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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-09-21 · Heft 24 (21.9.1891) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 24 (21.9.1891)
Date
1891-09-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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gemeinde Wien wurde der Statthalterei ein Statut zur Genehmigung vorgelegt, das wohl den Verhältnißen der Jetztzeit, kaum aber jenen von Groß-Wien Rechnung trägt. Die Vertreter der Vororte erklärten auch deshalb, trotzdem sie eine Vereinigung mit der Wiener israelitischen Cultusgemeinde im Sinne des Gesetzes anstreben, dass es wünschenswerth sei, dass auch jene Fragen Berücksichtigung fänden, welche den jetzigen Verhaltnißen Rechnung tragen. Die Bildung von Bethausvereiuen, wie sie die Wiener Cultusgemeinde anstrebt, wurde von den Delegirten der Vororte ganz entschieden abgelehnt, da sie von dem Grundsätze ausgehen, dass die Wiener Cultusgemeinde, welche die Steuern einhebt, auch die Verpflichtung habe, für die Erhaltung der Bethäuser zu sorgen. Nach längerer Debatte gab die Wiener Cultusgemeinde den Wünschen der Vororte nach und verzichtete auf ihr Verlangen nach Bildung von Bethausvereinen. Ueber einen weiteren Wunsch der Vorortedelegirten, der dahin gieng, die Verwaltung der Cultusgemeinde in ahnlicher Weise wie die der Commune Wien einzurichten, konnte vorlausig eine Einigung nicht erzielt werden, da die Vororte Bezirksvertretungen mit möglichst erweitertem Wirkungskreise verlangen, die Wiener Cultusgemeinde dies jedoch nicht zugestehen will. Es wurde deshalb über diesen Punkt noch weitere Verhandlungen zu Pflegen als nothwendig erachtet. Wien, 18. September. Vorgestern Nachmittags kameir über Budapest 60 aus Rußland ausgewiesene Juden, darunter 23 Kinder, aut dem Landungsplätze Wcißgärber in Wien an. Sie beabsichtigten, nach Oswiecim zu reisen und machten hier nur Station. Die Auswanderer wurden in die Leopoldstadt geführt, damit ihnen dort ein Nachtlager angewiesen werde. Ein Theil fand in Privathausern Unterkunft, die übrigen wollten, da sie nicht im Staude waren, ein Nachtlager zu bezahlen, im Freien bivouakiren. Die Polizei trat selbstverständlich dieser Absicht entgegen und stellte der Bezirksleiter Polizeirath Wächter, ohne jedoch eine eigentliche Amtshandlung gegen die subsistenzlosen Juden vorzunehmen, diesen zur Unterkunft den sogenannten ״Gemeinde-Arrest" in der Schiffamtsgasse zur Verfügung. Die Leute, welche wochenlang auf ihren Wanderzügen nicht aus den Kleidern gekommen sind und in keinem Beite geschlafen haben, fühlten sich in der ״Polizeistation", wie sie ihr Wiener Domizil nannten, recht wohl. Hier hatten sie wenigstens hinreichenden Raum, um ihre müden Glieder auszuftrecken, und die Benützung der langentbehrtcn Lagerstätten war für sie eine wahre Wohlthat. Im Laufe des gestrigen Vormittags fand sich ein Delegirter der Israelitischen Allianz in Wien bei dem Polizeikommissariate ein und suchte um die Erlaubnis an, die im Gemeinde-Arreste befindlichen Juden verköstigen zu dürfen. Anstandslos wurde dies bewilligt, und aus der nahegelegenen israelitischen Volksküche erhielten die bedauernswerthen Leute die Mittagskost. Mildthätige Bewohner der Umgebung hatten ihnen übrigens schon früher Brot und Butter zukommen lassen. Auch die in den Privatquartieren in der Kleinen Schiffgasse unterbrachten Flüchtlinge erhielten auf Rechung der Israelitischen Allianz das Mittagessen aus der Volksküche. . Nachmittags um 5 Uhr versammelten sich die in Privatquartieren unterbracht gewesenen russischen Flüchtlinge vordem Gemeinde-Arreste. Hier trafen sie mit ihren in diesem internirt gewesenen Genossen des Elends zusammen, und die armen Leute zogen, geführt von einem Sicherheitswachmanne in Zivil, durch die Schiffamtsgasse und Taborstraße nach der Nordbahn. Der traurige Zug musste Jedermann auffaüen. Zahlreiche Passanten drückten den bedauernswerthen Leuten kleine Unterstützungen in die Hand. Auf dem Nordbahnhofe wurden die russischen Juden von den Vertretern der Israelitischen Allianz erwartet und von diesen nach Oswiecim an das dortige Comite instradirt. Die Leute haben nur einen Wunsch, Amerika zu erreichen, wo sie hoffen, in den von Hirsch gegründeten Kolonien angesiedelt zu werden. Wien, 16. September. Der Minister für Cultus und Unterricht, Dr. Freiherr v. Gautsch, hat in Betreff der Feststellung und Abgrenzung der. israelitischen Cultusgemeinde- Sprengel in Mähren auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Marz 1890 über die Regelung der äußeren ^Rechtsverhältnisse der israelitischen Religions-Genossenschaft verordnet, dass in Mähren mit 1. Jänner 1892 folgende 50 israelitische Cultusgemeinden zu bestehen haben: Auspitz, Mährisch-Aussee, Austerlitz, Bisenz, Boskowitz, Ungarisch-Brod, Brünn, Butschowitz, Damboritz Eibenschütz, Eiwanowitz, Gaya, Gewitsch, Göding, Holleschau, Ungarisch-Hradisch, Jamnitz, Jglau, Kanitz, Kojetein, Kostet, Mährisch-Kromau, Kremsier, Leipnik, Lomnitz, Loschitz, Lundenbürg, Groß-Meseritsch, Walachisch-Meseritsch, Mißlitz, Neutitschein, Nikolsburg, Olmütz, Mährisch-Ostrau, Ungarisch-Ostrau, Pirnitz, Piesling, Pohrlitz, Prerau, Proßnitz, Neu-Naußnitz, Schaffa, Straßnitz, Teltsch, Trebilsch, Triesch, Mährisch-Weißkirchen, Wischau, Znaim und Zwittau. Zugleich werden die bisherigen israelitischen Cultnsgemeinden Althart, Battelau, Eisgrnb, Jritz, Koritschan, Kosteletz, Markwaretz, Puklitz, Pullitz, Tobitschau, Wessely und Wölling aufgelöst und deren Gebiete den benachbarten Cultusgemeinden einverleibt. Mstritz (Siebenbürgen). Se. Majestät der Kaiser hat während seiner hiesigen Anwesenheit die Deputationen sämmtlicher Confessionen und darunter auch die der israelitischen Cultusgemeinde des Bistritz-Nqszoder Comitates empfangen. Der Rabbiner Eugen H o r o v i tz sprach folgenden Segen (ungarisch): ״Dank Dir, Gott, König der Welten, der Du Se. Majestät, unseren König Deines Ruhmes theilhaftig gemacht hast! Erhöre die Gebete der israelitischen Geistlichkeit und der Gläubigen, die Se. Majestät unseren König von Schritt zu Schritt begleiten. Ueberschütte mit der Fülle Deines Segens unseren geliebten König und a. h. seine Familie. Amen!" Der Monarch war durch den aufrichtig herzlichen Ton des Gebetes sichtlich angenehm berührt und, nachdem er zweimal das Amen wiederholt hatte, dankte er durch eine gnädige Handbewegung. Fernesvar, 16. September. In der prachtvoll geschmückten Stadt herrscht allgemeiner Jubel über die Anwesenheit des Kaisers, und eine freudig erregte Volksmenge wogt in den Straßen. Heute 10 lfhr Vormittags begann der Empfang der Deputationen. Der Deputation der israelitischen Cultusgemeinden entgegnete der Kaiser: Mit Dank empfange Ich Ihre guten Wünsche und den Ausdruck Ihrer unverbrüchlichen Treue, indem Ich Sie auch bei dieser Gelegenheit Meiner Gnade und Meines Schutzes versichere. Mrestau. Prof. Dr. H. Graetz, Professor am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar und derzeitiger Vorsitzender des Lehrercollegiums ist, wie bereits gemeldet wurde, am 7. d. M. in Folge eines Schlaganfalles in München gestorben. Der Tod des durch seine Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Bibelforschung hochverdienten Gelehrten wird in den weitesten Kreisen lebhafte Theilnahme Hervorrufen. Am 31. October 1817 in Zerkow, einer kleinen Stadt in der Provinz Posen, geboren, war Graetz bei der Befriedigung seines früh sich zeigenden Wissensdranges zumeist auf sich selbst angewiesen. Im Alter von 14 Jahren kam er nach Wöllstein, um bei dem Rabbiner der dortigen Gemeinde seine talmudischen Kenntniße zu erweitern. Unter großen Mühen und Entbehrungen eignete sich der strebsame Knabe die Kenntnis der franzöfischen und lateinischen Sprache an und trieb eifrig Geschichte und Naturgeschichte, auch Astronomie und Botanik. Fünf Jahre später begab er sich nach Oldenburg, woselbst er sich für die Universität vorbereitete und von dem Rabbiner S. R. Hirsch lebhafte wissenschaftliche Anregung empfing. Nach Absolvirung seiner Universitätsstndien lebte er einige Jahre als Leiter einer Schule in Lundenburg. Hier begann er bereits an dem (zuerst erschienenen) 4. Bande seiner zwölfbändigen ״Geschichte der Juden" zu arbeiten. Durch seine erste 1846 erschienene Schrift ״Gnosticismus und Judenthum" lenkte er die Aufmerksamkeit der gelehrten Kreise auf sich. Er erhielt einen Ruf als Docent an das 1854 unter Leitung des Directors Dr. Z. Frankel in Breslau begründete Rabbinerseminar. Hier entfaltete er eine reich gesegnete Wirksamkeit als Lehrer, neben der er eine außerordentlich fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit entwickelte. Die am Tage des 25jährigen Bestehens des jüdisch-theologischen Seminars herausgegebene Denkschrift zählt 106 Schriften von ihm auf, darunter die während der Jahre 1852—1876 erschienene große ״Geschichte des Judenthums", ״Sinai et Golgatha", Paris 1867, ״Kohelet oder der salomonische Prediger",

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