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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1891-09-01 · Heft 22 (1.9.1891) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
11 (1891)
Issue
Heft 22 (1.9.1891)
Date
1891-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Cantoreo Oen.tra.l-Org־a״n. und Cultusbeamtrn ——- Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Medactioo Administration Men II. Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Mannscripte werden nicht retournirt. Abonnements- und Jnsertionsbetrage sind in Wien zahlbar. Pränumerations-Preis. Kür ßanloreu und ßuttusSeamte in Hcstcrreich-Ztngarn Ganzjährig.ff. 4.— Halbjährig.fl. 2.— Kür ßanloren und ßuNusveamte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Anstitute Ganzjährig. . . . . . fl. v.— Ar. 22 Wien, 1. September 1891. 11. Jahrgang. Ein Beitrag;nr Klärung der Frage! über die traditionellen Tonarten. XXIII. Eines aber erscheint uns dabei dennoch ein wenig auffällig und wunderbar. Unter allen angeführten Synagogen- Melodien, die von den Kirchentonarten abstammen sollen, begegnen wir auch keiner einzigen, der eine pla g alisch e Kirchentonart zu Grunde liegt; alle werden sie nur von authenischen Tonarten abgeleitet, nicht eine einzige aber kann ihre Abkunft auf eine plagalische Tonart zurückführen. Was soll das heißen? Sotten unsere Väter nur den heiligen Ambrosius anerkannt und nur seine authenischen Tonarten acceptirt, den nicht minder heiligen Gregor hingegen ignorirt und seine plagelischen Tonarten gänzlich verworfen haben? Oder sollten unsere Kirchentonartenritter ganz daran vergessen haben, dass neben den authentischen auch noch plagale Kirchentonarten existiren, und es daher völlig übersehen, dem nachznsorschen, ob nicht im ganzen so ausgedehnten ״OI1a80nu8" wenn auch nur eine Melodie sich vorfindet, die nach irgend einer gregorianischen (plagalen) Tonart gerichtet werden könnte? Sollte letzteres wirklich der Fall sein, dann wäre ihnen anzuräthen, das Fehlende ja nur schleunigst nachzuholen, damit auch diesen so wichtigen Kirchentönen in unserem Synagogengesange eine feste Burg gebaut werde; denn in der Kirche selbst haben sie schon längst jeden Halt und jeden Stützpunkt verloren. Dieses augenfällige Manko allein, genügt schon, um vollaus zu erkennen, auf welchem Holzwege die Kirchentonartenfreunde sich befinden und wie vollständig grundlos und oberflächlich ihre Behauptung ist. Es schmerzt uns tief, das sagen zu müssen, denn jedes herbe Wort, das unserer Feder entschlüpft, wen trifft es sonst, als unsere eigenen Eollegen, und darunter sogar einen sehr lieben und werthgeschätzten Eollegen? Allein es betrifft die Wahrheit und damit auch unsere nationale Ehre, wir können und dürfen daher mit unfern Worten, so hart sie sonst sein mögen, nicht zurückhalten und müssen gerade heraus sagen, was wir darüber denken und im tiefsten Innern fühlen. Uns wandelt dieses ganze Gebühren an, als ob dahinter ein Stück ״Antisemitismus" versteckt wäre, der uns kein gutes Haar lässt -und uns jedes geistigen Eigenthumsrechtes beraubt. Was wir Rechtes haben, gehört nicht uns, das haben wir nur dem hohen Standpunkte des geläuterten Christenthums und der Größe seiner Entwicklung in Kunst und Wissenschaft zu verdanken. Selbst unsere Megilla konnte 800 Jahre lang, nämlich in der ganzen Bestandzeit des zweiten Tempels und 400 Jahre darnach — und wenn erst auf Ol-aeolifch geschlossen werden sollte, viele Jahrhunderte später noch — nicht festlich und sangmäßig genug vorgetragen werden, bis erst Ambrosius ״die zum Ausdruck hehrer Feier und würdiger Freude besonders geeignete dorische Tonart" erfunden hat und es >dann ermöglichte, den rechten Ausdruck dafür zu finden. Wahrlich, es wäre sehr spasshaft und man könnte sich darüber die Seiten vor Lachen halten, wenn es nicht gar so traurig wäre! In einer weiteren Randbemerkung lässt sich Herr B. folgendermaßen vernehmen: ״Die ventilirte Frage, ob die mittelalterlichen Juden ihre Gesänge in den bekannten (?) Kirchentonarten gesungen haben, ist mit ״Ja" zu beantworten." Wie wenig diese willkürliche Behauptung begründet ist, wollen wir einige unserer eigenen Antoren aus dem höchsten Mittelaller zitiren, um aus ihren Äußerungen den wahren Sachverhalt zu erfahren. Zuerst führen wir Rabbi Lipmann Mühlhausen an, den Verfasser des seiner Zeit epochemachenden Werkes, ״Nizachon“, welches er im Jahre 1495 beendet hatte, also zur Zeit, in welcher die Kirchentonarten in größter Blüthe standen, und welches vom berüchtigten Wagenseil zum erstenmal dem Drucke übergeben wurde. Im genannten Werke nun Stück 180 befindet sich folgende merkwürdige Stelle: ״Der Bischof von Lindau ersuchte ihn", erzählt der Verfasser, ״ihm darüber Auskunft zu ertheilen, warum die Juden ihre Gebete nicht in derselben Weise, wie die Christen, absingen?" Wenn nun jene Frage so gewiss mit ״Ja" zu beantworten wäre, dann hätte erstens der betreffende Bischof keine Veranlassung, darüber irgend welche Auskunft zu verlangen, und dann konnte der Gefragte ihm doch den Bescheid gegeben haben: Der Gesang der Juden hat wohl Gemeinschaft mit dem der Christen, indem sie ebenfalls nach den Kirchentonarten singen. Ferner haben wir Rabbi Jehuda Hachosid anzusühren, der bereits im Jahre 1216 gestorben ist und der 1 in seinem Buche 86״x)16r Chasidim“ Stück 238 strengstens untersagt: ״Dass man einem weinenden Kinde keine Kirchengesänge als Wiegenlieder vorsinge, um es zu beruhigen; viel weniger noch

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