Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 23 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Leben, werdet ihr euch denken. Brot, Salz und Wasser karg zugemessen, die Lager aufder harten Erde, ein trauriges Dasein ohne Genuß nur Verdruß, wie hart ist dieser Ausspruch! Kann die liebevolle jüdische Religion dieses verlangen? Doch schrecket nicht zurück vor dieser Lehre, es ist nicht so arg gemeint, als sie dargestellt ist. Es ist nur die Mäßigkeit in diesem Bilde ausgesprochen, dass der Mensch in jede Lage sich zu schicken verstehe? Dieser so scheinbar harte Spruch ist keinesfalls wörtlich zu nehmen. M ä ß i g k e i t u n d Genügsamkeit sind die seid e n e n Faden, die sich durch die Perlenschnur a l l e r T u g e n d e n ziehe n. Durch Mäßigkeit und Genügsamfeit kann man im Kampfe des Lebens als Sieger hervorgehen. Sie gleichen den warmen Sonnenstrahlen in der Fabel, die dem fröstelnden Wanderer seinen schützenden Mantel abzulegeu veranlassten, während die gewaltsamsten Anstrengungen des tobenden Sturmes ihm denselben nicht abzureißeu vermochten. Solche brausende Stürme umtobten unsere Vorfahren im finstern Mittelalter, man wollte Israel den Glaubensmantel gewaltsam herunterreißen, in welchen er sich hüllte und schützte, es gelang nicht. Mäßigkeit und Genügsamkeit haben das hartbedrängte Gottesvolk erhalten, es hat jeden Druck und jede Noth in Geduld und Ergebung ertragen, auf alles verzichtet nur auf die Thora nicht. Versteht ihr nun den Ausspruch dieser Mischna? Nichts kann beruhigender wirken, sowohl in häuslichen, als in weltlichen Kreisen, als männliche Mäßigkeit und weibliche Genügsamkeit, sie sind kostbare Theile an der Perlenschnur aller Tugenden, haben ihre Grundlage in der Enthaltsamkeit, Einfachheit, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit. Schmücket euch damit, sie zieren das Alter wie die Jugend. W1-. (Fortsetzung folgt.) Gilyelne Warte ülier Milchkn Gesang von Dr. A. Jellinek. Gesammelt und mit Erklärungen erläutert'von A. Roth, Bez.-Rabbiner in Siklos? Aus Anlass des 70jährigen Geburtstages des weltberühmten Predigers Dr. Jellinek habe ich eine Broschüre ״Einzelne Worte des Herrn Dr. Jellinek über jüdische Predigt mit Erläuterungen" veröffentlicht. Da aber Predigt und Gesang integrirende Theile des Gottesdienstes sind *), weil beide die Wirkung besitzen, die Zuhörer andächtig und religiös zu stimmen, die Seelen zu höheren Schwingungen zu beflügeln, weil beide die Leiter bilden, auf welcher der Geist sich emporschwingt hoch über der Erde Grenzen, daher will ich auch einzelne Worte des großen Meisters der Beredtsamkeit über jüdischen Gesang reproduziren **). Gewiss gibt es viele Leser dieser geschätzten Zeitung, welche nicht im Besitze der ausgezeichneten Predigten, dieser kostbaren Geistesschätze, sind, und nach den Worten unserer Rabbiner sind' die gesprochenen und geschriebenen Worte der Geistesheroen ewige Denkmäler. Im ersten Theile der Predigten S. 93 sagt Dr. Jellinek: Israel liebte stets den Gesang, war reich au lieblichen Weisen und erhebenden Tönen in der Freiheit; verstummte aber in der Knechtschaft. Darum ist die Geschichte des Gesanges in Israel zugleich die Geschichte der Freuden und Leiden, der Freiheit und Knechtschaft des israelitischen Volkes. *) In Jerusehalmi Pesachim 4. Abschnitt heißt: ,,Kohanim wehaschh* meaknin•‘ im h. Tempel mußten die Priester und Sänger fungiren, so dürfen bei keinem geregelten Gottesdienst Lehrer und Sänger fehlen. **) Der Dichter sagt: 2טיב מעתיק דברים מועילים ממחבר דברים בטלי Der erste Gesang, der in Israel ertönte, war ein Freiheitslied! Der älteste Feind Israels, der es zuerst bedrängt und bedrückt hatte, war geschlagen, vernichtet, begraben in den Wellen des Meeres; erst jetzt fühlte es sich wahrhaft frei, und da sangen Moses und die Kinder Israel ein Lied dem Ewigen und Siegestöne erklangen aus dem Munde der Geretteten und Befreiten! Bevor wir die goldenen Worte des Dr. Jellinek in dieser Predigt: ״Israels Gesang" fortsetzen, zitiren wir seine Worte in der Predigt: ״Sehir ha־Sehirim•‘ 1. Th. S. 18 die mit den obigen Worten in engem Zusammenhänge stehen : Nein, ihr Völker, ich bin nicht zur Knechtschaft geboren, ruft Israel aus. Freiheitslieder umrauschten meine Wiege, die au der Grenzscheide Afrikas und Asiens stand, und als ein kaum schwacher Schimmer der Freiheit die asiatischen Despotenreiche beleuchtete, stimmte ich, Israel, eine Freiheitshymne an auf den allmächtigen Gott der Freiheit, der den Egypter niederschmetterte.. — — Und jedes Jahr, wenn der Frühlingsmonat als Herold der Freiheit die Fesseln des Winters sprengt und die Gotteskraft in der Natur sich zu regen beginnt, da begehe ich alle! Tage ein Fest der Volksfreiheit und singe dem Gotte der Er- I lösung ein Freiheitslied, das älter als alle eure Freiheits lieber! ist, das später Debora, die Richterin, das David den König! zu neuen Freiheitsgesängen begeisterte. Jetzt kehren wir zu der Predigt ״Israels Gesang" zurück, wo Herr Dr. Jellinek Folgendes sagt: Wir würden aber das erste Lied unserer Vorfahren nicht verstehen und alle Farben der Schönheit verwischen, die in seinem Baue und seinen kurzen und kräftigen Sätzen, wie in seinen kunstvollen und verschluugenen Strophen sich offenbart, wenn wir etwa glauben wollten, j Moses und das Volk hätten es bunt durcheinander, und nicht in abwechselnden Chören, mit schwachen und starken, hohen und tiefen Stimmen gesungen. Da erhebt sich zum Beispiel ein mächtiger Chor in Draschen, unverbundenen Sätzen, den Rache: gesang des Egypters anstimmend: Ich jage nach, erhasche, theile Beute,! Kühle meinen Muth an ihnen, Zücke mein Schwert, Verderben bereitet ihnen meine Hand; ein anderer erwiderte ihm in sanften, langsamen, allmälig anschwellenden Tönen: Da ließest Du Deinen Wind wehen, Das Meer bedeckte sie, Sie sanken wie Blei In die gewaltigen Wasser; und das ganze Volk vereinigt sich zu dem Gesammtchor; Wer gleichet Dir unter den Mächten, o Ewiger, Wer prangt wie Du in Herrlichkeit i Ruhmverherrlichter, Wunderthäter. Kleine Chronik. Wien, 7. September. Gestern Vormittag sind mit zwei Separatzügen mehrere hundert Prager Czechen in Wien angekommen, zur Erwiderung des Besuches, den kürzlich die Mitglieder sechs hiesiger slavischer Vereine in Prag abstatteten. Die antisemitische Clique, welche kürzlich unter Führung des Mechanikers Schneider einen Ausflug, nach Prag unternommen, beabsichtigte die Anwesenheit der Czechen in Wien zu einer antisemitischen Demonstration zu gestalten, was ihnen aber vollständig mißlang. Wie wir erfahren, haben die hiesigen slavi-