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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-09-21 · Heft 24 (21.9.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 24 (21.9.1891)
Date
1891-09-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 heiligen Schrift: ״Denn die Armuth wird nie aus dem Lande schwinden, darum gebiete ich dir, sprechend: Oeffnen sollst du deine Hand deinem Bruder, deinem Armen und deinem Dürftigen in deinem Lande" klar und deutlich zu entnehmen, dass die irdischen Güter und Reichthümer nur d an n nutzbringend angelegt werden können, so man sie zu wohlthätigen Zwecken verwendet. Die Wohlthätigkeit wird in der hebräischen Sprache gewohnlich mit dem Worte Zdaka, Tugend, Gerechtigkeit, ausgedrückt, das heißt: man muß in der Ausübung der Wohlihätigkeit auch streng gerecht sein, man muß wissen, wie und wen man unterstützen, wie und gegen wen mau wohlthätig sein soll. Wahrhaft verdienstlich und gottgefällig ist jene Wohlthat, die im Geheimen geübt wird. ״Eine Gabe im Geheimen löscht den Zorn." (Spr. Sal. 21, 14.) Wer öffentlich dem Armen eine Gabe reicht, um dadurch gleichsam mit seiner Munistcenz und Freigebigkeit ftunkern und prunken zu können, begeht mehr Sünde, als wenn er gar nichts gespendet hätte. (Chag. 5, Sab. 104.) ״Wehe dem, der den Armen öffentlich beschämt." (Maim. H. Mat. Anij. 11 5.) Ein hervorragender Lehrer der talmudischen Zeit Namens Mar Ukba zeichnete sich durch seltene Herzensgüte und unvergleichliche Philanthropie dadurch besonders vortheilhast aus, dass der von ihm unterstützte Arme nie erfahren, konnte, wer der Wohlthäter sei. In seiner Nachbarschaft wohnte ein Armer, der täglich, wenn er des Morgens die Hausthüre öffnete, im Riegelloche vier Sus vorfand, die hinreichend waren um seine Bedürfniße befriedigen zu können. Trotz aller Bemühungen konnte es dem Armen lange nicht gelingen zu erfahren, wer sein Wohlthäter sei. Eines Tages stellte er sich auf die Lauer. Kaum sing die Morgenröthe an zu dämmern, als sch on Mar Ukba in Begleitung seiner frommen Gattin, die ihm zum Lehrhause leuchtete, vor dem Hause des Armen erschien, um die tägliche Spende an den bestimmten Ort zu legen. Nasch eilte der Arme hinaus auf die Straße, um seinen edlen Gönner kennen zu lernen, allein Mar Ukba und seine Gattin eilten davon und versteckten sich in das Loch eines geheizten Ofens, um nur den Nachforschungen jenes Armen zu entgehen. Er zog sich bei dieser Gelegenheit leichte Brandwunden zu, die er mit Geduld gerne ertrug. Eitrem anderen Armen in seiner Nachbarschaft pflegte er alljährlich am Rüsttag des Versöhnungsfestes 400 Sus zu schicken. Einst ließ er diese Spende demselben durch seinem Sohn zukommen, dieser aber rief bei seiner Rückkunft dem frommen Vater zu: ״Dieser Mann hat es ja gar nicht nöthig, unterstützt zu werden, denn wie ich gesehen, lebt er sehr gut und lässt sich die feinsten und theuersten Weine schmecken." ״Ist nun der Mann," entgegnete der Vater, ״an Wohlleben gewöhnt, so muß ich ihm, da er mehr braucht, die doppelte Summe zukommen lassen, denn bei der Wohlthätigkeit muß man auch die persönlichen Bedürfniße des Armen berücksichtigen. Und als der fromme Rabbiner vor seinem Tode sich das Buch bringen ließ, in welchem alle von ihm gespendeten Gaben verzeichnet waren, und sich überzeugte, dass er blos 700 Denaren wohlthätigen Zwecken gewidmet hatte, rief er ganz betrübt aus: ״Wahrlich für eine so weite Reise viel zu wenig Zehrung (Ket. 67). Hillel der Große hielt das biblische Gesetz ״einem Armen, was ihm mangle, darzureichen" so gewissenhaft, dass er einem seines Vermögens verlustig gewordenen Manne täglich Pferd und Läufer miethete. (Midr. R. 3 M. Absch. 24.) (Fortsetzung folgt.) Zu Meyerbeer's Inindertiähriqem Geburtstage. Von Engelbert Huinperdinck (Frankfurt*). Wenn bei der Beurtheilung einer hervorragenden schöpserischeu Kraft vor Allem die Ausdehnung ihrer Wirkungen auf die Mit- und Nachwelt entscheidet, so verdient Giacomo Meyerbeer's Leben und Schaffen als eines der erfolgreichsten Operncomponisten, die je gelebt, ganz besondere Berücksichtigung. Meyerbeer's Bedeutung für die moderne Oper wird nicht mit der Thatsache erschöpft, dass seine Werke noch jetzt, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode, eine außerordentliche Anziehungskraft auf das Theaterpublikum ausüben; sie gipfelt vielmehr darin, dass vor ihm kaum irgend ein begabter Musiker sich eines solch nachhaltigen Einflusses auf die zeitgenössische Opernproduction zu rühmen hatte. Ungeachtet des zum Theil sehr heftigen Widerstandes, welchem Meyerbeer's Opern von Anfang an in musikalischen Kreisen begegneten —man braucht nur an Schumann's schroff abweisendes Verhalten zu erinnern, trotz der gewaltigen Wirkungen, welche später von den so verschieden gearteten reformatorischen Bestrebungen eines Richard Wagner ausgiengen — haben ״Robertder Teufel", ״Die Hugenotten", ״Der Prophet", ״Die Afrikanerin" ihren Platz in den Repertoir bis auf den heutigen Tag behauptet, und besonders in den für die Entsaltung pomphaften Glanzes empfänglicheren romanischen Ländern gilt Meyerbeer zum Theil noch immer als das unübertroffene Vorbild aller dramatischen Tonsetzer. Damit hängt es zusammen, dass viele der bekanntesten Bühnencomponisten der Neuzeit, wie Gounod, Massenei, Verdi, Rubinstein, Goldmark sich in Bahnen bewegen, die ihre Richtung von den Werken Meyerbeer's empfangen haben. In der That ist die Entstehung der modernen ״großen Oper", wie sie sich aus der Verschmelzung ursprünglich getrennter nationaler Stilarten zu einem kosmopolitischen Kunstgebilde bis auf unsere Tage entwickelt hat, mit als Hauptverdienst Meyerbeer's anzusehen, das selbst durch den Umstand nicht geschmälert wird, dass ihre vielgestaltigen Formen heute wohl uicht mehr als das Schönheitsideal eines einheitlichen Kunstwerkes gelten können. Der grimme Streit der Meinungen, der einst über den Werth oder Unwerth der Meyerbeer'schen Musik entbrannte, hat ansgetobt und ist einer ruhigen, objectiven Auffassung gewichen. Man anerkennt allgemein, dass Meyerbeer's Talent zur Bühnencomposition, sein Reichthum an thematischer Erfindung, seine Beherrschung der Formen, Kenntnis der vokalen und orchestralen Technik, eine nie versagende Sicherheit und Gewandtheit in der Anwendung der Esiectmittel der großen Oper ganz außerordentlich gewesen sind und durch glückliche Umstände wesentlich gefördert wurden. So mag es denn wohl am Platze und für'Viele ertvünscht sein, am heutigen hundertften Jahrestage seiner Geburt den Entwicklungsgang dieses merkwürdigen Mannes in einem kurzen Ueberblick dem Leser vor Augen zu führen. Jakob Meyer Beer — so lautet der eigentliche Name — wurde als ältester Sohn des reichen und angeseheuen Bankiers Jakob Herz Beer am 5. September 1791 zu Berlin geboren **). *) S. ״Frankfurter Ztg." vom 5. September 1891. **) Ueber das Geburtsjahr des großen Componisten herrscht merkwürdigerweise eine gewisse Unsicherheit der Angaben. Vor einigen Tagen versuchte der Figaro in einem längeren Artikel den Nachweis zu führen, dass Meherbeer nicht 1791, sondern 1794 geboren sei, und auch in den verschiedenen Nachschlagewerken wird die Jahreszahl verschieden ange-

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