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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-09-21 · Heft 24 (21.9.1891) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 24 (21.9.1891)
Date
1891-09-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 und hier theilte er dem erwähnten Korrespondenten über die Ausweisung der Juden aus Rußland eine Reihe betrübender Einzelheiten mit. Herr White erzählte: Die Maßregeln gegen die Juden werden seitens der russischen Regierung andauernd mit rücksichtsloser Strenge durchgeführt. Israeliten aus der ärmsten Klasse werden nach wie vor aus ihren Heimatsorten, aus dem russischen Reiche fortgeschaft. Ehemänner, Familienväter werden erbarmungslos ihren Weibern und Kindern entrissen. Der grausamsten Noth, den fürchterlichsten Entbehrungen anheimgefallen, verhungern diese Unglücklichen oder gehen an Krankheiten zu Grunde. Tausende Andere wandern über die Grenze, von der Hoffnung geleitet, in anderen gastlicheren Ländern ein Asyl zu finden. Mitleidige Menschen, Christen ebenso wie Juden, tragen dazu bei, das Elend der Verbannten zu lindern, aber dasselbe ist so groß, die Zahl der Auswanderer häuft sich in solchem Maße, dass private Wohlthätigkeit nichts Ausgiebiges zu richten vermag. Herr White's Absicht war, nach Kopenhagen zu gehen und dort beim Zar eine Audienz zu erlangen; er dachte nicht daran, die Aufhebung oder eine Aenderung der Ausweisungsmaßregeln zu erbitten, sondern er wollte blos eine Milderung der so grausam zur Durchführung gelangenden Verordnung erflehen. In demselben Sinne hatte sich Baron Hirsch an die russische Regierung gewendet; er hatte ihr nahegelegt, an Stelle der forcirten Ausweisungen ein gewisses Auswanderungssystem zu schaffen und dasselbe nach einer bestimmten Skala auf Jahre hinaus auszudehnen, so dass jedes mit der Kolonisirung der ausgewiesenen Juden beschäftigte Komitö in die Lage käme, unter Kontrole der russischen Regierung die zur Ausweisung verurtheilten Juden zu kolonisiren. Die einzige Absicht des Baron Hirsch in dieser Angelegenheit war, einer Ueberhastuug vorzubeugen welche das größte Elend für die Betroffenen zur Folge haben müsste. Mr. White war nicht im Stande, die erbetene Audienz beim Zaren zu erlangen, es war ihm also nicht möglich, dem Zar nahezulegen, wie grausam und unmenschlich die Ausführung der antisemitischen Verfügungen sei. Es scheint sogar, dass man in Rußland Werth darauf lege, bei der Ausführung der erwähnten Maßregeln noch unmenschlicher vorzugehen. Angesichts des nahenden Winters und der Hungersnoth, die in Rußland herrscht, ist die Verzweiflung und die Noth der ausgewiesenen Juden bis aufs Aeußerste gestiegen. Indessen hat Herr White noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass wenn es gelingen sollte, dem Zaren ein Bild des Jammers zu geben, den die drakonischen Gesetze heraufbeschworen, es doch erreichbar wäre, das unsäglich traurige Los der Ausgewiesenen zu mildern. Zu diesem Zwecke gedenkt Herr White abermals nach Petersburg zu gehen und neuerdings den Versuch zu machen, mit der Regierung in Verbindung zu treten und sie für den Menschenfreundlichen Plan des Baron Hirsch zu gewinnen, da auf andere Weise eine rationelle Hilfe gegen die Nothtage der Juden undenkbar erscheint. Interessant ist, dass auch die nichts weniger als judenfreundliche ״Kreuzzeitung" in Berlin zugibt, dass die Art der Ausweisungen, speziell in Moskau, grausam sei, und dass ״mit unglaublicher, sinnloser Brutaliat derfahren worden i st". Kleine Chronik. Wien. Donnerstag den 10. September fand unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten der Cultusgemeinde, Gemeinderath Gustav Simon, eine Versammlung der delegirten Vorstände der israelitischen Cultusgemeinden von Wien, Sechshans, Hernals- Ottakring-Neulerchenfeld und von Währing statt, um sich über jene Fragen zu einigen, welche als Grundlage der Vereinigung aller dieser Cultusgemeinden dienen sollen. Tags vorher hatten die Borortedelegirten in einer unter dem Vorsitze des Vize- Präsidenten Wilhelm Pollack der Cultusgemeinde Sechshaus stattgefundenen Vorbesprechung sich über jene Wünsche geeinigt, deren Erfüllung als Vorbedingung ihrer Vereinigung mit der Cultusgemeinde in Wien anzuftreben seien. Seitens der Cultus- Jehudalem: ״Was büßet Ihr ein? Gönnet mir den Brutus — Ihr bleibt doch ein Cäsar an Weisheit. — Aber genug des Mißverständnißes — hier meine Karte". — ״Der Doctor (liest): ״Jehudalem, General - Jnspector sämmtlicher jüdischer Geistesbahnen". — ״Ich bitte lOOOmal um Entschuldigung, wer hätte das vermuthet? und warum zu Fuß?" Jehudalem: ״Ihnen sei es gewährt, die Maske meines Jncognito ganz zu lüften. Ich bin der ewige Jude. Sehen Sie es meiner 4000jährigen Dienstzeit nach, wenn ich hie und da Allotria treibe. Mein Dampfross wartet in Pausingen und ich habe das Wandern vorgezogen, um Land und Leute näher anzustaunen. Sie bleibt doch ewig bewundernswerth diese ungarische Urwüchsigkeit, die in der Steppe, in der Hütte, im Salon ewig romantisch bleibt." Der Doctor: ״Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Unsere Pflanzen gedeihen, aber größere Pflege erzeugt in Nachbarländern schwerere Frucht; unsere Thiere entbehren des wirtlichen Daches, aber sie werden auch häufig Opfer der Seuche; unser Volk wird mit constitutioneller Denkart geboren, aber Westeuropa hat geordnetere Verwaltung und Rechtspflege; unsere Zigeuner sind Naturkünstler, aber nur vor nationalen Ohren, unsere jüdischen Heilsjünger studieren mehr Asketik als Wissenschaft". Jehudalem: ״Auf dieser Fährte verspreche ich mir vom Herrn Doctor reichlichen Gewinn." Der Doctor: ״Ich will mich nicht unterfangen, altklüger aufzutreten, als Ihre 4000 Jahre. Aber so viel steht fest: Auf der Geistes-Bahn-Statiou Pausingen kommt am häufigsten falsche Schienenstellung vor. Das Uebel liegt in der Mangelhaften Beleuchtung. Schon der Umstand, dass die Lampen nur einseitig angebracht find, erschwert den Dienst. Außer Moral- und Asketiköl und das in unraffinirtem Zustande — wollen die Herren keinen anderen Leuchtstoff einführen. Wie oft habe ich den Herren gerathen: ״Wollet Ihr wohl Euer Oel beibehalten, so lasset es wenigstens in einer jüdischen grammatikalisch-culturhistorischen Raffinerie reinigen". Jehudalem: ״Die dortigen Bahnbeamten meinen es gut. Aber zu den sogenannten nothwendigen liebeln zählte die Philosophie, nicht mit Unrecht, die Unschuld. So halten jene in ihrer Unschuld raffinirtes Oel für feuergefährlicher als unraffinirtes und besorgen, die im Central-Bahnhofe selbst so stark besuchte Capelle ״zur heiligen Pietät" könnte ein Raub der Flammen werden. — Ich muß mir das notiren und sofort für den dortigen Bahnhof Sicherheitslampen bei ״Samson Rafael Hirsch Erben" bestellen und den Herren zukommen lassen. Für Wiener Fabrikate sind die Plafonds zu wenig hoch. — Uebrigens kommt auf anderen sehr hell beleuchteten Bahnen, wohl keine falsche Schienenstellung, aber sehr häufige Entgleisung vor." Der Doctor: ״Zugegeben 1 Aber die Entgleisungen in der Nähe Pausingens sind wohl seltener, dafür gefährlicher und für die Reisenden zumeist von tödtender Wirkung. Denn diesen Reisenden ist nur eine Apotheke bekannt. Verlieren deren Heilmittel den Credit, wohin soll der Verwundete sich wenden? Die Entgleisung z. B. in der Nähe Wien's beschädigte Reisende, denen die Adressen tugendhafter deutscher, römischer und griechischer Aerzte und Apotheken bekannt sind, die also der Heilmittel niemals entrathen dürften." (Fortsetzung folgt.)

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