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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-09-01 · Heft 22 (1.9.1891) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 22 (1.9.1891)
Date
1891-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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darf man einen Kirchengesang in der Synagoge zum Vortrage bringen"^ führt er dort weiter aus. Nach einem so ausdrücklichen Verbote eines so frommen und autoritativen Mannes in Israel, zweifeln wir wol sehr, dass ein Chasan^es gewagt hätte, das Kirchentonarten-System zu lernen oder gar in die Synagoge hineinzüschmüggeln. Und ebenso wenig wie dieses, ist auch die weitere Ausführung begründet und wahrscheinlich, indem es dort weiter heißt: ״Die Juden haben in allen Zeiten und in allen Landern die Musik ihrer Umgebung auf sich einwirken lassen. Und da man im Mittelalter nur die Kircheutonarten kannte, bewegen sich auch alle mittelalterlichen Synagogengesänge — die Accente mit einbegriffen — in jenen Tonarten". Erstens kann mau hier im Entfernften nicht von einer ״Umgebung" sprechen, da die Kirchentonarten allerdings Eigenthum der Kirche waren aber nur^dort geübt wurden, wo die Juden zu keiner Zeit Eintritt hatten und aus.religiösen Gründen auch keinen suchten. Dann aber kann die obige Voraussetzung, die Juden hätten sich dem jewelligen Volksgesange angeschlossen — besonders im Betreffe des Synagogengesanges — nur in solchen Ländern zutreffend sein, wo sie große Freiheiten erlangten, wie früher in Spanien und jetzt in Deutschland und in den andern civilisirten Ländern, und wo sie gleichzeitig mit dem sie anwehenden freiheitlichen Hauche auch das Joch der Religionssatzungen sich erleichterten. Wo dieses aber nicht war und wo sie unter den Ketten der Bedrückungen und der Intoleranz zu schmachten und schwer zu leiden hatten, wie es im ganzen Mittelalter mehr oder weniger der Fall war, da blieben sie ihrer Religion und ihrem Gesang treu und es ist ihnen dann auch die Lust vergangen, Neues aufzusuchen und nach Fremdem zu Haschen. Zum Schluffe können wir es-uns nicht verhehlen, dass wir es unserem lieben und so bedeutenden Collegen sehr übel nehmen, wenn er seine werthvollen litterarischen Arbeiten einem Blatte zuwendet, das, seitdem es mehr mercantile Zwecke verfolgt, uns feindlich gegenüber steht und immer etwas in petto hat, um uns am Zeuge zu sticken und unfern Stand herabzusetzen und -ju verunglimpfen. Damit identificirt er sich mit den Idealen des Herrn Rabbiners Dr. G. Deutsch und des Herrn Rechtsanwaltes Emil Lehmann, welch' letzterer besonders sich in seiner Philippika alle mögliche Mühe gibt, uns auf's Tiefste zu erniedrigen und unfern Stand herabzuwürdigen. Und was sagt denn eigentlich der Rechtsanwalt Lehmann anderes und mehr, als der Qbercantor Birnbaum? Jener geht von dem Gedanken aus, dass ״unseren altehrwürdigen und — wie er selbst zugestehen muß — (ümalloch ra bal korcho jaane amen) tief ergreisenden Synagogenmelodien nicht auf eigenem Boden erwachsen sind", und darum fort mit diesem Gesänge und auch fort mit dem jüdischen Cantor; wie in der protestantischen Kirche, so soll auch in der Synagoge die Predigt die Hauptsache sein! Und nichts anderes ist auch in der Behauptung des Letzter» enthalten. Wenn der Synagogengesang den Kirchentonarten entlehnt ist, so ist die Synagoge in ihrem Gottesdienste nicht mchr selbstständig, und zwar ist sie darin von der Kirche abhängig, und wir Cantoren, die wir durch diesen Gottesdienst als die vornehmsten Diener der Synagoge gelten, sind eigentlich nicht in Wirklichkeit die Diener derselben, sondern wir sind die Diener jener Kirche eben, deren Gesang wir jetzt noch ausüben: Wir sind daher sehr entbehrlich und können jeden Augenblick abtreten. Das ist das folgerichtige Resume. - Auf die wegwerfenden Auslassungen des Herrn Lehmann über unfern Stand naher einzugehen und darauf speciell;zu antworten, erachten wir es unsererseits insofern für überflüssig, als wir diese Angelegenheit bereits gründlich erörtert haben. Wir brauchen hier nur auf unsere diesbezügliche Ab- Handlung in dieser Artikelserie hinzuweisen, wo wir den Stand- Punkt des Cantors gegenüber dem des Rabbiners genügend beleuchteten und klar nachgewiesen haben, dass der Cantor auf viel realerem Boden des Judenthums sich befindet, als der Heutige Rabbiner, der von seinen Freunden und Sachwaltern zum bloßen ״Prediger" degradirt wird. Allerdings im protestantischen Cultus, wie er dem Herrn L. als höchstes Ideal vorschwebt und wie er ihn auch in der Synagoge wünscht, da hat der jüdische Cantor in der That nichts zu suchen und ist dort vollständig entbehrlich; da ist der Prediger die Hauptperson, selbst wenn er heute für die Heilighaltung des Sabbaths und morgen für die Entweihung und gänzliche Abschaffung desselben predigt. Aber wo nach echtjüdischem, tausendjährigem Gebrauche gebetet und zwar viel gebetet wird, dafür weniger gepredigt, da braucht man — will man nicht als ungeschliffene ״Ame hoarazim“ und erbarmungslos lächerlich erscheinen — zu allererst und am allernothwendigsien einen Cantor, der die Gebete recht versteht und mit seiner Gesangskunst Leben und Seele in sie hineinzulegen weiß. Allein man kann mit Herrn L. über einen Gegenstand, der seinen Ursprung vom Talmud herleitet, nicht viel streiten, weil er erstens in diesem weitem, unergründlichen Meere nicht zu steuern versteht, und dann weil er auch die Kostbarkeit der aus seinen Tiefen herausgeholten Perlen nicht als vollgiltig anerkennt. Was würden daher die Beweise alle viel nützen, die wir aus dem Talmud zu unserer Vertheidigung in großer Menge anführen könnten? Um aber Herrn L. dennoch zu zeigen, dass der ״Schatz" viel älter ist, als der ״Matz" und auch damit darzuthun, welche Bedeutung der Talmud dem Cantor — der Kürze und des Wohllautes wegen, wollen wir ihn nur so und nicht anders nennen — beilegt, wollen wir nur die einzige Stelle aus Boschliascliono 17, 6, hier anführen, welche lautet: “"מלמד שנתעטף הקב״ה כשליה צבור והראה לו למשה סדר תפלה ״Gott hat sich umhüllt, wie ein Bote der Gemeinde (wie ein Cantor) und hat Moses die Ordnung des Gebetes gezeigt". Sehen sie Herr L., welche Ehre Gott dem Cantor angethan hat! Gott hat sich nicht als Prediger verkleidet, um Moses zu zeigen wie man Predigt, sondern er hat sich umhüllt wie ein Vorbeter und Cantor, und hat Moses unterwiesen, wie man betet. Und so ist und bleibt der Cantor, so lange ein wahres, wirkliches Judenthum bestehen und aus ihm kein Protestantenthum werden wird, immer der Meister des Gebetes, der weder hinwegartikelt noch hinweggepredigt werden kann. Die wichtigsten Institutionen des Iu-enthnms nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der Weisen in Israel. Dargestellt -von Dr. M. H. F r i e d l a n d e r, Bez.-- Rabbiner in Pisek. II. Jas Gotteshaus. (Fortsetzung.) Die der Andacht und Gottesverehruug geweihte Jnstituti'on ist ebenfalls so alt als das Jüdenthum *). Als die Söhne Israels bald nach der Offenbarung am Sinai sich von dem beim'Auszuge aus'Egypten sich ihnen angeschlossenen Troß, ״Erew raw“ genannt, verleiten ließen, ihre heiligsten edelsten Güter, Schätze an Lehren, ihre erhabensten Ideale zu verleug- Neu, 'dem craffen Materialismus zu Huldigen und vor einem *) Schon die Patriarchen Abraham, Jsak und Jakob haben durch Gebete - ihre: GdüeSvetehruNtz ausg edriukt-nnd: ihre ü Herze nslvünsch e dem Allgütigen vorgetragen. WM

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