wellen des Meeres ihre Gräber gefunden, wollten die Engelschaaren Danklieder anstimmen, da rief ihnen die göttliche Stimme unwillig zu: Meine Geschöpfe liegen im Meere versunken, und ihr wollet einen Freudengesang anstimmen? (Sanbedr. 39). Am Hüttenfeste wurden alljährlich im Tempel zu Jerusalem siebenzig Farren für das Wohlergehen der Völker geopfert. (Sukka 55) Aus beii hier reproducirten biblischen und talmudischen Stellen erhellt klar und deutlich, dass das Judenthum betreffs der Wohlthätigkeit keinen confessionellen Unterschied kennt, dass der Jude gesetzlich und moralisch verpflichtet sei, jeden würdigen Hilfsbedürftigen ohne Unterschied des Glaubens kräftigst zu unterstützen und kein Opfer zu scheuen, so es gilt, die Noth zu lindern und zu mildern. Der Talmud enthält in der That zahlreiche Beispiele von opferwilliger Wohlthätigkeit, Philanthropie und Munificenz der Rabbinen. Einige derselben mögen hier angeführt werden: Drei hervorragende Lehrer der talmudischen Zeit: Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua und Rabbi Akiba besuchten oft die Gegend von Antiochien, um Collecten behufs Unterstützung mittelloser Studierender zu veranstalten. Ein Mann Namens Abba Judan, der in jener Gegend wohnte, pflegte immer, so oft er von der Ankunft genannter Rabbinen hörte, ihnen entgegen zu eilen, um ihnen reiche Spenden zu verabreichen. Im Laufe der Zeit ist er jedoch durch Unglücksfälle feines bedeutenden Vermögens verlustig geworden. Eines Tages sah er, als er gerade mit der Bearbeitung eines kleinen, ihm noch verbliebenen Ackers beschäftigt war, die drei Rabbinen kommen. In seiner großen Verlegenheit warf er die Hacke zur Erde und eilte bestürzt nach Hause. Als die fromme Gattin ihn erblickte, rief sie ganz erstaunt aus: ״Was ist dir gesckehen, dass du so niedergeschlagen bist?". ״Die Rabbiner kommen, entgegnete er, und ich weiß nicht, was ich ihnen geben soll". Wir haben ja noch einen-Acker, antwortete sie ihm, die Hälfte desselben verkaufe und den Erlös gib ihnen. Der Mann that, wie die Frau gesprochen, und die Rabbinen merkten bald, dass die materiellen Verhältniße des braven wohlthätigen Abba Judan höchst ungünstig geworden sein müssen. Sie verabschiedeten sich von ihm mit den Worten: ״Der Allgütige möge dir deine Verluste ersetzen". Einige Tage später arbeitete Abba Judan in dem ihm gebliebenen Theile des Ackers. Während er den Pflug führte, stürzte die Kuh in eine Grube. Abba: Judan stieg hinab, um das Thier aufzuheben, und siehe da, ein Schatz lag in der Grube, und Judan war wieder ein reicher Mann. Im nächsten Jahre kamen die Rabbiner wieder hin, besuchten aber nicht den Judan, weil sie bei ihrer letzten Anwesenheit dessen Llrmuth errathen hatten, s ondern erkundigten sich bei den Leuten nach seinen Verhältnißen und frugen: ״Was ist aus Abba Judan geworden?" Die Antwort lautete: ״Abba Judan ist der reichste Mann der Stadt". Kanin aber hatte Abba Judan von der Ankunft der Rabbiner vernommen, als er ihnen entgegen eilte und ausrief: ״Euer Segen ist in Erfüllung gegangen, er hat mir vorzügliche Früchte getragen" (Midr. rab. 170). Von einem berühmten Lehrer Namens Elieser ans Bortota wird erzählt, dass er gar oft in seiner Wohlthätigkeit mehr zu thun pflegte, als seine Mittel es gestatteten, daher die Almosensammler ihm nicht selten, so sie ihn erblickten, auswichen. Eines Tages gieng er auf den Markt, um die Ausstattung seiner verlobten Tochter zu kaufen. Als die Almosensammler ihn von der Ferne sahen, wichen sie ihm aus, allein er m״rkte dies und eilte ihnen nach und beschwor sie, ihm zu sagen, zu welchem Zwecke sie die Spenden sammeln. ״Wir sammeln heute," entgegneten sie ihm, ״für die Mitgift eines Waisenpaares." ״Mein Gott!" rief er ergriffen, ״sie müssen meiner Tochter vorangehen." Und er gab ihnen alles, was er bei sich hatte, nur ein Sus behielt er bei sich, wofür er Weizen kaufte, den er in seiner Kammer aufbewahrte. ״Was hat dir der Vater Schönes gekauft?" frug die Mutter ihre Tochter. ״Ich weiß nicht, ״entgegnete sie, ״er hat Alles in die Kammer ׳getragen." Beide öffneten die Kammer, konnten jedoch nicht hineintreten, denn sie war gefüllt mit Weizen. Sofort eilte die Tochter ins Lehrhaus, um dem Vater die freudige Mittheilung zu machen,